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Botanisches und Naturwissenschaftliches,
früher „Erfurter Botanische und naturwissenschaftliche Blätter“, Beilage zur vorliegenden Gartenzeitung.
Dieser botanische und naturwissenschaftliche Teil bringt allerlei Belehrendes und Interessantes aus dem Pflanzenreiche und den übrigen Naturreichen, lehrt vom
Bau und Wesen der Pflanzen, von deren Feinden und Krankheiten, macht mit den für den Gartenbau nützlichen und schädlichen Tieren bekannt u. s. w., u. s. w.
Einiges über Frostspanner im allgemeinen
und über Hibernia defoliaria CI. im besonderen.
Die Mehrzahl der Frostspanner lebt im Walde und werden auch
■daher in erster Linie die Raupen dieser Tiere den Waldbäumen verderb¬
lich, unter diesen sind es wieder die Eichen und Buchen, welche vou
den Raupen der Frostspanner bevorzugt werden.
Wenn man bespielsweise im Frühjahre 1895 die Gehölze und
Wälder der nächsten Umgebung von Karlsruhe besuchte, so musste man
staunen über die Verwüstungen, welche von den Raupen der Frostspanner
stellenweise an Buchen und Eichen angerichtet waren. Zum Teil waren
die Buchen buchstäblich entblättert, so dass nur noch das nackte Ge¬
zweig sich den Blicken der Beschauer darbot, auf welch ersterem die
fressgierigen Raupen, nach Futter suchend, noch in grosser Zahl umher¬
krochen.
Es drängten sich mir da unwillkürlich die Fragen auf, wie können
sich diese Tiere, deren Weibchen bekanntlich flügellos sind oder höchstens
zum Fliegen ungeeignete Stummel besitzen, so ausserordentlich weit aus¬
breiten? Ferner, welche wirksamsten Mittel wären wohl hieranzuwenden,
um einer intensiven Vermehrung und weiteren Ausbreitung in andere
Gegenden vorzubeugen ?
Die Antwort für die erste Frage der Ausbreitung ist wohl bald ge¬
funden; in erster Linie kann eine solche stattfinden mit Hilfe der Luft¬
bewegung, indem die Blätter, in und an welchen die Raupen sitzen, von
letzteren abgebissen werden, so dass sie berabfalleu und durch den Wind
fortgetragen werden; dies wird jedoch nur eine sehr geringe Zahl sein,
die auf diese Weise an einen anderen Ort gelangt.
Eine weitere Art der Ausbreitung erfolgt wohl durch Wanderung
der Raupen selbst, indem sich die Tiere an Fäden vou Bäumen und Ge¬
sträuchen herablassen und auf dem Boden mit grosser Schnelligkeit
weiter kriechen.
Hauptsächlich geschieht nun aber wohl eine Verbreitung an andere
Oertlichkeiten weniger als Raupe, sondern vielmehr schon als Ei; diese
werden-von den befruchteten Weibchen sehr versteckt in Astwinkel, Rinden¬
spalten u. s. w. abgelegt nnd gelangen dann später mitsamt dem Be¬
festigungsorte durch Transportmittel, Menschen u. s. w. zwecks Verwendung
des Holzes weiter an andere Oertlichkeiten. Auch die Raupen werden
auf letztere Weise meist verschleppt.
Die zweite Frage, ein wirksames Schutzmittel gegen die Zer¬
störungen der Frostspanner anzuwenden, ist nicht so leicht gelöst. Jeden¬
falls aber wäre es verkehrt, wenn man die Raupen als solche bekämpfen
wollte. Bei den in Frage stehenden Arten ist es wohl weit richtiger und
auch einfacher, sich die Verkümmerung, welche die Natur dem Weibchen
der Frostspanuer zu teil werden Hess, zu nutze zu machen und diese
selbst zu töten. Ich glaube als wirksamstes Mittel zum Schutze der
Waldbäume auf Grund lahgjäriger Beobachtungen die Leimringe empfehlen
zu können. Diese Gürtel dürfen nicht zu hoch um die Bäume gelegt
werden, damit die Weibchen bald nach dem Ausschlüpfen aus der Puppe
(alle Arten verpuppen sich in oder an der Erde) in den Klebstoff geraten
und hier bald zu Grunde gehen, ohne vorher ihre Eier abgesetzt zu haben.
