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„Und auf die Flur voll Schnee und Eis
Sank eine Blume lilienweiss,
Wie Sternenhimmel strahlt ihr Glanz,
Tief im smaragden Blätterkranz.
Der Winter zog beschämt den Hut,
Es stieg zur Wange ihm das Blut.
Er dankt und griff mit rascher Hand
Zum blühtenschönen Friedensband."
Die Sonne war über den Friedenssinn sehr erfreut, und die Blume,
die nach verschiedenen Seiten Anklänge an das Christfest in sich schliesst
und in Beziehung zu denselben steht, besonders in ihrem Blühen in der
Christnacht, wuchs zu immer schönerem und reicherem Flor empor.
„Und wer sie sieht, und wer sie bricht,
Drückt froh die Hände sich und spricht:
„Gott lob! die Zeit gekommen ist,
Wo Erd’ und Himmel Frieden schliesst!
Die Sonne scheint versöhnt herab,
Der Tag nimmt zu, die Nacht nimmt ab,
Christröslein blüht, der lichte Stern!
Gelobet sei das Fest des Herrn.“
2. Mitten im Winter zur fröhlichen Weihnachtszeit, wenn die aus¬
ruhende Erde, die gewöhnlich in das weisse Leichengewebe gehüllt ist,
prangt in manchen Gärten eine schöne, grosse, weisse Blume, geschmückt
mit einem leisen Anflug von Rosa. Sie verkündet uns, gewissermassen
den Uebergang vom Winter zum Frühling bildend, dass selbst im Tode
Leben ist. Der Zeit ihres Blühens wegen, um die Weihnachtszeit, hat
man sie auch Weihnachtsrose genannt und sagt von ihr:
„Schön bist du, Kind des Mondes und der Sonne;
Dir wäre tötlich andrer Blumen Wonne,
Dich nährt, den keuschen Leib voll Reiz und Duft
Himmlische Kälte, basamsüsser Duft,
Dich würden, mahnend an das heilige Leiden,
Fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden.
Doch kindlich zierst du um die Weihnachtszeit
Lichtgrün mit einem Hauch dein weisses Kleid.“
Sie heisst auch Christblume, weil sie in der Christnacht blüht,
wie uns der Dichter schildert:
„Fällt nun die heilige Christnacht auf die Erde,
So wie ein lichter Stern vom Himmel fallt,
Verkleidet sich in menschlicher Geberde
Die ewige Lieb’ der Herrscher aller Welt,
Dann thüst den Kelch du selig von einander
Und blühst, wie frisch gefallner Schnee so weiss
Im Feld ein Engel, ein von Gott gesandter,
Und in der Krippe blühet Davids Reis.“
Wenn längst alle übrigen Blumen abgefallen sind, blüht sie, diese
schöne Christblume trotz Schnee und Eis so ritterlich, wie die immergrüne
Tanne grün, zu des Heilands Ruhme. Sie trotzet dem Winter mit seinem
oft krausigen Wettern, den Stürmen, der Kälte, dem Schnee; sie heisst
darum auch Schneerose.
Der Dichter bittet, so rein und tadellos, ohne Furcht und Flecken,
so standhaft und wetterhart, wie diese seltene Blume unsere Herzen zu
erhalten und mahnt, sein Bild zu bewahren.
„Die Tannen rauschen, meinen Mantel schlage
Ich um mich, wider Schnee- und Sturmgebraus
Ich gehe heim; doch still im Herzen trage,
Christblume, ich dein liebes Bild nach Haus.“
Man findet sie, die eigentliche Tochter des Waldes, ausser dem
Walde und den Gärten, oft auch auf Gräbern als Symbol, dass aus dem
Tode Leben sprosst. Ihre Heimat ist gleichsam ein Zauberreich.
„Im nächtlichen Hain vom Schneelicht überbreitet,
Wo fromm das Reh an dir vorüberweidet.
Bei der Kapell, am krystallnen Teich,
Dort such ich deiner Heimat Zauberreich.“
Sie wird auch Christwurz genannt. Ueber diese Bezeichnung
schreibt ein alter Pflanzenkenner, auf die Ungläubigkeit gewisser Leute
hinweisend, die nicht begreifen wollen, dass zur Winterzeit Pflanzen
blühen können. „Christwurz hat seinen Namen darumb, dass seine Blüte,
die grün ist, auf der Christ nacht sich aufthut und blüht, welches ich auch
selbst wahrgenommen und gesehen, mag für ein gespott halten, wer da
will.“ Wendewurz wird sie genannt, weil sie zur Zeit der Winter¬
sonnenwende blüht.
