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Botanisches und Naturwissenschaftliches
früher „Erfurter Botanische und naturwissenschaftliche Blätter“, Beilage zur vorliegenden Gartenzeitung.
Dieser botanische und naturwissenschaftliche Teil bringt allerlei Belehrendes und Interessantes aus dem Pflanzenreiche und den übrigen Naturreichen, lehrt vom
Bau und Wesen der Pflanzen, von deren Feinden und Krankheiten, macht mit den für den Gartenbau nützlichen und schädlichen Tieren bekannt u. s. w., u. s. w. '
Klimmende Stämme.
(Fortsetzung und Schluss.)
Diesem Vorbilde des Bocksdornes entsprechend, entwickeln sich
von bekanntem Pflanzen zahlreiche Rosen (Rosa), Brombeeren ( Rubus ),
Sauerdorn ( Berberis) , Spierstauden ( Spiraea ), Sanddorn (Hippophae)
Jasmin ( Jasminum ), Celastrus seandes und noch zahlreiche andere hecken¬
bildende, mit Vorliebe an den Rändern der Wälder wachsende Holz-
pflanzeu. Manche Rosen, wie z. B. die im mittelländischen Florenge¬
biete häufige Rosa sempervirens . flechten sich nicht nur durch das Gestrüppe
der Machien, sondern erreichen oft die Wipfel der höchsten Steineichen.
Auch mehrere Brombeeren (Rubus) gelangen weit hinauf in das Geäst
der Baumkrone und hängen dann nicht selten mit meterlangen Trieben
in weitem Bogen herab. Von der Brombeerenart Rubus amoenus mass
ich die Länge eines durch die Baumkronen geflochtenen, im Mittel y 2
cm dickeu Stammes mit ‘6, 5 m! Auch Jasmiunm nudiftorum und Celastrus
scandens erreichen mit ihren gertenförmigen langen Trieben vermittelst der
oben geschilderten Wachstumsweise die Wipfel mächtiger Bäume. Wenn
diese Heckensträucher nicht Gelegenheit haben, sich in das Geäst von
Bäumen und in höheres, aus Pfahlstämmen gebildetes Gestrüppe hinein¬
zuflechten, so sind sie gezwungen, selbst ein Gerüst herzustellen, das sie
nachträglich als Stütze benutzen können. In der Wachstumsweise und
in der Art der Verjüngung tritt keine Aenderung ein, nur bleiben die
Sprosse gewöhulich kürzer, und es scheint infolgedessen der ganze Stock
gedrängter. Die anfänglich kräftig in die Höhe strebenden, gerade auf¬
rechten Sprosse bilden, wenn sie verholzen, flache, nach oben konvexe
Bogen, welche mit ihrer Spitze zur Erde neigen, diese mitunter sogar
erreichen. Von der obern Seite dieser Bogen erheben sich daun im
nächsten Jahre teils kurze Blütensprosse, teils wieder lange, aufrechte
Triebe, welch letztere zu neuen Bogen werden. Das freie Ende der alten
verdorrt, und über die verdorrten Reste legen sich frische Bogen, aus
deren Basis im folgenden Jahre neuerdings aufrechte Triebe hervorgehen.
Indem sich diese Sprossbildung mehrere Jahre hindurch wiederholt, entsteht
allmählich eine undurchdringliche natürliche Hecke, die sich immer
höher aufbaut, weil die Stummel der alten verdorrten, au ihren Enden
nicht weiterwachsenden Bogen zu Stützen für die jüngern bprosse werden.
Es ist auch ein sehr gewöhnlicher Fall, dass diese Heckensträucher,
wenn sie älter geworden sind, aus ihren Wurzeln zahlreiche Reiser ent¬
wickeln, welche zwischen dem aus den alten abgedorrten Bogen gebildeten
Gestrüppe schlank emporwachsen und dieses dann als Stütze tragen, wie
das besonders bei dem Sauerdorne, und Bocksdorne, dem Pfeifenstrauche,
den Rosen, dem Jasmin und der ulmenblätterigen Spierstaude zu sehen ist.