Es müsste diese Arbeit zu Anfang Oktober geschehen, da in diesen
und den nächsten Monat die Flugzeit der Falter fällt. Die späte Jahres¬
zeit bietet den weiteren Vorteil, dass der KlestofF infolge des grösseren
Feuchtigkeitsgehalts der Luft länger wirksam bleibt als beispielsweise im
Frühjahr und Sommer.
Nach diesen allgemeinen Betrachtungen über die Frostspanner
überhaupt will ich des näheren auf einige im vergangenen Spätjahre wie
auch im ersten Frühjahre des Jahres 1896 besonders häufig aufgetretene
Arten eingehen.
Eine auffallende Erscheinung des Spätherbstes des Jahres 1895
war das massenhafte Erscheinen des in anderen Jahrgängen, hier wie
auch anderwärts nicht gerade allzu häufigen Frostspanners Hibernia
-defoliaria CI.
Dieser Spanner schlüpft im Oktober bis November aus; im vorigen
Jahre nun erschien die Hauptmasse der Tiere erst Anfang November,
und erbeutete ich hier die letzten Stücke gegen den 20. November.
Die Männchen dieser Art, wie auch die verwandten aurantiaria
fliegen gern nach dem elektrischen Lichte, wie auch sonst nach dem
Licht, und wurden von mir spät abends in grosser Zahl überall, wo sich
Lichtquellen von einiger Intensität vorfanden, angetroffen. Ich sammelte
nun eine grosse Zahl besonders männlicher Individuen und kann jetzt
nach Sichtung dieses Materials eine ungemein grosse Mannigfaltigkeit
in Farbe und Zeichnung bei defoliaria konstatieren, so dass es kaum
möglich sein würde, alle diese Aberrationen, wollte man sich dieser Arbeit
überhaupt unterziehen, zu benennen. Bemerken will ich aber, dass ich
ganz helle Stücke mit sehr schwacher Zeichnung bis zu fast einfarbig
dunkelbraunen, schwärzlich bestäubten Exemplaren besitze.
Eine interessante Aberration befindet sich unter dieser Kollektion
mit einfarbig gelbbraunen Oberflügeln Einige überaus prächtige Stücke
sind darunter, bei denen die sonst normalerweise schwach hellbraun nach
aussen angelegte schöne Querlinie kastanien- bis schwarzbraun ausgefarbt
ist. Ueberhaupt scheint defoliaria in seinem Aberrationen und Varietäten
mehr dem Melanismus zuzuueigen. Eine Verdunkelung besonders der
Oberflügel ist bei allen beobachteten und gefangenen Stücken vorherschend;
es ist nun diese Thatsache um so auffallender, als das verflossene Jahr,
wenigstens für Baden, nicht gerade zu den heissen und trockenen Jahr¬
gängen gezählt werden kann, welche iu erster Linie einen Ueberschuss
an Kraft und Lebensenergie, wie er sich ja in dem Melanismus ausspricht,
hervorzubringen im stände sind. Es müssen da wohl auch noch andere
innere Ursachen bei Bildung der vorwiegend dunklen Färbungen und
Zeichnungen mitwirken resp. mitgewirkt haben. Von allen den von mir
erbeuteten Tieren weisen mehr als ein Drittel eine entschiedene Verdüsterung
des Kolorits auf.
Bei einem Stück, das keinerlei Zeichnungen mehr zeigt auf den
Oberflügeln, deren Grundfarbe braun ist, spricht sich der Melanismus in
einer starken, schwärzlichen Bestäubung aus, auch fehlt den Oberflügeln
die auf den Flügelrippen duukler hervortretende Färbung der Fransen,
dieselben sind einfarbig braun.
Die Unterflügel aller männlichen Individuen dagegen zeigen keine
wesentliche Veränderung in der Färbung, abgesehen von einer mehr oder
weniger intei siveren grauen Bestäubung.