Der botanische Name dieser Pflanze ist: Helleborus-Nieswurz.
Man unterscheidet die schwarze und grüne Nieswurz. Für uns
kommt heute nur die erstere inbetracht. Der Wurzelstock besteht
aus braunen, innen weissen, walzigen, starken Fasern. Aus demselben
entspringen lederartige, eliptische Blätter und ein blattloser ein- bis
zweiblumiger Blütenschaft mit einigen kleinen eiförmigen Deckblättern.
5 grosse scheinbare Blumenblätter bilden den Kelch. Die 5 Kronen¬
blätter sind klein und schmal. Die Wurzel ist arzeneilich und hat
giftige Eigenschaften.
3. Es kann nicht Wunder nehmen, dass eine Pflanze, die in einer
so heiligen Zeit blüht, selbst für heilig gehalten wurde und nach dem
alten Volksglauben verschiedene Kräfte besitzt. In der Sage dagegen
spielt sowohl sie, wie ihre Genossen keine hervorragende Rolle, weil
das Volk sich vor ihr fürchtet.
Nur in Verbindung mit einem Adler kommt sie in folgender
Sage vor:
Als der Höchste sein Gnadenfüllhorn über die Geschöpfe der
Erde goss, hat er jedem Tiere besondere Gaben zugeteilt. Der Adler
wurde mit besonderer Weisheit ausgerüstet. Er, der Arzt unter den
Vögeln, kennt alle Krankheiten, aber auch die Kräuter, welche die
Krankheiten heilen. Die Wirkung seiner Mittel ist unfehlbar, ihr Ge¬
nuss giebt Leben, ihr Verachten Tod. Er bringt die Wurzel der
Christrose, die er durch Schrecken fallen lässt, in sein Nest, um Kranke
zu heilen. Diese Wurzel, frei von allem Zauber, kommt von dem Herrn
und heilt alle Krankheiten. Bei den furchtbaren Pestkrankheiten suchte
der Mensch Hilfe hei dieser Pflanze. Dem Pestkranken wurden die
Pestbeulen ausgestochen und diese Wurzel m die Wunden gesteckt.
Die alten Gallier bestrichen ihre Speere und Pfeile mit dem Saft dieser
Pflanze und glaubten, dass dadurch das Fleisch des erlegten Wildes
viel zarter werde. Dabei gebrauchten sie jedoch die Vorsicht, die
Wunde ringsum auszuschneiden. Um die Kinder vor Unholden zu
schützen, legte man die Wurzel in die Wiege. Unter die Thürschwelle
gegraben, konnte der Böse im Hause nicht ein- und ausgeben. Am
Halse getragen, schützt sie vor den Hexen. An manchen Orten sollen
sie die Mädchen, wenn sie auf den Tanzboden gehen, in die Schuhe
legen, weil sie die Tänzer anziehe. Sie bewahrt die Verlobten vor
allerlei Unannehmlichkeiten, und wer sie bei sich trug, wurde sehr alt.
Bei dem Ausgraben der in Rede stehenden Wurzel muss man
gewisse Förmlichkeiten beachten' Zunächst muss ein Kreis um sie
gezogen werden, dann musste man sich gegen Morgen stellen und
beten. Auch durfte sich dabei kein Adler zeigen, sonst starb der
Wurzelgräber in demselben Jahr. Dieses Ausgraben verursacht eine
Schwere des Kopfes, weshalb man Knoblauch essen und ein Glas un¬
gewässerten Weines trinken musste.
Dies wäre so in Kürze das Wesentlichste über das Christröslein
und seine Beziehung zu Christfest und Volksglauben, auf das ich für
heute nach der angedeuteten Richtung hin Ihre geschätzte Aufmerk¬
samkeit zu lenken suchte. Sollte dies mir auch nur bei einigen der
geschätzten Leser in ganz beschränkten Masse gelungen sein, so wäre
meine wohlmeinende Absicht erreicht.
Ihnen aber wünsche ich recht frohe und vergnügte Festtage;
ich wünsche, dass sich Ihr Hoffen auf die Weihnachtsfreuden erfüllt:
Sollten aber hie und da die diesbezüglichen Wünsche nicht so ganz
in Erfüllung gehen, dann wollen wir im Hinblick aut bessere Zeiten
mit dem Dichter sprechen:
„0 Herz gieb dich zufrieden,
Es ist ein grosser Maientag
Der ganzen Welt beschieden.“
Zur Geschieh te der Platane.
Von F. C. Binz, Durlach.
(Schluss.)
