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als Einfässungspflanze benutzt, galt aber ihres
scharfen und bitteren Geschmackes halber als
Heilpflanze. Ihren Namen soll sie nach Plinius
und Galen von einen im ersten Jahrhundert
unserer Zeitrechnung lebenden Arzt Damokrates
erhalten haben. Nach einem Berichte von Galen
war ein dem Damokrates befreundeter spanischer
Arzt durch diese Pflanze geheilt worden, und
um anderen Aerzten die Erkennung der Pflanze
zu ermöglichen, erliess Genannter nachfolgenden
poetisch gehaltenen Steckbrief resp. Personal¬
beschreibung. Diese lautete:
Sie wächst nicht selten, allerwegs, zumeist
An alten Grabdenkmälern, Mauerwerk,
Fusspfaden altbetretenen, welche nicht
Zur Saat der Landmann aufriss mit dem Pflug.
Der Kresse gleich an Blättern grünt sie stets
Zur Frühlingszeit jedoch am freudigsten:
Des Stengels Höh' erreicht der Elle Mass
Ein wenig minder oder mehr,
Rings eingefasst von zarten Blättern, bis
Die anderen all’ beim eingetret’nen Frost
Des Winters welk abfallend untergehn,
Nur nicht der Rest, der aus der Wurzel sprosst.
Der Stengel aber trägt zur Sommerszeit
Die zarten Blümlein rein und weiss wie Milch,
Worauf unscheinbar klein der Samen folgt.
Doch beissend ist die Wurzel von Geruch
Vor allen andern dem der Kresse gleich.
Herbstzeitlose.
Hell steht im Nebelduft,
Gefloh’n von Hirt und Heerde,
Der Blumengeist der Erde
Auf seiner grünen Gruft.
Oed ist es fern und nah;
Der Sommer ist verglommen,
Schon ist der Herbst gekommen,
Sie nur steht zeitlos da.
Und hat nicht Frucht noch Kraut.
Es blüht in seel’ger Fülle,
Was fröhlich Frucht und Hülle
Dem neuen Lenz vertraut.
Trinius.
Gänseblümchen.
(Maaseliebchen, Tausendschön.)
Es blüht ein schönes Blümelein,
Das steht auf grünen Auen,
Von innen und von aussen fein
Gar lieblich anzuschauen.
Bald bunt, bald rot und bald schneeweiss
Ist es des Lenzes früh’ster Preis,
Des Herbstes letzte Freude.
Die kleinen Kinder, die es seh’n,
Sie klatschen in die Häude
Und schmeicheln: 'Gänseblümchen schön 1
O Tausendschön,« ohn’ Ende,
Sie winden es in jeden Kranz,
Sie treten drauf bei jedem Tanz —
Das süsse Tausendschönchen!
Und alle Jungfrau’n, die es seh’n,
Sie rufen: »Sieh, Zeitlosen!«
Sie können nicht vorübergeh’n
Und müssen mit ihm kosen.
Das Blümchen ist der Jugend Bild,
Die noch in tausend Farben spielt, —
O bunte Blumenjugend!
Und siehet es ein zärtlich Herz
Auf grünem Anger prangen,
So fühlt es sich von süssem Schmerz
Und süsser Lust gefangen.
»Maassliebchen 1« ruft es »her zu mir!
Und lehre mich der Tugend Zier
In Freude rein bewahren! Arndt.
Safran (Crocus sativus).
Crocus, Spross des Morgenlandes,
Seltener Gast auf Schwabens Flur,
Zeugnis ewig jungen Frühlings
Und uralter Weltkultur:
Wo itzt Flocken niederwirbeln
Auf die wohldurchblümte Au,
Pflanzte einst ihr Safrangärtlein
Eine kluge Römerfrau.
Saft dem Süpplein ihrer Küche,
Herzarznei für böse Sucht,
Dunkler Locken Wohlgerüche
Zog sie aus der edlen Frucht.
Und im Anhauch dieser Blume
Schritt sie, wenn der Frühling nah,
Opfernd zu dem Heiligtume
Der Diana Abnoba. Scheffel.
Hain-W achtel weizen.
Hellgelb und dunkelblau
Zierst Blümchen du die Au’
Und paarst des Tages Pracht
So mit der dunklen Nacht.
Wer sieht wohl nicht darin
Den weisen, ernsten Sinn,
Wie sich in dieser Welt
Stets Freud’ und Leid’ gesellt?
D’rum sprich, wenn ich im Glück
Dein dunkles Blau erblick’:
iSei weis’, der Freude, ach!
Folgt bald das Leiden nach.«
Dein Goldglanz strahl’ im Schmerz
Mir sanft den Trost in’s Herz:
»Hab’ Mut, dem Leid ist ja
Die Freudenstunde nah’!« ehr. Scbmid-
Schneerose (Helleborus niger).
Schön bist Du, Kind des Mondes, nicht de r
SonuG
Dir wäre tödlich and’rer Blumen Wonne: ,
Dich nährt, den keuschen Leib voll ^ p„ft,
Himmlischer Kälte balsamsüsse Luft.
Eduard MoericK«;_
Verantwortlicher Redakteur Fiiedr, Huck. Druck und Verlag von J. Frohberger in Erfurt«