Page
256
Niedliche Glockenblumen neigen fromm das Haupt; aber gross-
spurig stelzt der in die Hob’ geschossene, goldbetroddelte Steinklee über
den Boden dahin. Aus kleinen Anfängen ist er „ein grosser Mann“ ge¬
worden und als echter Parvenü achtet er der geringeren Leute nicht.
Was gilt ihm die rosige Hauhechel, die sich gar nicht über das „Niveau
der Gewöhnlichkeit“ zu schwingen vermag, wie die vom Winde zerzauste
Flockenblume oder die grossaugige Kamille? Am Wiesenrand leuchteten
ein Paar Rotkleeblüten feurig auf. Farbloses Wollgras wiegt schwer¬
mütig das Zottelköpfchen; doch unbekümmert um das Alles blüht, sittsam
und still — das Bild geselligen und gemütlichen Hauslebens alten Styls! —
das bescheidene Massliebchen fort.
Auf der Wiese griint’s noch lauge hin, und in den augenwohl-
thuenden Teppich wirkt jetzt die Herbstzeitlose ihre Amethyst-Stickerei.
Fleissiger denn bisher schrillt die Cicade im wirren Grasversteck; eine
Bärenraupe steigt am schwanken Halme empor. Sie fürchtet die kreisende,
summende Wespe nicht, denn ihr brauner Haarpelz schützt sie vor dem
kampfesmutigen Insekt. Ein Falter gaukelt von Blatt zu Blatt, während
in der Trennfurche Freund Lampe seinen viel bedrohten Körper in
Sicherheit bringt. Seitdem die Hühnerjagd eröffnet ward hat er den
Menschen und seine Mordlust kennen gelernt. Das Gewehrknallen ist
seinem Ohre — mit guter Erlaubnis „Löffel“! — ein Gräuel, und wenn
ein armes Huhn todeswnnd neben ihm niederfällt, dann mag es wohl wie
eine bange Ahnung über den Furchtsamen kommen, dass vielleicht auch
seine Stunde bald geschlagen hat. —
Auf steinigen Boden macht sich die unschön Distel breit. Borstig
und struppig, eiu wahrer Stacheligel der Pflanzenwelt, spreizt das Ge¬
wächs die scharf gezackten Blätter um den holzigen Stiel, jede Spitze ein
drohendes „Noli me tangere!“ Zu ihm passen die verhasste Kleeseide
und der zudringliche Hederich. Selbst der schlichten Erica mag diese
Gesellschaft ,.zu bunt“ erscheinen. Sie hat sich weit ab angesiedelt.
Eine duftige Wicke sucht reckhalsend nach anderem Umgang; wilder Mohn
taumelt, blutrot angelaufen, vom Hügel hinab, und die nicht unschöne, zu
Unrecht so benamsete Korn wucherblume hält mütterlich die Ihren zusammen.
Mit dem nahen Herbst erstirbt auch jeder Vogelsang, obwohl der
Spatz und die Ringeltaube nicht selten noch einmal Flitterwochen durch¬
kosten. Beiden aber fehlt bekanntlich die Gabe des Apoll. Die Lerche
steigt längst nicht mehr „auf der Leiter ihrer Lieder“ empor; — ein
Rotkelchen schlüpft stumm durch den beerenbehangenen Fliederbusch
und die Schwalben üben sich im Wettflug zu der grossen Reise. Nur
die Staare spektakeln im Freien noch schaarenweise umher. Einem
grossen Laken nicht unähnlich, wogen die possierlichen Vögel auf und
nieder. Das fabelhafte Phantasie-Ungeheuer, welches an langer Schnur
in den Lüften schaukelt, irritiert sie nicht im Mindesten. Sind aber
erst die Zugvögel alle fort, dann nahen neblige und Regentage. Draussen
wird’s immer stiller und einsamer. Schläfrig verhält die Sonne ihr Ant¬
litz. Herbststürme stellen sich ein und der Wind weht erbarmungslos
den letzten Schmuck von Baum und Strauch.
