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Schätzen übersehen können; Welch’ ein Anblick! Vor uns, mitten
in der Halle, prangt das schon erwähnte Mosaikbeet in schöner
Blumenmalerei, um dieses herum ziehen sich breite Wege, und
lassen wir unseren Blick über dieses Mosaikbeet hinwegschweifen,
so erblicken wir, garadeausgesehen, den geräumigen Eingang zur
Hinterhalle, zu dem bedachten, regensichern Raume, wo die in der
Gartenbauhalle nicht unterzubringenden Gemüse ausgestellt worden
sind, und zu welchem Raum, weil er tiefer als die Gartenbauhalle
liegt, eine Anzahl Stufen hinabführen. Bleiben wir nun auf unsern
erhöhten Parterre noch stehen und richten den Blick links, dann
rechts, so erblicken wir die im grossen Mittelraum der Gartenbau¬
halle zu ungezählten Tausenden, frisch abgeschnittenen, lebenden
Blumen, und dann um diese einen Rahmen bildend, die reichhaltigen
Gemüsesortimente und wie schon erwähnt alles auf Tafeln oder
Tischen und bequem für das Auge. Da lockt es uns gewaltig, von
dem erhöhten Parterre die Stufen hinabsteigen, um all’ die Schätze
noch näher besehen zu können, doch wir legen unserem Drängen
Zügel an und sehen uns erst einmal auf unserm Parterre um. Und
welche Ueberraschung bietet sich uns da? Eine Champignon-An¬
lage, der schwierigste Teil der Gemüsezucht, ein Zweig der Ge¬
müsetreiberei, in dem bisher nur die Pariser Gemüse- oder Cham¬
pignongärtner Erspriesliches zu leisten vermochten. Der Aussteller
ist der strebsame, wackere und intelligente Champignonzüchter W.
Grün aus Ingersleben bei Neudietendorf, ein Mann, der trotz der
vielen Schwierigkeiten und Hindernisse, mit denen er zu kämpfen
hatte, in seinem Streben und Wollen nicht erlahmte und unser
erster und grösster thüringer Champignonzüchter geworden ist, der die
Champignonzucht rationell und erbwerbsmässig betreibt. Seine aus¬
gestellte Champignonanlage zeigt uns diesen Edelpilz in seinen ver¬
schiedenen Entwickelungsstadien, von der Brut (Schwammweiss) bis
zur Bildung fertiger, für die Tafel brauchbarer Pilze, Krankheiten
u. Missratungen der Champignons etc. Auf einer mit frischem Wald¬
moos und kleinen Fichtenbäumchen umrahmten Fläche sehen wir
da zwei kleine, im vollen Tragen begriffene Beetchen, mit fertigen
und auch noch sich entwickelten Champignonpilzen, auf Tellern
präsentieren sich fertige, frisch gepflückte weisse und braune Cham¬
pignons, sortiert in erste und zweite Qualität; dann sehen wir ge¬
trocknete, sogenannte lose Brut, die sich lange aufbewahren lässt,
die zur Erzeugung der Pilze dient. Diese Champignonbrut besteht
aus von Pilzfäden durchzogenen, strohigem Mist. Die Pilzfäden
(Mycel) haben ein spinnewebeartiges Aussehen, behalten bei guter
und trockener Aufbewahrung ihre Lebensfähigkeit sehr lange, und
wenn in Champignonbeete gebracht, beginnen sie zu wachsen, schaffen
Nahrung herbei und erzeugen so den Champignonpilz; dann sehen
wir ein Brutlager im Querdurchschnitt zur Darstellung des Schwamm¬
weiss in der Ernte, dann Champignons von der sogenannten Blatt¬
krankheit befallen, der Untergrund mit verpfilztem und verholztem
Mycel; dann verschwommene Brut, sogenannte Faulbrut, die zur
Erzeugung von Champignon ungeeignet ist und ferner noch Cham¬
pignonpilze von der Entwickelungskrankheit ergriffen. Alles dies
ist höchst interessant, erntet von den Besuchern viel Beifall und
Bewunderung, es ist ja auch das erstemal, dass Champignon in so
mannigfacher Weise auf einer thüringer Ausstellung gezeigt wurde.
Gehen wir nun einen Schritt weiter, so stossen wir auf die
vom Handelsgärtner Richard Streuer zu Kranichfeld ausgestellte
Gemüsegruppe, die aus Bohnen, Gurken, Kohlrabi und Rettigen
besteht. Drei Stangenbohnensorten, als Schlachtschwert-, Korbhüller
und Mont d’or Wachs- sind, um deren Tragbarkeit zu veranschau¬
lichen, mit den von den Pflanzen berankten Stangen eingeliefert
worden. Die Rettige bestanden aus rotschaligen Herbst-, Münchener
Bier- und Pariser kohlschwarzen und zeigten, dass auch in dem
bergiggelegenen Kranichfeld grosse Rettige wachsen, desgleichen
auch Riesenkohlrabi.
Auf der rechten Seite dieses Parterres befinden sich die vom
Handelsgärtner Karl Kaiser in Nordhausen ausgestellten Gemüse.
Wir sehen da eine Anzahl mit samt ihren Stangen oder Stützen
ausgestellte Stangenbohnensorten wie: Mont d’or Wachs-, Flageolet-
Wachs-, Korbhüller, Thüringer Speck- und breite, bunte Schwert-;
sämtliche Bohnenstauden sind dicht mit Schoten behängen, doch
am meisten die Sorte Korbhüller, bei welcher die Schoten so dicht
hängen, dass sie an manchen Stellen gehäuft auf einander lagern.
