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Laie für Augen halten dürfte, doch kommen weder in einer solchen
Grösse noch an dieser Stelle die Augen vor. In der ersten Jugend,
d. h. gleich nach der Ausschlüpfung aus den Eiern weichen die kleinen
Räupchen von den ausgewachsenen in der Färbung ab, indem sie ganz
schwarz und an den Gelenkseinschnitten bräunlich gefärbt und ausserdem
mit langen gelbbraunen Haaren bedeckt sind, erst nach der zweiten
Häutung bekommen die Raupen die oben erwähnte Livreefärbung-
Puppen. Die beiderseits stumpfen und bläulichbraunen Puppen
liegen in einem dichten und weissen eiförmigen Cocon, dessen Inneres
reichlich einen gelblichen Staub enthält, wodurch das Gespinnst undurch¬
sichtig erscheint und einen Stich ins Gelbliche bekommt.
Lebensweise. Die Schmetterlinge erscheinen im Juli, wo sie
für gewöhnlich aus den Puppen herauskriechen; sie fliegen dann nur
des Nachts herum, wogegen sie am Tage an sehr versteckten Orten,
am Laube der Bäume mit dachartig über dem Körper zusammenge¬
schlagenen Flügeln ruhen, so dass man sie meistens gar nicht gewahren
kann. Bald nach dem Herauskriechen aus den Puppen suchen die
Männchen die Weibchen auf, um sich zu begatten und ungefähr acht
Tage nach ihrem Ausschlüpfen legen schon die befruchteten Weibchen
ihre zahlreichen Eier (100—300 Stück) au dünne Zweige der oben an¬
geführten Bäume in spiralförmigen Reihen ab, dieselben mit einem bräun¬
lichen Kitt an die Zweige und aneinander anleimend, wodurch steinharte
und braungefärbte, daher von der Farbe der Zweige schwer zu unter¬
scheidende Ringe entstehen, daher auch die Namen Ringelspinnner und
Riugelraupen. Die Eier überwintern, ohne meistens durch die Fröste
Schaden zu nehmen, und zeitlich im Frühjahr des nächsten Jahres
schlüpfen mit dem Schwellen der Knospen die kleinen Räupchen heraus,
also im März bis April. Sie leben dann bis in den Juni hinein gesellig
zusammen und ernähren sich anfangs von den aufbrechenden Knospen,
so dass weder Blätter noch Blüten zur Entwicklung gelangen können,
später fressen sie das junge Laub. Am liebsten sitzen die Raupen nach
dem Frasse in Astgabelungen oder unten an dickeren Aesteu, oder auch
am Stamme, überhaupt au solchen Stellen, wo sie entweder gegen Regen
und Wind geschützt sind, oder wo sie anderseits von den Sonnenstrahlen
getroffen weiden können, in welch letzterem Falle sie dann behaglich
mit ihrem Vorderteil hin- und herschlagen. Auch während ihrer Häutungen
suchen sie diese Ruhestellen auf. Bei ihren Bewegungen spinnen sie
immer Fäden, ohne dass jedoch ein dichtes eigentliches Nest entsteht,
sondern sie markieren dadurch nur ihre Ruheorte uud die Wege, auf
denen sie zum Frasse ausgehen. Das gesellige Zusammenleben dauert
bis in die erste Hälfte Juni hinein, um welche Zeit sie vollkommen ent¬
wickelt sind, nun zerstreuen sie sich über den ganzen Baum, um sich
zu verpuppen, niemals findet man, im Gegensätze zu den Raupen, mehrere
Puppen zusammen. Nun spinnen die zerstreuten Raupen, meistens
zwischen Blättern, mitunter auch am Baumstamme einen weissen, dichten
Cocon, in welchem sie sich in eine Puppe verwandeln. Schon nach drei
Wochen, also im Juli, kriechen die neuen Schmetterlinge aus den Puppen
heraus, die sofort mit der Paarung beginnen und so die Generation des
nächsten Jahres begründen.
Bekämptung. Da der Schaden, der durch den Frass der Raupen
an unseren Obstbäumen verursacht wird, mitunter bei stärkerer Ver¬
mehrung dieses Schädlings ein ziemlich bedeutender werden kann, müssen
wir bestrebt sein, der Vermehrung desselben mit allen möglichen Mitteln
vorzubeugen, was allerdings mit keinen grossen Schwierigkeiten ver¬
bunden ist. Und zwar erstreckt sich die Vernichtung in erster Reihe
auf die gesellig lebenden Raupen und dann auf die in Ringen abgelegten
Eier, denn den Puppen, noch mehr aber den Schmetterlingen ist sehr
schwer beizukommen, da die ersteren nirgends angehäuft vorzufinden
sind, die letzteren aber bloss des Nachts herumfliegen. Wir haben somit
Nachstehendes auszuführen:
1. Die Eierringe zu sammeln und zu verbrennen, was stets ge¬
legentlich des regelmässig vorzunehmenden Auslichtens uud Reinigens
der Bäume zu geschehen hat; es muss aber auch hier betont werden,
dass zum Aufiuden derselbeu ein etwas geübtes Auge gehört, da dieselben
ähnlich wie die Rinde der Bäume gefärbt sind; wir schneiden die dünnen
Zweige mit den Ringen mittelst einer ßaumscheere ab und verbrennen
sie nachher.
