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fahrtstage eine Mondraute findet, der heiratet in Jahresfrist. Da sie
auch Allermannsharnisch heisst, so sprechen die Mädchen daher:
„Allermannsherrn, Dich such* ich gern!“ Täuscht das Kraut, so
schelten sie wohl: „Dat Allermannsherrn, dat böse Krut, dat häw
ick gesucht, un ben doch nich Brut.“ Etwas Gespenstisches und
Umheimliches haben jene Pflanzen, die als narkotische Gifte betäuben
und zu sonderbaren Visionen veranlassen. Einer dieser unheimlichen
Gesellen ist der Stechapfel, von dem die Wirkungen seines Samens
und seiner Blätter bekannt sind. Die Schilderung der Hexensabbathe
scheint auf die Erregung bestimmter Nervenpartieen hinzudeuten,
wie sie bei Gebrauch des Stechapfels und verwandte Narkotica jedes¬
mal eintreten. Es scheint, dass die als Hexen und Hexenmeister
Verbrannten nicht blos als Opfer der Bosheit ihrer Richter fielen,
sondern dass manche vou ihnen wirklich glaubten, Zusammenkünfte
mit bösen Geistern gehabt zu haben. Und noch heutigen Tages
grassiert im Volke bei Hoch und Niedrig viel Aberglaube, von dem
wir keine Ahnung haben, da man versucht, ihn zu verdecken und
zu bemänteln. Erst neulich legte eine Gerichtsverhandlung zu Tage,
dass ein Bäuerlein glaubte, mit seinem Hexentischchen Brandstifter
ermitteln zu können. Es ist nichts so unsinnig, als dass es nicht
seine Anhänger und Verehrer fände. Also Kampf dem Aberglauben
und Irrwahn mit dem hellen Lichte der Wissenschaft!
E. H.
Die Vögel als Wetterpropheten.
Hierüber entnehmen wir einer Skizze von Rudolph Müldener
nachfolgende Abhandlung:
Wurden im ganzen Mittelalter die ersten Zugvögel, namentlich
Schwalben und Störche, als Frühlingsboten, das heisst als Boten des
Frühlings, nicht wie er im Kalender steht, sondern wie er wirklich
in der Natur seinen Einzug hält, von der Bevölkerung überall mit
Jubel begrüsst, ja an mahchen Orten sogar offiziell bewillkommnet,
dass heisst vom Türmer angeblasen, so siebt man diese geflügelten,
die ganze Landschaft so wunderbar belebenden Gäste unserer Sommer¬
zeit natürlich nur ungern scheiden, namentlich da ihr Scheiden das
Herannahen des Winters bedeutet. Gleichwohl kann man die Ab¬
reise der Zugvögel nicht als Anzeichen sofort eintretender Winterkälte
betrachten. Kommt auch bei ihrem unleugbaren Vorgefühl für ein¬
tretende Wetter Veränderungen der Fall, dass die Zugvögel bei uns
von Winterkälte überrascht werden, nicht vor, so genügt doch oft
genug das von ihnen vorempfundene Einfallen einiger rauhen Tage,
denen nicht selten oft noch Wochen eines wirklich warmen und
schönen Herbstes folgen, die Segler der Lüfte zu einer raschen Ab¬
reise nach Süden zu veranlassen, wie andererseits Unwetter, oder
plötzlich eintretende Kälte die uns zurückkehrenden Vögel, sei es
auf der Reise, oder kurz nach der Ankunft, oft millionenfach zu
Grunde richten.
Im allgemeinen ist der Satz richtig, dass, wenn die Zugvögel
nicht vor Michaeli wegziehen, wenn nicht überhaupt ein gelinder,
doch wenigstens nur ein Spätwinter eintritt, oder, wie man an andern
Orten sagt, das Wetter bis Weihnachten gelinde bleibt.
Auch das Sprichwort:
„Wenn die Störche zeitig reisen,
Da kommt ein Winter, der ist von Eisen“
ist nicht so unbedingt richtig; ein frühes Reisen der Störche be¬
zeichnet nur einen raschen Eintritt der Kälte, die jedoch nicht not¬
wendig anhaltend zu sein braucht.
