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Wahrheit und Dichtung
aus der Blumen- und Pflanzenwelt
früher „Erfurter Unterhaltende Blätter“ Beilage zur Erfurter illustrierten Gartenzeitung.
Dieser Abschnitt bringt allerlei kleine Erzählungen, Gedichte, Märchen, Sagen und dergleichen, welche auf die Blumen-und Pflanzenwelt Bezug haben, ist bestimmt,
■die verehrlichen Leser mit der ästhetischen Seite des Pflanzenreiches, des Gartenbaues, der Blumenpflege u. s. w. mehr bekannt und vertraut zu machen; denn ohne Poesie
und Sang kein rechtes Leben, ebenso auch bei der Pflege der Blumen und Gewächse nicht. Alles was zum Lobe der Pflanzen gesungen und erklungen und noch zu ihrem Preise
erzählt und gesungen wird, soll in „Wahrheit und Dichtung aus der Blumen- und Pflanzenwelt“ einen Hort, eine liebende Heimstätte Anden, und alle, die ein Lied, eine Sage
oder der gl. über Blumen und Pflanzen in Bereitschaft haben, auffinden oder zu deren Lob singen wollen, werden um gütige Uebermittelung zwecks der Veröffentlichung gebeten.
Nun der Sommer auf die Rüste geht!
Eine Herbst-Silhouette von Hermann Robolsky.
Gesegnet ist das Herz, das Ruh zu finden,
Die es verlor auf trügerischer Spur,
Sich sammelt, Deinen Frieden zu empfindeu,
Harmonische, reine, heilige Natui!
Julius Hammer.
Während der Lenz mit seinem Grünen und Blühen allmählich
naht, pflegt der Herbst ziemlich plötzlich in die Erscheinung zu treten.
Heute noch sprosst und treibt es draussen daseinsfreudig in den sounigeu
Tag hinein, — da kommt still und unerwartet eine kalte Nacht und ver¬
nichtet mit ihrem Hauche unerbittlich die meisten Spätkinder Floras.
Ist jedoch einmal erst der Anfang da, so geht’s in der Natur unaufhalt¬
sam „bergab“
Aber gerade der charakteristische Wechsel der Jahreszeiten in
unserem gemässigten Klima macht uns die Heimat so lieb, und der
Deutsche ist absonderlich empfindlich für diese Eindrücke. — Wenn nicht
„jeder Vergleich hinkte“, möchte man hier des Dichters Wort zitieren:
Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen
Tagen ! — Wie viele aus dem „Volk der Denker“ sind nicht schon zu dauern¬
dem Bleiben nach dem sonnigen und wärmeren Süden gegangen, — procul
negotiis, und weils zu Haus im Winter gar zu kalt war. Doch sie
kehrten meist nach einigen Jahren in ihr geliebtes Deutschland zurück.
Der „ewig blaue Himmel“ ermüdet sie zuletzt und die Heimatflüchtigen
fanden es doch schöner, dass dem warmen Sommer ein Alles verjüngen¬
der Frühling voraufgehe und die Erde, wenn sie im Schaffen und Er¬
zeugen das Ihre gethan, segnend sich der wohlverdienten Ruhe hingebe.
Wirkt der Herbst elegisch auf das Menschengemüt, so gemahnt der
nahende Wiuter an das trauliche Plätzchen am warmen Ofen, an die
märchenerzählende Muhme inmitten andächtig lauschender Kinderscharen,
an den duftenden Weihnachtsbaum mit seinen goldenen Früchten, an
Schlittenbahnen und Schneeballust. Und mit wie inniger Freude be-
grüsst das Herz wieder die ersten sonnigen Lenzestage! Da möcht’ es
aufjubeln vor lauter Wonne uud Lebenslust.