Die zuerst genannten Mont d’or- und Flageolet-Wachs werden zu
unseren besten Wachs- oder gelbschotigen Bohnen gerechnet; die
Thüringer Speck- macht sehr grosse, dicke, fleischige Schoten, wird
aber trotz dieser Vorzüge nur selten im Samenhandel geführt und
das gleiche Schicksal erleidet auch die breite, bunte Schwertbohne,
die, wenn sie echt ist, gleichfalls mit zu den vorzüglichsten Stangen¬
bohnen gerechnet werden darf. — Gleichso wie Kaiser’s Bohnen
nur ganz Vorzügliches darboten, waren auch dessen ausgestellte
Gurken Musterfrüchte. Das Sortiment war reichhaltig, von jeder Sorte
waren einige Früchte ausgestellt und eine jede Sorte war deutlich
bezeichnet und ihr auch eine kurze Beschreibung ihrer Eigenschaften
beigegeben worden; darunter befand sich auch die Sorte „Fürst
Bismarck“, eine hübsche und ansehnliche Gurke, welche als die
allerfrüheste und reichtragendste aller Treibgurken bezeichnet war
und nur wenig Ranken machen soll. Alles Das was Kaiser gesandt
hatte, war überhaupt durchweg gut und musterhaft.
Nachdem wir die Ausstellungsgegenstände dieses oberen,
kleinen Parterres besichtigt haben, steigen wir den Stufen hinab in
das grosse Hauptparterre der Gartenbauhalle, halten uns links zu
den mit allerhand Gemüsen belegten Tischen, sehen und mustern
dieses durch und lassen die Mitte dieses Ausstellungsraumes
mit all’ ihren farbigen und duftenden Blüten ein Weilchen unbe¬
achtet. Beim Hinwandern gelingt solches zwar nicht ganz, denn wer
wollte den holden Kindern Florens unausgesetzt den Rücken zu¬
kehren, wer wollte sein Auge gegen sie verschliessen, wer sollte
solches wohl fertig bringen? Doch zwingen wir uns, so gut es geht,
den Blick auf nur die Gemüse zu richten. Die erste Gruppe auf
die wir stossen, hat Haage & Schmidt-Erfurt als Aussteller. Es
ist eine äusserst reichhaltige Gruppe, die reichhaltige Sortimente
von allerhand Gemüsegattungen enthält, was Jedermann der den
Samenkatalog dieser Firma kennt, leicht begreifen können wird.
Zuerst sind es riesige Kohlrabi und eine grosse Anzahl Sorten von
Rettigen und Radieschen auf die wir treffen. Der Pariser lange,
kohlschwarze Rettig gefällt uns wegen seiner Grösse und schönen
Form, der Erfurter lange, schwarze Winter- sieht mehr grauschwarz
Kraut, neues Winnigrstädter rotes spitzes,
ausgestellt von Haage & Schmidt-Erfurt, Text folgt.
aus, übertrifft den Pariser noch um eine Kleinigkeit an Grösse und
ist gleichfalls von sehr schöner Form, auch der Münchener Bierrettig
ist eine recht ansehnliche Sorte, während der chinesische rosenrote
sich mehr durch schöne lebhafte Färbung, als durch Grösse aus¬
zeichnet. Das Bohnensortiment, das in frischgepflückten Schoten
auf zahlreichen Papiertellern lagert, ist äusserst reichhaltig; auffällig
sind da einige Sorten mit buntfarbigen Schoten wie Erfurter Rabin-,
Forellen-Wachs-, blauschotige Speck- u. a. m. Das Haage &
Schmidt’sche Bohnensortiment ist sehr reichhaltig, umfasst nicht nur
die besten gegenwärtigen Handelssorten, sondern auch noch viele
der besten älteren, seltenen und auch neuen Sorten. Von neuen
waren in Schoten ausgestellt zwei Buschbohnen, nämlich
eine englische, Namens Yosemite Mammolh Wax- und eine franzö¬
sische Züchtung, die der russenfreundliche Züchter Empereur de
Russie getauft hat. Dann sehen wir noch zahlreiche .Sorten von
Möhren, Mangold, Zwiebeln, Gurken, Kartoffeln und anderen Ge¬
müsen mehr. Von den schönen Gurkensorten fallen zwei, die
„grüne von Colmar“ und die „Fürsten-Gurke“, wegen ihrer halb¬
langen und dabei sehr dicken Form auf. Beide Sorten werden
erst im nächsterscheinenden Samenkataloge genannter Firma Auf¬
nahme finden, können also noch als neu gelten. Die von der Firma
Haage & Schmidt hier ausgestellte Gemüsegruppe dürfte wohl noch
mancherlei neue oder seltene Gemüsesorten enthalten, doch dürfte
bei der Ettikierung unterlassen worden sein, darauf hinzuweisen, so
dass solche wichtigeren Sorten bei den ungeheuren Mengen der
ausgestellten Gemüse nur allzuleicht übersehen werden können. Vom
Rhabarber, diesem Stengelgemüse, das sich in Deutschland jetzt
allgemein eingebürgert hat, sehen wir vier der vorzüglichsten Sorten
ausgestellt, als: Linnaeus, Viktoria, Prinz Albert und Paragon, alle
mit riesigen Blattstielen. Ausserdem haben Haage & Schmidt ausser
in der Gartenbauhalle, auch noch in den mehrfach erwähnten be¬
dachten Raume hinter derselben, reichhaltige Gemüsesortimente aus¬
gestellt, deren später noch gedacht werden soll.