2. Die Raupen, wo wir sie antreffen zu töten, was nicht schwer
fällt, da sie bis zu ihrer Verpuppung in grossen Gesellschaften leben
uud sich demnach nicht nur dadurch, sondern auch durch ihre auffällige
Färbung verraten. Wir können sie entweder mit einer starken Soda¬
lösung, oder einer anderen scharfen Flüssigkeit bespritzen, oder an leicht
erreichbaren Stellen, so bei Formbäumen mit einem abgenutzten Besen
oder mit einem Lappen zerdrücken.
Ferner kann man sie auch mittelst einer Petroleum- oder Pech¬
fackel verbrennen oder man schneidet den Zweig, wenn er nicht zu
stark und wertvoll ist, samt den ganzen Raupen behutsam ab, und ver¬
brennt das Ganze. Schliesslich werden sie auch mittelst Schiesspulver
getötet; man bringt zu diesem Behüte bloss eine halbe Portion Pulver
in ein Gewehr hinein und feuert dann, ohne einen Pfropfen auf die
Pulverladuug aufzusetzen direkt auf die Raupengesellschaft los.
(Der Obstgarten.)
Wespen als Fliegen vertilger.
Unter der Ueberschriit: „Ueber eine nützliche Eigenschaft von
Wespen“ brachte die „Illustrierte Wochenschrift für Entomologie“ in
No. 34 eine Mitteilung aus der „Irish naturalist“, zu der ich Folgendes
aus eigner Erfahrung beifügen kann:
Wiederholt bin ich Zeuge gewesen, was für ausgezeichnete Fliegen¬
vertilger die Wespen sind. Im Fluge erhaschen sie ihre Opfer. Befinden
sie sich im Zimmer, so setzen sie sich an eine Fensterscheibe, verzehren
das Geniessbare und lassen das Ungeniessbare zu Boden fallen. Im
Freien fliegen sie ihrem Neste zu, ihren Larven die Beute als Nahrung
zu bringen. Die Zahl der so vertilgten Fliegen ist nicht gering. Eine
einzige Wespe verzehrte im Laufe einer Stunde zwölf Fliegen.
Im Sommer 1893 beobachtete ich auf dem Westerwald ein überaus
häufiges Auftreten der gemeinen Wespe ( Vespa vulgaris L) uud ein auf¬
fallend geringes Vorkommen der Stubenfliege ( Musca domestica L.) und
auch der Rindsbremse ( Tabanus bovinus L.). In verschiedenen Gegenden
des Rheinlandes ist dieselbe Beobachtung gemacht worden. Mit allen
Mitteln suchte man damals der Wespenplage Herr zu werden und hatte
Erfolg dabei. Im Sommer des Jahres 1894 zeigten sich wenige und im
nächsten Sommer noch weniger Wespen. Statt dessen hatte man über
häufiges Auftreten verschiedener Fliegenarten zu klagen. Am Ober- und
Mittelrhein waren dieselben fast zu einer Plage geworden. Es drängte
sich deshalb die Annahme auf, dass die Häufigkeit des Vorkommens
verschiedener Fliegenarten, ausser ihrer Abhängigkeit von anderen Um¬
ständen, mit der Häufigkeit des Vorkommens der gemeinen Wespe (viel¬
leicht des Vorkommens anderer Wespenarten) in einem ursächlichen
Zusammenhang steht.
In voller Anerkennung ihrer Wichtigkeit im Haushalte der Natur
muss man doch zugeben, dassdie Stubenfliege in der menschlichen Wohnung
zu dem unbequemsten und ekelhaftesten Ungeziefer gehört. Sie setzt sich
auf faulende Massen und trägt Teilchen derselben und in ihnen die
Krankheiten erzeugenden Keime umher und setzt sie auf die Speisen
und den 'Menschen selbst ab. Und doch lassen sich viele Menschen
durch die Anwesenheit der Fliegen im Zimmer nicht stören, während
eine einzige Wespe sie aufregt uud nicht ruhen lässt, bis dieselbe ent¬
fernt oder getötet ist. Es herrscht uämlich noch eine weitverbreitete
thörichte Furcht vor der Wespe. Dabei ist doch sicher, dass keino
Wespe sticht, wenn sie nicht vorher gereizt worden ist. Man beobachte
die Wespe in ihrer Thätigkeit als Fliegeuvertilger, und man wird sich
hüten, sie zu töten; vielmehr wird man sie lieber als die Fliege als Gast
im Zimmer haben. K. Vieweg', Rodenkirchen (Oldenburg).