(Landwirtschaft. Zeitung.)
„Was der Volksmund sich Alles
von den Pflanzen erzählt“.*)
Von Georg Schmidt, Hauptlehrer.
Bei den ersten linden Frühlingslüften beginnt die Erde tausend¬
faches Leben zu entfalten, und schon lockt der warme Sonnenstrahl
zartes Grün aus dem von Schnee befreiten Boden. Bei günstiger Witterung
blüht schon im Februar der Haselnussstrauch, Corylus Avellana , ein
Kätzchenträger. Das weisse, harte, sehr biegsame und zähe Holz wird
von den Korbmachern gerne gesucht, welche daraus die feinsten Korb¬
flechtereien fertigen. Die schlanken Ruthentriebe werden auch Stockloden
genannt, die man als Ausklopfstöcke benutzt, und welche auch in der
Kinderzucht eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Die Nüsse werden
im September reif. „Marie Latern“, d. h. Mariä Geburt (am 8. Sept.) —
„fallen die Nüsse aus den Klatern“, sagen die Bauersleute. Von den
Haselnusskätzchen sammeln die Bienen ihr erstes Futter, und nicht um¬
sonst hat der berühmte Bienenvater Dzierzon die Anpflanzungen von
Haselsträuchern empfohlen.
Die Haselstaude hat im Volks- und Aberglauben eine grosse Be¬
deutung. Die Zweige der Haselstaude sind die geeignetsten zu Wünschel¬
ruten, womit man Schätze heben, Hexen bannen, Geister zitieren und
Wasserquellen auffinden zu können glaubte. Die Schösslinge müssen
aber dreijährig sein und mit einem noch nie gebrauchten Messer oder
mit einem Feuersteine Nachts von einer gegen Osten stehenden Staude
geschnitten werden. Die Wünschelrute ist indes sehr alt. Die Stäbe,
mit denen Jakob die Schafe fruchtbar machte (1. Mos. 30—37. V.), sowie
der Stab, durch welchen Moses Wasser aus dem Felsen schlug (2. Mos.
17. und 4. und 20. V. 11.), haben unkundige Ausleger für eine Wünschel¬
rute gehalten, sowie den Stab Aron’s (Mos. 17.), weshalb die Wünschel¬
rute auch geradezu „Mosesstab“ und Aronsstab genannt wird. Auch im
römischen Altertume war die Wünschelrute nicht unbekannt, und schon
Cicero berichtet über diese.
Die Haselstaude gilt als der Mutter Gottes geweiht, denn diese
rastetete „auf der Flucht nach Aegypten“ unter einer solchen; es schlägt
seit iener Zeit kein Blitz dahin, wo ein „an Mariä Heimsuchung (2. Juli)
geschnittener Haselzweig vor das Fenster gesteckt wird.“ Die auf der
Hasel selten vorkommende Mistel galt als vorzüglich wirksam gegen die
Hexerei. Die an alten Stämmchen wachsenden Schwämme haben die
Eigenschaft, dass man verlorene Sachen leichter wieder findet, wenn man
ein Stückchen des Schwammes bei sich trägt. Schlaf unter einer Hasel¬
staude bringt weissagende Träume. Der Name Avellana soll von Avella
oder Abella, einer Stadt in Campanien, kommen, in deren Umgebung
der Haselnussstrauch besonders kultiviert wird. Im Handel kommt die
von Trebisoude hauptsächlich zur Geltung. In Koustantinopel heisst so¬
gar ein Stadtteil Fundulky, d. h. Nuss-Viertel, weil in diesem nur Hasel¬
nusshändler wohnen.
*) Vortrag, gehalten im Gartenbauverein Karlsruhe.