Die den genannten Sträuchern zukommende Fähigkeit, Hecken zu
bilden, ist den die Natur scharf beobachtenden Landwirten längst aufge¬
fallen; ein Teil dieser Sträucher wird bekanntlich zur Einfriedung von
Grundstücken benutzt, und es werden namentlich aus den dornigen
Formen Hecken, sogenannte „lebendige Zäume“, gebildet. Auch die
Gärtner haben die eigentümliche Wachstumsweise der flechtenden Hecken¬
sträucher benutzt, indem sie die schön blühenden Arten knapp neben
ein Gerüst aus Pfählen und Latten pflanzen, das dann von den auf¬
wachsenden Sprossen ganz durchflochteu wird. Insbesondere benutzt
man die sogenannten Kletterrosen zum Ueberziehen von Spalieren vor
den Wänden oder Gebäude mit bestem Erfolge, und man kann sehen, wie
sie ohne irgend eine Nachhilfe in kurzer Zeit bis zu den Giebeln der
Häuser emporkommen. Einige Kletterrosen (z. B. Rosa setigera) haben
die bemerkenswerte Eigenschaft, dass ihre neuen Triebe anfänglich die
dunkelsten Stellen aufsucheu, mit ihren Spitzen sich vom hellen Sonnen¬
scheine abwenden, den schattigen Winkeln hinter dem Lattenwerke Zu¬
wachsen und erst dann, wenn sie ausgewachsen sind, sich in flachen
Bogen wieder dem Lichte zuneigen. Es wird dadurch jedenfalls der Vor¬
teil erreicht, dass die anfänglich vom Lichte abgewendeten Sprosse in
•die Lücken des Gestrüppes und Lattenwerkes hineinkommen, wo sie
später, wenn einmal Seitenzweige aus ihnen hervorgegangen sind, einen
trefflichen Wiederhalt finden.
An die verholzenden flechtenden Stämme, welche an den Hecken-
•sträuchern beobachtet werden, reihen sich die nicht verholzenden an,
wie sie an mehreren Staudenpflanzen Vorkommen. Der jährlich im Be¬
ginne der Vegetationszeit aus dem unterirdischen Stammteile hervor¬
wachsende Spross stirbt im Herbste immer wieder ab, und die obeiirdisch
zurückbleibenden verdorrten Reste verwesen so rasch, dass sie im darauf
folgenden Jahre nur in seltenen Fällen noch als Stütze für die neuerdings
aus der Erde emporwachsenden Triebe dienen könnten. Als Vorbild für
die flechtenden Staudenpflanzen kann der weitverbreitete Sumpf-Storch¬
schnabel (Geranium palustre) gelten. Die jungen Triebe wachsen zwischen
dem Buschwerke inmitten der feuchten Wiesen oder am Rande eines
Waldes ziemlich gerade empor, verholzen aber nicht, krümmen sich auch
micht mit dem obern Ende über die stützenden Zweige, entwickeln aber,
wenn sie einmal eine gewisse Höhe erreicht haben, sparrig abstehende
steife Seitenzweige und langgestielte Blätter, welche sich zwischen das
steife abgedorrte Geäst der stützenden Büsche hineinschieben, wodurch
dann der ganze Spross unverrückbar festgehalten wird. Wächst dieser
Sumpf-Storchschnabel auf einer Wiese zwischen niedern Kräutern, welche
ihm nicht als Stütze dienen können, so knickt der Stengel ein, und der
ganze Spross liegt dann mit seinen untern Stengelgliedern dem Boden
auf. Die Enden der Stengelglieder sind knotig verdickt, und es ist daselbst
ein turgeszierendes Zellgewebe ausgebildet, durch welches die jüngsten
Stengelglieder immer wieder in eine aufrechte Lage versetzt werden, so
dass sie gegen die auf dem Boden liegenden ältern Stengelglieder unter
einem rechten Winkel gestellt erscheinen. Es ist durch diese Einrichtung
der Vorteil erreicht, dass die über den Boden hingestreckten Storchschnabel-
Stauden , festes Gestrüppe treffen, dieses sofort als Stütze benutzen und
sich in dasselbe hineinflechten können. In der That sieht man manchmal
Stöcke des Gernanium palustre mit seinen untersten Stengelgliedern dem
Boden aufliegen, während die obern Stengelglieder sowie zahlreiche Seiteu-
äste in einem auf der Wiese stehenden Busche eingeflochten sind und
ihre roten Blüten mehr als 1 m hoch über dem Gezweige des als Stütze benutzten
Busches hervorschieben. Nach dem Vorbilde dieses Sumpf-Storchschnabels
sind auch noch einige andere Storchschnabelarten (Gernanium nodosum,
divaricatum etc.), ferner mehrere Arten von Labkraut und Waldmeister
(z. B. Galium Molugo, Asperula Aparine). der beerentragende Trauben¬
kopf ( Cucubalus baccifer), endlich auch der merkwürdige, schildfrüchtige
Ehrenpreis ( Veronica scutellata) ausgebildet. Hierher gehören auch
mehrere Spargelarten mit sparrig abstehenden Aesten und fädlichen
oder nadeltörmigen Pkyllokladien, deren jährliche Triebe eine erstaun¬
liche Länge erreichen und sich in die Gabelungen der Aeste von Pfahl-
Stämmen einschieben. Insbesondere hervorhebenswert ist in dieser
Beziehung der im Gebiete der mittelländischen Flora sehr häufige
Asqaragns acutifolius und der in Kleinasien heimische Asparagus ver-
ticillatus , deren Stämme nicht selten eine Länge von 3 m erreichen,
bis in die Kronen niederer Eichen bäume hinan klimmen und sich dort
mit ihren langen, horizontal abstehenden Verzweigungen in das Geäst
einflechten.