Kraft der Insekten-
Es ist staunenerregend, mit welcher Kraft manche Insektenarten,
besonders unsere Sit ex spec. (Hymenopteren, Aderflügler), harte Stoffe
zu durch bohr en vermögen. Selbst Blei leistet ihnen keinen besonderen
Widerstand. Bekannt ist es vielleicht, jedenfalls erregte es damals das
grösste Aufsehen, dass den Franzosen während des Feldzuges in der
Krim die Bleikugeln vod einem Insekt durchbohrt wurden. Von DumeriL
wurde die Art als Sirex juventus Linn. bestimmt (Kollar). Die Thatsache
erklärte sich einfach folgen dermassen :
Diese Holzwespe nährt sich, wie alle ihre Gattungsverwandten,
im Larvenzustande vou Holz und die genannte Art vorzugsweise von
Kiefernholz, verschmäht aber auch die Fichte und Tanne nicht. Mit
dem Holze, den daraus gefertigten Balken, Pfosten, Bretter usw. gelangt
sie in die Städte und Dörfer. Hat sich die Larve zur Puppe und zum
vollkommenen Insekt verwandelt, so sucht das letztere ins Freie zu ge¬
langen, um dem Fortpflanzungsgeschäfte obliegen zu können. Dann
durchnagt es alles, was ihm aut diesem Wege entgegentritt.
Im vorliegenden Falle befand sich die Wespe in den Brettern,
aus welchem die Kisten bereitet waren, welche die Patronen einschlossen.
Nachdem sie die Bretter durchgenagt, stiess sie auf die Bleikugeln, und
da diese keinen grösseren Widerstand leisteten als das Holz selbst, so
bohrte sie weiter, konnte aber wegen der zu dicken Schicht derselben
nicht mit der Arbeit fertig werden, erlag endlich der Anstrengung und
wurde so tot zwischen den Kugeln angetroffen.
Ein andermal war Sirex gigas L. der Missethäter. Diese hatte
im Münzgebäude nicht nur sehr dicke, hölzerne Pfosten, sondern sogar
iy 3 Linien dicke Bleiplatten eines zur Aufbewahrung von Metallauf¬
lösungen bestimmten Kastens durchbohrt, aus welchem infolgedessen der
Inhalt, glücklicherweise nur eine Vitriol-Auflösung, bis unter das gemachte
Loch völlig ausgelaufen war.
Aehnliche Durchbohrungen durch die letztere „Holzwespe“ sind
auch in den Bleikammern der Schwefelsäure-Fabriken wiederholt be¬
obachtet. Wunderbar in der That, wie so zarte Tiere derartige Wir¬
kungen erzeugen können 1 (Illustrierte Wochenschrift für Entomologie).
Das Känguruh als Wild in Deutschland.
Mit einem seltenen Wild ist die Gegend von Alt-Döbern (Nieder-
Lausitz) bereichert worden. In den umfangreichen Forsten des Grafen
von Witzleben auf Alt-Döbern ist seit einigen Jahren ein seltenes au¬
stralisches Wild eingeführ), nähmlich das Känguruh. Es sind ursprünglich
zwei Paare angeschafft worden, die sich gegenwärtig auf 9 Köpfe vermehrt
haben. Das Känguruh lebt mit dem übrigen Wild, Rehen, Hirschen,
Hasen und Kaninchen, friedlich zusammen und findet auf den fruchtbaren,
grasreichen Forstbeständen reichliche Aesung in den dort wachsenden
saftigen Kräutern. Die Käguruhs sind scheuer als Rehwild, und wenn
man sich an sie heranpirscht, so springen sie, sobald sie eine Gefahr
wahrnehmen, mit ihren langen, muskulösen Hinterläufen in jedem Spunge
6 — 9 Meter fort, sodass die Schnelligkeit ihrer Fortbewegung sehr be¬
deutend ist. Sonst sind sie ziemlich stupid und würden bald auszurotten
sein, wenn man sie verfolgen und schiessen wollte, was indess Graf
Witzleben verboten hat. In diesem Jahre haben zwei Paare je ein Junges
gesetzt; die beiden sind aber noch ziemlich unentwickelt. Sie kehren
stets noch zur Mutter zurück und huschen in deren Beutel. In diesem
werden die Jungen überhaubt von der Mutter lange Zeit getragen, oft so
lange, bis sie selbst trächtig sind und auch die Mutter schon ein zweites
Junges im Beutel trägt. Den vorigen milden Winter haben die Känguruhs
hier sehr gut ertragen, aber sie werden auch wie das andere Wild an
bestimmten Aesungsplätzen im Winter gefüttert. Ein Känguruh, das
aus dem gräflichen Revier in ein Nachbargebiet geraten war, wurde vor
einiger Zeit dort geschossen. Das Fleisch erwies sich als äusserst schmackhaft
(Berliner Markthallen-Zeitung.)
Verantwortlicher Redakteur: Friedr. Huck. Druck und Verlag von J. Frohberger in Erfurt.