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SCHLEMIEL
Der Politische Wochenschau
H is der Dr . Kranich dem Wolf
den im Halse stecken gebliebe¬
nen Knochen herausgezogen hatte
und nun den versprochenen Lohn
verlangte , erwiderte ihm der ge¬
heilte Patient , dass es doch s ' ehr un¬
bescheiden sei , noch eine besondere
Belohnung zu verlangen , nachdem
er das seltene Glück erlebt habe ,
seinen Kopf unversehrt aus dem
Rachen des Wolfes ziehen zu dürfen .
: > geht es nun auch dem Doktor
Liberalismus , der dem Regierungswolf bei den Wahlen
den sozialistischen Knochen so geschickt und uneigen¬
nützig aus dem Halse gezogen hat . Auf seine be¬
scheidene Bitte , dass nun versprochenermassen doch
ein klein wenig liberal regiert werden möge , benutzt
der Reaktionswolf seinen wieder funktionsfähig ge¬
wordenen Rachen dazu , dem Doktor etwas zu husten .
Der jüdische Dr . Liberalismus hat sich nicht als prak¬
tischen Arzt erwiesen , denn während er sich als
weisser Ueberpatriot in den Kampf gegen die schwarze
Gefahr stürzte , vergass er ganz , dass sich Schwarz
und jenes zum Kulturmilieu des w eis sen Zaren ge¬
hörige W e i s s über seinen Kopf hinweg doch wieder
zu der bekannten angenehmen schwarzweissen Mischung
zusammenfinden würden . - Wird der jüdische Liberalis¬
mus nun vor Scham rot werden ? Vor den Augen
wird es ihm jedenfalls bald grün und gelb werden , denn
der während der Wahlzeit proklamierte allgemeine
Dern - Burgfriede hat nun sein Ende erreicht . Dass die
Juden nicht mitzählen , kann man nicht behaupten ,
denn sie haben sogar den Mutionalliberalen einige
Z ä h 1 kandidatn stellen dürfen Dagegen haben die
Freisinnigen den jüdischen Kandidaten hohes Vertrauen
erwiesen , denn sie haben sie auf die gefährlichsten
Posten geschickt , wo man ihnen Urias - Brief und
Siegel darauf geben konnte , dass sie nicht zurückkehren .
Sie durften sich wohl als Kämpfkämpfer bewähren , aber
wenn sie selbst mitessen wollten , hiess es : Ab , Herr
Cassel !
Somit war der jüdische Liberalismus ein Diplomät -
chen für alles , nur nicht für sich . Mit einer derartigen
Diplomatie kann man ebenso wenig Schabbes
machen , wie mit den Anschauungen des zionistischen
Aktions - Komiteemitgliedes Mr . Greenberg , der den
Sabbat , wie man sagt , auf den Sonntag verlegen will .
Hat Mr . Greenberg sich auch die Summe von rituellen
Schwierigkeiten , die sich aus einer solchen Reform
ergeben müssten , genügend überlegt ? Nur Einzelnes :
Muss man sich dann anstelle des bisherigen Schabbes -
goj einen Sonntagsjid halten ? Ist man verpflichtet ,
nunmehr am Sabbat Tephillin zu legen ? Darf man dies
noch am Sonntag tun ? Dürfte der jüdische Bäcker die
Sonntagskugel und den Schalent für Sonntagsjuden
schon am Sonnabend Nachmittag zum Wärmen in den
Ofen schieben ? — Man sieht , diese und viele andere
ähnliche Schaales müssten bald eine umfangreiche
Responsenliteratur des Ra gal * ) und anderer be¬
rühmter Gesetzeserklärer hervorrufen . Die Unmög¬
* ) Gebräuchliche Abbreviatur des berühmten Am -
hooräers Rabban Gustav Levinstein .
lichkeit der Sabbatfeier für viele Kreise ist gewiss be¬
dauerlich , aber nur ein krasses Greenhorn kann
sich einbilden , dass wir so über den Green - Berg
kommen .
Einen anderen Berg scheint dagegen der Verein für
jüdische Kunst mittels seiner Aufführungen mit Erfolg
zu erklimmen , und die oft aufgeworfene Frage , ob eine
jüdische Kunst möglich ist , dürfte nach diesen Veran¬
staltungen und nach der Nossig - Ausstellung enc ’ gü . tig
entschieden sein . Wer hätte noch nicht aus im Wüsten¬
sand « verlorenen Dattelkisten Palmenhaine empor¬
wachsen sehen ! Allerdings mit einer Einschränkung :
Nur wer sich als Hüter der reinen Idee jungjüdischer
Mystik fühlt , nur wer frei von jenen neumodischen
Torheiten , die schon Rene als strenger Richter
verurteilt , stets treu und aufopfernd für sein Volk dis¬
kutiert hat , nur der hat an dem Charter zum Graals -
ritter des geistig - ästhetischen Jerusalem Anteil . —
Allerdings , einheitlich ist die jüdische Kunst ncch nicht .
In Russland z . B . besteht sie darin , mit einer bköpfigen
Familie von 2 Rubeln einen Monat zu leben , während
sie sich in Deutschland zunächst mehr in der Richtung
der Spezialitätentheater entwickelt hat , z . B . Seiltanzen
oder mit einem Anecho auf zwei Hochzeiten zu sitzen .
E . S .
21 ( iv ift mein Kopf fo | d } toer unb unfft .
2I ( cui ganjes Cobon ift Doniiicßt .
3cfy mar ein 3 u ^ e / sroar ein biseben „ neu " ,
i > a galt id ? allen als ber — reine < S o t .
llnb ba ich £ hrift nun n ? arb in grimmer IDut ,
T > a fchimpfen fie mich alle — breefiger 3 u & ’ •
IPie id } mid ? breb ’ — Spafj , ift mein Ungliid ? groß !
iüie n ? erb ’ id } nur mein bittres Cos mal los ? !
— Oi —
Ein Arzt teilt uns das folgende wahre Ereignis mit :
Weisst du , was Chuzpe ist ? Um 4 Uhr Morgens
klingelt es an meiner Nachtglocke . Was sage ich : es
klingelt ? ! Beim jüngsten Gericht würde ein halb so
lautes Klingeln genügen , um die Toten der letzten
100 000 Jahre zum Leben zu erwecken . Ich stürze im
Hemd ans Fenster und sehe unten einen Menschen , der
da schreit : „ Gewalt , Doktorleben , machen Sie auf die
Tür ! “ Ich werfe mir den Ueberzieher um , fliege die
Treppen herunter und öffne das Tor . Was ist los , Reb
Chaiim ? „ Oi , Doktorleben, “ sagt er , „ Ihr habt mir
schon soviel Tauwes getan , tut mir noch eine . Mein
Weib is mer krank geworden , wollt ich Euch beten ,
Ihr sollt mir geben dem Adress vun a guten Arzt . “ —
Nu ? Es grüsst Dich Dein
Dr .
Eine offene Frage .
Nach einem im „ Fränkischen Courier “ veröffent¬
lichten Brief eines Offiziers aus Afrika hat sich Ober¬
leutnant v . Davidsohn am meisten um die Verfol¬
gung von A b ralia m Morris verdient gemacht .
Wann wird Israel endlich einig sein ?
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