Die jiingsteu feuchten Niederschläge haben nach vielen Tagen der
Dürre noch einmal eine bunte Feldflora hervorgerufen, sogar auf sonst
sterilen Flächen. Der Landmann ist ihr nicht wohlgesinnt, denn die
ungewünschten Gäste reflektieren weder Zaun noch Furche; wo es ihnen
gut scheint, siedeln sie sich an und verdrängen nicht selten die recht¬
mässigen Ackerbewohner. Der Regen verleiht auch dem Bächlein wieder
vollere Formen: jugendlichfrisch hüpft es durch das Gelände. An den
Windungen schleicht es wie ein schämiges Mädchen, unter Weidenge¬
büsch auf Zehen dahin und schaukelt manch’ Zweiglein auf weichen
Armen. Wie anders der Gebirgsbach! Wer dächte da nicht der wilden
Bode im Harz? Nach dem Sturz iu den „Kessel“ jagt sie furienhaft
dahin. Reitend auf schäumendem Schimmel setzt sie über Klotz und
Gestein. Aber kühle Luft haucht von den Wogen herüber. — Es sind
das noch heriliehe, reiche, glanz- und dufterfüllte Tage, voll des Reizes
abgeschiedener Einsamkeit, aber auch voll reinster Freuden und Genüsse.
Welch unendliche Ruhe liegt beim beginnenden Herbst über den Wipfeln!
Wie neigt sich Alles zur Rüste. — Am Abend funkeln die Sterne in
wunderbarer Pracht am tiefblauen Himmel, wenn die „mondbeglänzte
Zaubernacht“ über den schwarzen Häuptern der Berge heraufzieht und
Feld und Wald in einem schimmernden Duttschleier hüllt. Aus dem
Forst schallt der frühzeitige Schrei eines Hirsches; sonst rauscht nur der
Wildbach sein schwermütiges „De profundis“ weiter.
Im Garten blühen des Herbstes Kinder: Astern, Georginen, Ritter¬
sporn und auch traumverloren die letzte Rose. Goldiges Obst hängt an
den Zweigen: „wie Wachs“ schauen die köstlichen Aepfel aus. Lüstern
schaut der Bettelknabe über das absperreude Stacket. Da fällt eine
Frucht dumpf auf den Rasen nieder. Des Jungen Augen blitzen hell
auf. Spähend irren sie über die sauber dekorierten Fenster des nahen
Hauses. „Sperrweit“ steht das Gartenthor offen. Wenn er sich hinein¬
schliche? Wer sähe es denn? Doch plötzlich, einen Gassenhauer pfeifend
trollt der Bube davon. Gewiss war die Luft nicht rein“ oder er gedachte
des schulmahnenden „Du sollst nicht stehlen!“
In der grossen Werkstatt der Natur wird bald zum Feierabend
aufgeräumt. Emsig hat des Landmanns nimmer rastender Arm den Lohn
seines Fleisses eingeheimst. Durchschnittlich ist die Ernte der Cerealien
gut ausgefallen; auch die unentbehrliche Knollenfrucht, die wir dem neuen
Weltteile verdanken und die — wie die ersten Berichte über die Kartoffel
lauteten — das Brot fertig liefert, verspricht reichen Ertrag. Von tiefer
Bedeutung sind die Worte der Schrift: So lange die Erde stehet, soll
nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter,
Tag und Nacht! — Sorgend gedenkt die Gottheit ihrer Geschöpfe, denn
immerwährend wird auf dem Erdball geerntet. Wenn bei uns in Deutsch¬
land schon der Schnee die Fluren deckt, schneidet der afrikanische Boer
die süssen Trauben und keltert aus ihnen deu stärkenden Capweiu.
„Der Wind streicht über die Haferstoppeln!“ sagt der Volksmund
ernst, um das Ende des Sommeis zu bezeichnen. Kaum sind die letzten
Garben eingeheimst, so beginnt der Pflug von Neuem seine Kulturthätig-
keit. Man kann es nicht behaupten, dass das kahle Stoppelfeld und die
schwarz sich dahin ziehende Erdbreite die Landschaft verschöne; aber
der Ackerbauer fragt ja nicht nach äusserem Schmuck; er will produ¬
zieren, damit der Mensch des täglichen Brodes nicht entbehre!
Ein sichtbarer Farbenwechsel ging bereits an manchem der Bäume
und Sträucher vor sich. Aut den stillen Pfaden lagern die Blätter und
hemmen des Wanderers Schritte. Ein Windstoss treibt sie auseinander;
aber schon nahebei häuft er sie wieder an. Vor allen litten die weicheren
Baumarten, wie Linde uud Ahorn. Wo der letztere jedoch im Wetter¬
schutz steht, umgiebt ihn noch das goldig-gelbe Kleid des Herbstes.