Ausser dem zuletzt erwähnten, einfarbig dunklen Stücke fiel mir
noch eines in die Hände, welches in den Fransen gleichmässig gefärbt
war, also keine Verdunkelung auf den Rippen zeigt. Dieses Stück hat
die normale Zeichnung vou defolaria etwas verschwommen und ist gelblich¬
rot gefärbt, die Unterflügel sind einfarbig weisslich.
Die Weibchen zeigen mit Rücksicht auf die fehlenden Flügel
keine nennenswerten Abweichungen in der Färbung. Mau kann dieselben
nur nachts mit Hilfe der Laterne im Walde an den. Bäumen suchen, da
das Tier am Tage versteckt lebt und daun nur zufällig gefunden wird.
Die Kopula findet auch nachts statt.
Zum Schluss möchte ich noch die Bemerkung in Hofmanns
„Schmetterlinge Europas“ erwähnen, wonach die Raupe des Spanners
als nur auf Obstbäumen lebend angeführt wird. Offenbar ist dies ein
Irrtum, die Raupe lebt hauptsächlich an Eichen und Buchen und wohl
nur seltener an Obstbäumen.
Ueber das ebenso massenhafte Auftreten von Hibernia leucophaearia
im Februar und März dieses Jahres behalte ich mich vor, in einem
späteren Artikel zu berichten.
H. Gauckler, Karlsruhe.
(Aus der „Ilustr. 'Wochenschrift für Entomologie“, Verlag von J. Neumann Neudamm.)
Ringelspinner.
Der Ringelspinner, auch Weissbuchen- oder Zwetschenspinner ge¬
nannt ( Gastropacha neustria) ist ein überall in Europa vorkommender
Nachtschmetterling, dessen sogenannte Livreeraupen sich insbesondere
auf unseren Apfelbäumen aufhalten, sie kommen aber auch auf den
übrigen Obstbäumen und anderen Laubbäumen vor, so auf Weissbuchen,
Rüstern, Eichen, Weissdorn, Rosen etc.
Schmetterlinge. Die ziemlich dickleibigen, 18 Millimeter langen
und mit ausgebreiteten Flügeln in der Breite zirka 38 Millimeter messenden
Schmetterlinge sind am ganzen Körper samt Flügeln, Beinen und Fühlern
blass ockergelb oder auch, aber seltener dunkel rötlichbraun gefärbt.
Die Flügelräuder bestehen aus Uugleiehmässigen, weissfleckigen Fransen.
Jeder Vorderflügel ist von rötlich braunen, bei den dunkleren Exemplaren
dagegen gelblichen Querstrichen durchzogen ; diese Querstriche sind somit
bei den dunkleren Schmetterlingen heller als deren Grundfarbe. Der
innere der beiden Querstriche ist ziemlich gerade, wogegen der Verlauf
des äusseren etwas gebogen ist, u. zw. gegen den Vorderrand des Flügels
nach aussen und gegen den Hinterrand zu nach innen. Das von den
Querbinden eingeschlossene Mittelfeld hat in der Regel eine dunklere
Farbe, was namentlich beiden Weibchen der Fall ist. Beide Geschlechter
haben gekämmte Fühler, doch sind bei den Männchen die Kammzähne
länger als bei den Weibchen.
Raupen. Im ausgewachsenen Zustande sind die 16füssigen
Raupen 45—50 Millimeter lang, schlank, überall von ziemlich gleichem
Durchmesser und am ganzen Körper von langen, weichen Haaren bedeckt.
Wegen ihrer auffallenden Färbung werden die Ringelspinnerraupen Livree¬
raupen genannt. Ihre Grundfarbe ist nämlich blaugrau und auf dem
Rücken zieht sich in der Längsrichtung eine schmutzigweisse Mittellinie,
zu deren beiden Seiten je drei rotgelbe, bunt eingefasste und etwas ge¬
schlängelte Längslinien verlaufen u. zw. die eine dicht über den Luft¬
löchern, die beiden anderen dicht nebeneinander und nahe an dem weissen
Mittelstreifen. Der graublaue Kopf trägt zwei schwarze Punkte, die der