Kaum ist der Schnee von der warmen Frühlingssonne geschmolzen,,
so erhebt schon das Schneeglöckchen ( Galanthus nivalis) schüchtern sein
Haupt, um den Frühling einzuläuten; ihm folgt die goldene Sternblume,
auch Goldstern ( Gtagea lutea) genannt. Den Namen Gagea erhielt diese
Pflanze angeblich von dem englischen Mönche Gage, der auch Amerika
bereiste und im Jahre 1648 ein Buch über diese Reisen herausgab. Dem
Schneeglöckchen folgen auf den Wiesen und in Waldungen die Anemonen,
welchen der Volksmund auch den Namen „Windröschen“ gegeben hat.
Und mit Recht führen diese Pflanzen den genannten Namen. Plinius
schon behauptete, dass die Anemonen nur beim Wehen des Windes ihre
Blüten öffnen würden; richtig ist, dass sie ihre Blüten im Frühlinge ent¬
falten, in der Zeit des Windwehens, oder noch richtiger, dass auch der
leiseste Wind die Blumen auf ihren, dünnen, langen Stielen bewegt.
Das Vieh frisst diese Pflanzen nicht gern; kommt es doch zuweilen vor,
so verursacht der Genuss Entzündung der Gedärme, Krämpte und Blut¬
harnen. Bei den Alten war die Anemone das Symbol der „leicht zu
trocknenden Weiberthränen“, weil ihre Blüte nur von ganz kurzer Dauer
ist. So sehr die Venus den Adonis beweinte, so hing sie sich doch bald
wieder an den — Anchises. Gewiss erinnert man sich hier an die Stelle
in Blumauer’s Aeneide, wo er von der Dido spricht, die, weil der vielge¬
liebte Aeneas sie verliess, sich erhängte:
„Und seit dem jämmerlichen Brauch, aus Liebe sich zu morden,
Ist unter unsern Damen auch, das Hängen Mode worden.
Sie hegen gleichen Appetit und hängen sich, wenn Einer flieht,
— Sogleich an einem — Andern!“
Hier muss gleich eiu anderes Pflänzchen angeführt werden, welches
uns zwar erst der Sommer bringt, aber dessen Mythe mit der oben an¬
geführten eng zusammenhängt, nämlich das“ Sommer-Adonis, im Volks¬
munde „Blutströpfchen“ genannt, welches bei uns, in Griechenland und
Italien häufig zwischen dem Getreide wächst.
„Adonis, sagt die Mythe,'war der Sohn des Phoenix und der Al-
phesiboea oder Myrrha. Letztere, wegen eines unnatürlichen Verbrechens
von ihrem Vater verfolgt, fleht, um seinem Zorne zu entgehen, um Rettuug,
und wird in die Blume Adonis verwandelt.“ Nach einer andern Mythe
wird Adonis, der schöne, von Aphrodite heissgeliebte Jüngling, von einem
Eber verwundet und getödtet; aus seinem Blute entspross eine schnell¬
verblühende, blutrote Blume — „Adonis“.
Nur von kurzer Zeit ist das Dasein dieses Pflänzchens, daher ist
es das Symbol der „schnellverblühenden Jugend.“
Ein Kind des Lenzes nach dem andern erschliesst seinen Kelch
dem milden Sonnenstrahlen des Frühlings, so das Frühlingshungerblüm¬
chen ( Draba vernä). Man glaubte nämlich von dieser Pflanze, dass sie
Teuerung verursache, wenn sie sich in einem Jahre häufig zeige. Richtig
ist, dass dieses Pflänzchen auf dem magersten Boden sein Dasein fristen
kann. Dort, wo das Frühlingshungerblümchen gedeiht, schlüpft eine
andere wohlbekannte und vielgenannte Pflanze aus dem Boden, nämlich
das wohlriechende Veilchen ( Viola odorata). Das holde, weiche Kind
der feuchten Wiese und des schattigen Waldrandes, die zarte, tiefblaue
Frühlingsblume hat das Schicksal vielen Veränderungen unterworfen.