Wenn die Abendsonne scheidend noch einmal ihre Strahlen durch die
Zweige flicht und milder Wisperwind den lockeren Mantel rührt, dann
ist’s als leuchte der Baum in verklärendem Scheine auf, als glühe sein
letztes Jugendfeuer dahin, — eine hinreichende Apdtheose des scheiden¬
den Sommers! — Auch die Birke ist nicht mehr die stets lächelnde und
flüsternde Waldschöne, an der „das Mondlicht hangen blieb“. Der Herbst
hat ihr lockig Grün in Gelb verwandelt. Ihr süsses Maiflüstern von des
Lenzes Lieb’ und Lenzes Lust ging in oasenhafte Geschwätzigkeit über.
Die verblühte Nimmerstille kann nun mal „den Mund nicht halten!“
Im dichten Wald zeigen sich des Herbstes Spuren nicht so schnell.
Kalte Nachtluft bleichte freilich schon vereinzelt den Scheitel der hoch¬
ragenden Buchen; doch drinnen im Geheg grünt’s lustig weiter. Zu
Hunderten uud Tausenden leuchten aus dem Vorholz die roten Mehl-
fässcheu des Weissdorn hervor; die Hagebutte, einst das keusche Wild-
röslein, errötet zierlich ob des Muttersegens; der alte knorrige Schlehdorn
präsentiert, sich vordräugend, seine pflaumenbläuliche Frucht. Hüte dich
aber, einsamer Wanderer, davon zu naschen! Die kugelrunden Dinger,
aus denen der altmärkische Landmann früher Bier braute, ziehen dir den
Mund zusammen, als habest du reinen Essig genossen. Wohl aber ladet
au wüst umherkriechender Ranke die blaue Brombeere zum Pflücken ein,
während an den unveränderlichen Kiefern die hartgrüuen neuen Zäpfchen
in deu Tag hineinträumen, als gäbe es niemals einen Winter.
Manch’ buntes Blümlein blüht noch am Rain, trotzdem überall die
mannigfachsten Samenkapseln sich wohlig vom Winde schütteln lassen.
Es gilt, die zahllose Nachkommenschaft über alle Berge zu verstreuen.
„Gehet hinaus in alle Welt!“ und „Seid fruchtbar uud mehret euch!“
Das sind Wahlsprüche der Natur. Sorgsam bestellten Ackers bedürfen
diese zügellosen Pflauzennomaden nicht. Eine Hand voll Erde, und
lagern sie auch auf hartem Stein, genügt, den kleinen Vegetatioushaus-
halt zu etablieren.
Wo nur ein wenig Rasen den Boden bedeckt, hat sich die blut¬
arme Scabiose aufgestellt. Auch an Borden der Gräben schreitet sie
gern dahin, oft in Gesellschaft des frostig dreinschauenden Habichts¬
krautes. Zwerghafte Schafgarbe und gezacktblättrige Hundspetersilie
nicken wie Verwandte zu einander hinüber, obwohl sie sonst verschiedenen
Charakters sind. Still weint die cyanenähnliche Wegewarte ein Paar
Tauthränen. Schon sehr, sehr lang ist’s her, da war die blaue Blume
eine flinke, flatterhafte Dirne, die, ob ihres Leichtsinns vom Liebsten ver¬
lassen ward. Und da der Schatz nicht wiederkam, klagte und weinte
sie ohn’ Unterlass. Als Mitleid verwandelte Pan oder die allgewaltige
Ceres die Büssende in jene Pflanze. An allen Stegen und „Wegen
wartet“ sie nun des nimmer wiederkehrenden Buhlen. Die Blume ist
überhaupt mythisch von grosser Bedeutung. Der Theosoph Bombastus
von Hohenstein, rühmlicheu und berüchtigten Andenkens, bekannter noch
unter dem Namen Paracelsus, will es vor vierthalbhundert Jahren ent¬
deckt haben, dass die Wegewarte ihr Antlitz stets der Sonne zuwende.
Das kann man aber heutzutage au vielen andern Pflanzen beobachten.
Noch hervorragender ist die wunderbare Eigenschaft der verzauberten
Blüte, sich „in einen Vogel verwandeln zu können“. — Nun freilich:
warum soll bei Innehaltung der nötigen Verwandlungsinstanzen aus einem
jungen Mädchen nicht schliesslich ein liebliches Vöglein entstehen?