Als Pendant zu obigem Satze möge hier noch ein anderer seine
Stelle finden:
„Bleiben die Störche noch nach Bartholomä (24. August),
So kommt ein Winter, der thut nicht weh.“
Bei uns im mittleren Deutschland, wo ihre Abreise meist erst
im ersten Drittel des September stattfindet, dürften die Störche wohl
meist über den Bartholomäustag hinaus verweilen, ohne dass wir darum
auf milde Winter zu rechnen hätten.
„Wirft der Storch eines aus dem Neste von der jungen Schaar,
So gibts ein trockenes Jahr,“
heisst es in Niederdeutschland. Allerdings kommt es zuweilen vor,
dass der Storch ein Junges aus dem Neste wirft, ob aber die Furcht
vor einem trockeuen Jahre den Storchvater zu dieser Prozedur ver¬
anlasst, wagen wir doch nicht zu behaupten. Möglich wäre es aller¬
dings, indem ein dürres Jahr, welches die Sümpfe austrocknet, in
denen der Storch doch hauptsächlich seine Nahrung sucht, dem
Storehvater die Ernährung einer zu zahlreichen Nachkommenschaft
leicht zu schwer machen könnte.
In OstpreusseD hat man indessen ein Sprüchwort:
„Wenn die Störche Eier (nicht Junge; aus dem Neste fegen,
So gibt’s ein Jahr mit vielem Regen,“
für dessen Richtigkeit wir indessen auch nicht einstehen möchten.
Dahingegen behaupten die Bewohner Niederdeutschlands, dass mit
Sicherheit auf Regen zu rechnen sei, falls der Storch vor dem Ver¬
lassen des Nestes seine Jungen mit Federn bedecke.
Mit Recht schliesst man aus einem frühen Mausern der Vögel
auf einen frühen Winter, und:
„Wenn das Huhn sich mausert vor dem Hahn,
Werden wir ’nen harten Winter han."
Von den alten Hähnen behauptet man, dass, wenn sie im
Herbst die Federn zuerst am Schwänze verlieren, der Bauer mit der
Saat nicht zu eilen habe, weil Frost dann zunächst nicht zu erwarten
sei, wohl aber müsse er sich mit der Saat sputen, falls die Hähne die
Federn zuerst am. Halse verlieren.
Da Wärme und Licht alle Tiere mit Wohlbefinden und ge¬
steigertem Leben erfüllt, so kann man mit Recht aus dem hohen
Fluge und dem fröhlichen Gesänge oder Gezwitscher der Vögel,
speziell der Schwalben und Lerchen, auf dauernd gut Wetter
schliessen, aber:
„Wenn die Schwalben das Wasser im Fluge berühren,
So ist Regen zu spüren,“
oder, unter Umständen, ein Gewitter im Anzuge.
„Wenn die Seeschwalben auf Sandbänke bauen,
Kann man auf einen trockenen Sommer trauen,“
heisst es in den Küstengegenden, wo man von der Wahrheit dieses
Sprüchworts fest überzeugt ist, indem man behauptet, dass die
Schwalben in nassen Jahren höher bauen, um ihr Nest vor etwaigen
Ueberschwemmungen zu schützen.
Weisse Schwalben, die freilich unter den Schwalben so selten
sind, als Albiuos unter den Menschen, betrachtei man als Vorboten
eines kalten Sommers.
Wir haben bereits erwähnt, dass man das hohe Emporsteigen
der singenden Lerche als ein Zeichen dauernd Bchönen Wetters be¬
trachtet; wenn man indessen. Lerchen im Gehöft singen hört, so be¬
trachtet man dies in Pommern als ein Zeichen kommenden Regenwetters.
Ueberhaupt ist es merkwürdig, dass in Freiheit dressierte Tiere,
die sonst dem Menschen sorgfältig aus dem Wege gehen, sich bei
eintretendem Sturm- oder ßegenweiter sich so gern den Wohnungen
der Menschen nähern, gleich», als wollten sie dort Schutz suchen
gegen die bedrohenden Unbilden ^er Natur. Kein Wunder daher,
dass, wenn Kuckuck, Rotschwänzc^ jn oder Wiedehopf, dessen Er¬
scheinen im Walde man als Vorboten schönen Wetters begrüsst, sich
menschlichen Wohnungen nähern, der Landmann darin ein Anzeichen
bevorstehenden Regenwetters erblickt.
