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aufmerksamen Studiums der Spezialisten wert wäre. Sie ist um so
ärgerlicher, als sie zu einer Zeit auftritt, wo die Pflanzen im vollen
Wachsthum sind.
Schon mehrere Jahre habe ich die durch diese Krankheit
verursachten Verluste an den Kulturen von Lemoine & Sohn in
Nancy beobachtet — es scheint in anderen Sammlungen ebenso
zu sein — und ich glaube, dass sie, wenn man kein Mittel findet,
ihr Einhalt zu thun, zu Besorgnissen Veranlassung gibt. Im Jahre
1895 sah ich in kurzer Zeit auf einem Beet, wo sie gezogen
wurden, sehr schöne Varietäten in voller Blüte zurückgehen, z. B.
CI. lanuginosa Beile Nantasie , Duck of Norfolk, Eugene
Delaetre , Lafontaine , President Grevy , C. patens Mme. H. de
Pulligny , Sigurd , Hiamara und Etoile de Paris.
Eigentümlicher Weise hat diese Krankheit, welche die Varie¬
täten der grossblumigen Clematis derart befällt, die von C. Viticella
stammenden verschont. Es ist also sicher eine Frage eigener Ver¬
anlagung der von dieser letzteren Art entstandenen Varietäten.
Um keinen Zweifel daran zu lassen, will ich die Namen der Viticella-
Varietäten anführen welche nie darunter zu leiden hatten, obwohl
sie daneben kultiviert wurden: C. Viticella venosa , rubra grandi-
flora, M. Grandeau , M. lisserand, kermesina , Mme. Moser ,
alle einfach blühend, La Nancieenne , Mathieu de Dombasle ,
Lamartine mit gefüllten Blumen. Die Eigenschaft der Immunität
scheint also dieser Gruppe sehr eigen zu sein.
Allerdings erreichen die Blumen der Varietäten dieser Gruppe
bei weitem nicht die Grössenverhältnisse derer der ersterwähnten,
aber ihre viel grössere Anzahl ersetzt reichlich den Mangel an
Grösse und vom dekorativen Standpunkt aus sind sie nicht ohne
Wert. Die Krankheit scheint nicht nur in Nancy, sondern auch
anderwärts beobachtet worden und bei Gärtnern sowohl, wie in
den Gärten der Liebhaber aufgetreten zu sein, wo sie schon alte
Pflanzen vernichtete.
Verschiedene Verfahren wurden versucht, um dem Uebel
zu steuern, aber, wie es scheint, bis jetzt ohne zufriedenstellenden
Erfolg. Es weist alles daraufhin, dass die kranke Stelle sich am
Wurzelhals befindet oder genauer ausgedrückt, direkt am Boden
oder etwas unter der Oberfläche desselben. Eine Probe, die mir
den Beweis zu liefern scheint, dass der Sitz des Uebels sich dort
und nicht anderwärts befindet, beruht auf folgender Thatsache:
die Triebe der befallenen Pflanzen werden plötzlich welk, von
einem Tag auf den andern, wenn die Organe im vollen Wachs¬
tum sind. Aber, bevor das Vertrocknen der Stengel soweit vor¬
geschritten ist, dass das Gewebe in ihnen getötet ist, können sie,
unter Glocken in’s Wasser gelegt, ihre naturgemässe Turgescenz
wieder erlangen. Diese Triebe, welche auf diese Art wieder lebens¬
fähig geworden sind, können auf die gewöhnliche Art und Weise
zur Veredlung benutzt werden. Dann, und dies beweist, dass
diese Clematiskrankheit nicht die Pflanze in ihrem ganzen Umfang
befällt, können, nachdem die Triebe abgestorben sind, die Wurzeln
als Unterlage verwendet werden.
Die befallene Stelle ist nur wenig sichtbar, die äusserlichen
Anzeichen der Krankheit zeigen sich erst sehr spät; sie machen
sich nur bemerkbar, nachdem die oberirdischen Teile aufgehört
haben zu leben. Eine von einem Spezialisten ausgeführte aufmerk¬
same mikroskopische Untersuchung würde wahrscheinlich die Zweifel
lösen, welche wir über die Ursachen haben können. Ohne es
behaupten zu können, ist es doch wahrscheinlich, dass wir es hier
mit einem schmarotzenden Pilz zu thun haben, und man denkt
unmittelbar an kupferhaltige Mischungen. Die Bordelaiser Brühe,
welche gegen den Mehltau angewendet wird durch Bespritzen der
Blätter des Weinstockes, scheint in dem hier vorliegenden Falle
nicht in ähnlicher Weise verwendet werden zu können. Diese
Mischung, welche mehr oder weniger an den Blättern hängen bleibt,
hemmt dort die Keimung der Sporen auf den Blättern, bei den
Clematis ist es aber anders, da hier die oberirdischen Teile nicht
befallen sind und die Krankheit ausschliesslich auf den Wurzelhals
beschränkt ist.
Wo lebt der Pilz, wenn es überhaupt einer ist, und wo
überwintern seine Sporen? Sicher im Boden und nur dort. Jetzt
wird die Frage aber verwickelt, denn man kann sich fragen: welches
ist der Stoff, der die Entwicklung des Schmarotzers verhindert oder
ihn in einem so ausgebreiten Nährboden zerstört, wo er überall
Vorkommen kann.