Von der Keimfähigkeit
der breitblättrigen Sumpfwurz-Epipactis latifolia-Sw.
In hiesiger Gemarkung wurde vor 100 Jahren ein grösserer Kom¬
plex gemischter Eichen- und Erlenwald gefällt und zu Ackerland in Kultur
genommen. In den ersten Jahren lieferte diese Fläche, infolge der reich¬
lich enthaltenen Nährstoffen des Waldbodens enorme Erträge an den
meisten Kulturgewüchsen, insbesondere Halmfrüchte u. s. w., doch all-
mählig veringerten sich die Ernten ganz unerwartet schnell, da der
Untergrund eine ca. 4 m tiefe undurchlassende Thonschicht bildet, -wo¬
durch fast das ganze Jahr über, unter der kaum 12—15 cm tiefen oberen
Humusschicht, sich stagnierendes Grundwasser befindet. Eine Drainage
ist sehr schw'er auszuführen; infolge mangelhaften Gefälles und lokaler
Schwierigkeiten. Vor 20 Jahren legte ich dort eine grössere Fläche zur
Weidenkultur an, die bis heute die höchsten Erträge, pro ha. 450—500 M.
abwirft und auf welcher ca. 120 Sorten mit bestem Erfolge gedeihen.
Nachdem daselbst 4—5 Jahre die Weidenkultur betrieben wurde,
fand ich, wie aus der Erde gezaubert, zahlreiche prächtige Exemplare der
breitblättrigen Sumpfwurz Epipactis latifolia Sw. (Serapis latifolia Will)
zu den Knabenkräutern — Orchideen — gehörend, die sich mit jedem
Jahre weiter vermehrten, so dass heute diese Fläche von dieser herrlichen
Waldblume besäet ist. Anfangs glaubte ich, diese Pflanze könnte durch
Samen, von Tieren etc. aus weiter Ferne dahin verschleppt worden sein,
doch da in der Umgebung von mehreren Kilometern nirgends solche
Pflanzen Vorkommen und auch die Bedingungen za ihrer Existenz gänz¬
lich fehlen, so musste ich schliesslich annehmen, dass der Same solange
sich keimfähig daselbst erhalten hatte.
Vor einigen Jahren wurden auf dieser Fläche neue Gräben aus¬
gehoben und da fand ich wirklich sehr viele gut erhaltene Pflanzen mit
ganz unversehrten Samenkapseln, dessen Inhalt sich bei starker Ver-
grösserung vollständig normal zeigte. Auf diesen Stellen entstanden ge¬
rade in den nachfolgenden Jahren eine Unmasse junger Pflänzchen, was
doch sehr deutlich für die Richtigkeit, dieser Erklärung spricht. Mir
scheint es, dass der feste zähe Thon diese feine Samenkörner konservierend
vor den Einwirkungen der Luft und des Lichtes bewahrte und nachdem
diese feine pulverartige Samen durch Zufall bei der Kultur au die Ober¬
fläche gelangten und alle Bedingungen zum sicheren Gedeihen, wie Be¬
schattung und waldähnlicheu Zustand durch die hohe Weiden vorhanden,
sich auch zu neuen Wesen entwickeln konnten. Nun könnte aber ein-
geweudet werden; warum sind nicht vorher schon auf den Feldern solche
Pflanzen sichtbar geworden ? Einfach, weil durch die alljährliche mehr¬
malige intensive Bodenbearbeitung sich die jungen keimende Pflanzen
nicht entwickeln konnten, der beschattende, feucht erhaltene Waldzustand
etc. fehlte.