Durch die Bäume, resp. ihre Produkte, wurden die Sitten der
Menschen verfeinert, ihre Früchte, ihre Säfte milderten das Rohe. Von
den Bäumen empfingen sie das gliedererquickende Oel (Oelbaum), von
den Reben den männerstärkenden Trank und von einer zahlreichen Reihe
anderer Pflanzen wiederum die verschiedensten Mittel zur Befriedigung
ihrer Bedürfnisse. Die Bäume verschafften ausserdem vieltausendfachen
Nutzen. Mittelst Bäumen durchschnitten die Völker die fernen Meere
und näherten sich fremden Ländern, aus Bäumen erbauten sie ihre Wohnungen.
Aus Bäumen machten sie in früheren Zeiten ihre Götterbilder, ehe ver¬
mehrter Reichtum und erhöhte Genusssucht sie verleiteten, kolossale
Preise für das Fangen jener Tiere zu bezahlen, aus deren Zähnen später
die Götterstatuen gefertigt wurden.
Es waren aber auch die Produkte der Bäume und Sträucher die
Ursache, dass einzelne Volkstämme ihre Wohnsitze veränderten, besser
situierte Völkerschaften überfielen und mit Krieg überzogen. So sollen
die Gallier zur Veränderung ihrer Wohnsitze nur dadurch bestimmt
worden sein, dass Helico, ein Helveter, der das Schmidehandwerk in
Rom erlernte, von dort seinen Landsleuten getrocknete Feigen, Trauben
und Oel mitbrachte.
In welchem Ansehen einzelne Bäume selbst unter den alten Römern
standen, möge die Thatsache beweisen, dass der Censor Gn. Domitius,
der das Censorenamt im 662. Jahre der Stadt bekleidete, dem Ritter C.
Aquilius, der eine Villa auf dem viminalischen Hügel besass, 1000 000
Sesterzen bot, inbegriffen sechs Lotusbäume, welche derselben Schatten
spendeten, und als letzterer ihm die Villa, die als eine der prächtigsten
bei Rom bekannt, um diese Summe übergeben wollte, wenn er die sechs
Lotusbäume umhauen dürfte, so verzichtete ersterer auf den Kauf mit der
Bemerkung, dass in diesem Falle die Villa für ihn kein Denar wert wäre.
Diese Bäume blieben unversehrt bis zu der vom Kaiser Nero angelegten
Feuersbrunst, also ungefähr 180 Jahre lang grün. Um so viel ehrwürdiger
machten dazumal Bäume ein Haus.
Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass die Alten auch Beinamen
von Bäumen führten. So hiess ein Soldat Fronditus, weil er mit über
dem Haupte gebundenen Zweigen über den Vulturnus schwamm. Eine
andere Familie hiess die Stolonen, weil einer von ihnen die nützliche Er¬
findung machte, unnütze Reiser (stolones) an den Bäumen auszuschneiden.
Betreffs Baumfrevel hatten dieselben eigene Gesetze; es heisst
nämlich in den 12 Tafeln unter anderem: wer unberechtigter Weise fremde
Bäume umhaut, der wird mit 25 Ass für jeden bestraft. Das Obst war
in jenen Zeiten in Rom so geschätzt, dass die Früchte mancher Bäume
in der Nähe der Stadt für 2000 Sesterzen verpachtet wurden (Plin. XVII).
Nebenbei sei hier bemerkt, dass die Strafen in Deutschland bei unseren
Altvordern betreffs Baumverletzungen ganz barbarische waren. So erzählt
Grimm in seinen Reichsaltertümern, dass derjenige, welcher freventlich
einen nutzbaren Baum geschädigt hatte, mit dem Nabel an denselben
Baumstamm angenagelt worden und darauf vom Scharfrichter solange
im Kreise um den Stamm herumgesehleppt worden sei, bis sein Einge¬
weide vollständig um denselben geschlungen war. Doch liegt derselben
nicht blos eine aus dem Heidentum unserer Vorfahren berübergekommeue
Pietät gegen die Bäume zn Grunde, sondern es möge die Erwägung Platz
greifen: während Menschen und Thiere sich gegen ihre Angreifer bis auf
den letzten Blutstropfen verteidigen, kann der Baum, die Pflanze über¬
haupt, in Folge ihrer Bewegungslosigkeit keinen Widerstand leisten.
Sie müssen als stille Dulder den Frevel, der ihr Leben bedroht, ruhig
an sich geschehen lassen. Sie sind wehrlos. Ein Frevel aber an Wehr¬
solen war im Rechtsgefühl unserer Altvordern ein doppelt strafbarer.
Verantwortlicher Redakteur Friedr. Huck. Druck und Verlag von J. Frohberger in Erfurt.