Lemoine hat die Bordelaiser Brühe in starker Gabe auf dem
Boden verteilt, sodass sie die Oberfläche der Erde blau machte,
ohne grosse Erfolge zu erzielen. Vielleicht wurde sie zu spät ange¬
wendet? Diese Frage ist erneut zu prüfen, wobei vergleichshalber
andere Stoffe anzuwenden wären. Hoffentlich bringen uns neue
Erfahrungen und Versuche auf das Mittel zur Bekämpfung dieser
Krankheit. (Frankfurter Gärtner-Zeitung.)
Karthäuser-Nelke.
Es sind in der letzten Zeit verschiedene Nelkensorten von
dunkler Herkunft aufgetaucht, wie z. B. C. Dianthus hybridus
semperflorens, mit gefüllten karminroten Blumen, D. hybr. Napo¬
leon III. mit gefüllten purpurroten Blumen und andere Sorten
mehr. Die meisten Gärtner halten sie für Bastarde. Möglich, dass
es dem auch so ist. Wer unsere alte gefüllte Karthäuser-Nelke
(D. carthusianorum fl. pl .), die aus den Gärten fast verschwunden
ist, kennen gelernt hat, wird zu der Meinung gelangen, dass alle
jene Nelken grosse Aehnlichkeit mit dieser haben und dass die
Abstammung jener von D. carthusianorum mit herzuleiten sein
dürfte; denn jene Bastarde sind in Stengeln, Blüten und Wuchs
der Karthäuser-Nelke sehr ähnlich, nur in der Höhe der Pflanzen¬
stengel weichen sie von letzterer bisweilen ab, denn diese sind zum Teil
viel höher, die Belaubung ist bei manchen auch anders gefärbt,
ist mehr stahlgrün und auch im Blühen sind sie meist von D.
carthusianorum abweichend: während nämlich die letztere nur
einmal im Jahr, im Sommer, blüht, sind jene öfterblühend, können
bei zweckentsprechender Kultur auch im Winter zum Blühen ge¬
bracht werden.
Die Abstammung jener Nelken wird sich wohl nie genau
feststellen lassen, denn jene Nelken sind nicht Erzeugnisse der
Neuzeit, sondern sind als Reste einer früheren Blumenkultur an¬
zusehen. Da aber bei allen die Merkmale von D. carthusianorum
mit auftreten, sogar sehr auffällig vorhanden sind, so wird man
seitens der Gärtner am richtigsten handeln, wenn man, um
eine einheitliche Benennung für jene Nelken zu haben, diese schlecht¬
weg Karthäuser-Hybriden-Nelken ( Dianthus carthusianorum hybri¬
dus) nennt, dagegen alle anderen Benenungen wie D. hybridus ,
D. semperflorens u. s. w. fallen lässt. Bei der Bezeichnung Kar-
thäuser-Hybriden, weiss jeder Gärtner und Blumenfreund sofort,
mit was für einer Nelkenklasse er es zu thun hat, während die
Bezeichnungen hybridus oder semperflorens nicht deutlich genug
sind und den Anschein erwecken können, als ob unter ihnen Nelken
der Klasse von D. Caryophyllus oder irgend anderer Arten gemeint
seien.
Die hier in Abbildung ge¬
brachte Bismarck-Nelke oder Dian¬
thus multiflorus „Fürst Bismarck“
wird gleichfalls zu diesen Karthäuser-
Hybrid.-Nelken zu rechnen sein. Ihr
Wuchs und ihre Blumen lassen wenig¬
stens darauf schliessen. Gesehen habe
ich diese Nelke noch nicht. Soviel
ich weiss, ist sie von Deutschland aus
nach England gekommen und hat
man sie von dort aus unter der Be¬
nennung „Fürst Bismarck“ weiter ver¬
breitet. Ihre Blumen sind leuchtend
karminrot, erscheinen in grosser Menge
und durch Einpflanzen der Pflanzen
im Herbst in Töpfe, lässt sich diese
Nelke auch im Winter zum Blühen bringen, was auch mit allen Kar¬
thäuser-Hybriden der Fall ist.
Die Kärthäuser-Nelke, so auch die Karthäuser-Hybriden-Nelken
lassen sich ebenso leicht im freien Lande als in Töpfen kultivieren,
die Kultur im Freien ist aber vorzuziehen, und nur, wenn man
von ihnen auch Blumen im Herbst und Winter wünscht, ist die
Topfkultur mit angebracht.
Alle diese Nelken besitzen einen herrlichen Nelkeng-eruch
und sind auch für Schnittblumenkultur geeignet, namentlich für
die späte Herbst- und erste Winterzeit.
Die hier abgebildete Bismarck-Nelke erhält man in der Gärt-
neiei von Louis Vieweg in Quedlinburg. Die übrigen Kar¬
thäuser-Hybriden finden sich nur vereinzelt in den Pflanzenver¬
zeichnissen angeboten, am meisten begegnet man in diesen noch
der Sorte Napoleon III. Eine weissblühende Sorte besass früher
der hier in Erfurt ansässige Gärtner Otto Mau, doch scheint diese