Dahingegen erblickt man in dem Gesänge des Finken vor
Sonnenaufgang die Ankündigung eines nahen Regens, und in ganz
Niederdeutschland heisst es:
„Wenn die Krähe schreit,
Ist der Regen nicht weit,“
und dasselbe gilt auch von den Raben; nicht minder deutet man das
nächtliche Schreien der Pfauen als Ankündigung eines nahen RegeDs;
wenn indessen Eulen während des Regenwetters schreien, so erblickt
man darin ein Zeichen, dass der Regen bald authören und anhaltend
schönem Wetter weichen werde:
„Wenn Enten, Gäns’ und Taucherlein
Sich baden und bei einander sein,
So muss nicht fern der Regen sein,“
heisst es, und:
„Wenn die Gänse steh'n auf einem Fuss,
So kommt ein Regenguss.“
(Landwirtschaftlicher Ratgeber.)
Verschleppung lebender Kreuzottern.
Die Kreuzotter soll zwar über ganz Deutschland verbreitet
sein, doch habe ich sie sehr selten gefunden, im ganzen erst 5 mal,
und davon war sie 3 mal nachweislich eingescbleppt worden.
Im Jahre 1888 fand ich sie zum erstenmale in einem Keller.
Die Wirtin kam mit allen Zeichen der Angst herauf und erzählte
mit zitternder Stimme, im Keller sei eine Schlange. Da ich mich
nun gerade in jenem Jahre mit der Beobachtung unserer Ringel¬
natter beschäftigte, ging ich hinunter, um sie für meinen Zwinger
einzufangen. Gewöhnlich greife ich die hiesigen Schlangen mit der
Hand, was ja auch nicht einen Schatten von Gefahr hat, doch war
ich hier ungewöhnlich ängstlich, leuchtete genau zu, und
erkannte nun gleich die Zickzacklinien und den Schuppenkopt der
gefährlichen Otter. Ein wohlgezielter Schlag tötete sie sofort. Wie
die Wirtin später erzählte, war dieselbe aus einem Packkorb ge¬
krochen, worin einige Tage vorher Wein und Flaschen aus dem
Eisass gekommen waren. Die Schlange war also mit dem Pack¬
material hierhin gekommen. 1890 fand i<?h sie nun am Oberrbein
iu einer steinigen Gegend zweimal nacheinander. Nachdem ein
alter Lehret, der mich dort beim Käterfang traf, mich auf die Ge¬
fahr aufmerksam machte, die Steine mit den Händen umzulegen.
Nach der Angabe des alten Herrn, der sich als sinniger und glück¬
licher Naturbeobachter entpuppte, ist aber auch dort ihr Ver¬
breitungskreis sehr gering, und erstreckte sich nur auf etwa eine
halbe Stunde im Umkreise. Da mir der Name des nächstliegenden
Ortes entfallen, konnte ich den Ort gelegentlich einer Tour im
vorigen Sommer nicht mehr entdecken. Ganz unerwartet machte
ich wieder die Bekanntschaft der Otter in einem Packschuppen
eines grossen Geschäfts. Dort lag das hässliche Reptil am hellen
Tage in der heissen Sonne. Da ich bei genauer Kenntnis der
Gegend weiss, dass dieselbe keine Ottern hat, so konnte sie auch
hier nur wieder eingeführt worden sein. Dasselbe war der Fall
aut einem Holzplatze, wo ich sie total zerquetscht auffand. Nach
solchen Erfahrungen ist es Unkundigen nur anzuraten, besonders
jene Schlangen, die sich an ganz ungewöhnlichen Orten vorfinden,
mit der grössten Vorsicht zu behandeln. Dankler.
Verantwortlicher Redakteur: Friedr. Huck Druck und Verlag von J. Frohberger in Erfurt.