Das Pflänzchen ist in erster Reihe in die Einöde versetzt. Da musste
es sich thunlich einrichten, um sein Leben zu fristen; es musste ein
wärmeres Kleid anziehen, dann gab es den Luxus der feinen, langen,
kriechenden Ausläufer auf, die es daheim im satten Wohlleben getrieben
hatte, und endlich lernte es auf die süssen Düfte verzichten, die es bis¬
her im Herzen getragen, aut das herrlichste Vorrecht des Veilchens, durch
welches das kleine, verborgene Blümchen in Rang und Ehren neben die
stolzeste, herrlichste Blume der Erde, neben die Rose zu stehen kam.
Ueber allen diesen Wandlungen war aus dem zarten Kinde des Waldes
und der Wiese das lebensstarke, standhafte Veilchen geworden, welches
die blumenkundigen Menschen mit dem Namen behaartes Veilchen ( Viola
hirta ) belehnt haben. Das Pflänzchen kommt überall fort, auf steinigem
Boden, auf kalkiger Erde, wo der Märzwind stürmt, wo die heisse Sonne
niederbrennt, sowie tiefer unten im Thale, auf grünen Weideplätzen, im
kühlen Schatten des Waldrandes.
Bei diesem behaarten Veilchen hält in allem Sturm und Unge¬
witter und in allem blendenden glühenden Sonnenscheine eine Gefährtin
treu aus, welche mit ihm hoch oben auf dem kahlen Hügel steht oder
mit ihm zum Thale wandert. Diese Gefährtin ist das Stiefmütterchen
(Viola, tricolor), auch dreifaches Veilchen, Dreifaltigkeitsblümchen, Herr¬
gottsblümchen oder Freisamkraut genannt. Es blüht und grünt fort und fort,
im Sturm und Ungewitter uud im lachenden Sonnenscheine, und wenn
es mit seinem Blumenvorrat zu Ende ist, dann ist es überhaupt mit dem
ganzen Blumenleben des Jahres vorüber, und es bleibt auch unserm
kleinen Dreitaltigkeitsblümchen nichts anderes übrig, als sachte zu ver¬
schwinden von der Stelle, die es vom ersten Anbeginn des Frühlings nach
besten Kräften geschmückt und verherrlicht hat. Das in den Wurzeln
der Veilchen enthaltene brecherregende Gift heisst Violin. Das wohl¬
riechende Veilchen wurde früher gegen den Stein gebraucht. Das Veil¬
chen war den Griechen nicht nur ein Symbol der jährlich wieder auf¬
lebenden Erde, wie bei uns die Schlüsselblume, welche den Frühling er¬
öffnet und den heitern Himmel und die schöne Blumenwelt aufschliesst,
sondern galtauch als Symbol der Jungfrauschaft; Chloe wenigstens flocht
einen Kranz aus Veilchen und überreichte ihn dem Daphnis als ein jung¬
fräuliches Geschenk. Auch wurde die Tochter des Atlas, als sie sich vor
dem Apollo verbarg, in ein Veilchen verwandelt! Die Blume der Be¬
herrscherin des Orkus ist keine andere als die blaue Viola. Der griech.
Name Jon soll daher entstanden sein, dass jonische Nymphen, die an der
Quelle des Flusses Cytherus in Elis verehrt wurden, zuerst diese Blume
dem John, welcher eine atheniensische Kolonie nach Attika geführt hatte,
zum Geschenke gebracht hätten.
Matthisson singt in einem seiner Gedichte:
„Kein Gang der Liebenden im Frühlingshain
An Veilchen so reich, wie Attika’s Gefilde.“
Auch setzte die Stadt Henna in Sizilien auf ihren Münzen unter
andern Zeichen auch Violen, weil die Felder und Wiesen daselbst be¬
ständig mit diesen Frühlingsblumen bekleidet waren. (Schluss folgt.)
Verantwortlicher Redakteur Friedr. Huck Druck und Verlag von J. Frohberger in Erfurt.
" HJb- -
JMM'
."'ST ^ jtiJP?:.