Seite 2
MB Nr. 70 - Juni 1991
Die "JÜDISCHE RUNDSCHAU”
Von 1919 bis zu ihrer Schliessung durch die Nazis 1938 war Robert Weltsch Redakteur der 'Jüdischen Rundschau’. Infolge der Niederlage Deutschlands und der Auflösung des österreichischen Kaiserreichs, verlor Mitteleuropa zwar seine zentrale Stellung in der zionistischen Bewegung und das Englische trat allmählich an die Stelle des Deutschen, aber dieser Prozeß dauerte eine Weile, und nach 1918 blieb das Deutsche die unter den Juden am meisten bekannte europäische Sprache. Deshalb war die 'Jüdische Rundschau* doch noch eine Zeitlang gewissermaßen das Zentralorgan der zionistischen Bewegung. Als Redakteur dieses Blattes hat Weltsch versucht, alle Gebiete des weit verzweigten jüdischen Lebens dieser Zeit zu erfassen, Klärung herbeizuführen und fruchtbare Kritik zu üben.
Der Inhalt des Blattes war bestimmt vor allem von ausgezeichneten, objektiven Berichten über die Vorgänge in Palästina, innerzionistischen und außenpolitischen Fragen im Verhältnis zur Mandatsmacht und der Auseinandersetzung mit den Gegnern des Zionismus im deutschen Judentum. Auch diese, oft scharfen Auseinandersetzungen führte er mit Fairness und sachlicher Argumentation, den Leser und auch den Gegner zum Nachdenken zwingend - niemals ihn verletzend. Fragen der deutschen Innenpolitik wurden in der Rundschau in all den Jahren nur wenig behandelt und traten erst in der letzten Zeit, als die Gefahr deutlich wurde, in den Vordergrund.
Mit der Machtergreifung der Nazis, unter dem Eindruck des Judenboykotts vom 1. April 1933 schrieb VJeitsch seinen berühmt gewordenen Artikel 'Tragt ihn mit Stolz den gelben Fleck', der dann zusammen mit den in den folgenden Wochen im gleichen Sinne geschriebenen Leitartikeln der Rundschau in der Broschüre ’Ja sagen zum Judentum’ veröffentlicht wurde. Er fühlte das unabweisbare Bedürfnis, diesen Erniedrigten, die zum größten Teil bis dahin ihres Judentums kaum bewußt waren, vielfach sogar es zu verbergen versucht hatten, deutlich zu sagen, daß es keine Schande ist, Jude zu sein, sie zur Selbstbesinnung aufzurufen, ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken und ihnen ihr Judentum als einen Wert zu zeigen, auf den sie mit Stolz blicken können.
Dieser Artikel erweckte in dieser Formulierung seines Titels weit über das deutsche Judentum hinaus allgemeines Interesse und wurde immer wieder als die stolze Antwort des Judentums auf die Naziangriffe und Aktionen zitiert.
Weltsch selber distanzierte sich spater von dieser seiner eigenen Formulierung. Das hatte er, wie er mit Recht sagte, in einer Situation geschrieben, als man den wahren Charakter des Nationalsozialismus noch nicht erkannt hatte. Als dann der gelbe Fleck aus einem Zeichen der Zugehörigkeit zum, wie er es nannte, ’Schmachstigma’ wurde, das seine Träger entsetzlichem Schicksal, Verfolgung und Tod aussetzte, konnte man sicher nicht mehr davon sprechen, dieses ’Stigma’ mit Stolz zu tragen.
Diese persönliche Haltung von Weltsch ist verständlich. Aber Artikel, die in einer bestimmten Situation das rechte Wort eindrucksvoll und klar finden und öffentlich aussprechen, können, wie man weiß, historische Bedeutung haben (z.B. Zola: J’accuse). So hat in dieser schweren Situation der Artikel von Robert Weltsch Menschen aufgerichtet und viele zu Beschlüssen veranlaßt, die ihr Leben verändert haben und ihre Rettung bedeuteten.
Weltsch hat die Jüdische Rundschau bis zu ihrer Schließung durch die Nazis 1938 redigiert und unter dem äußeren Druck eine klare zionistische Haltung bewahrt, wobei er oft genug zwischen den Zeilen den verstehenden Lesern Informationen und Meinungen vermittelte, die er der Zensur wegen niemals hätte veröffentlichen dürfen.
Juden und Araber
Im Mittelpunkt seines Denkens, Schreibens und Wirkens stand für Robert Weltsch die Sorge um die Lösung der arabischen Frage, die Verwirklichung des Zionismus im Einklang mit den Prinzipien der Humanität in friedlichem Zusammenleben beider Völker in dem von beiden mit Recht beanspruchten Lande. Die Zuspitzung dieses Konfliktes in den letzten Jahren, Intifada, Militärregime, Diskussion über die Ausbreitung der jüdischen Ansiedlung am Westufer, sind ihm erspart geblieben.
Kurt Blumenfeld pflegte zu formulieren: ’Echte Probleme - und dies ist ein ’echtes’ Problem - werden nicht gelöst, sondern abgelöst’. Sicher gilt dieses Auxiom nicht für alle Fälle; Hindus und Moslems in Indien, Katholiken und Protestanten in Irland, Basken in Spanien und viele ethnische Konflikte, die sich jetzt, von der Zwangsjacke der sowjetischen Herrschaft befreit, in Rußland abspielen, sprechen dagegen. Gleichwohl haben wir selbst vor wenigen Monaten ein, wenn auch - wie uns allen klar war - vorübergehendes Beispiel dafür erlebt; daß weltpolitische Entwicklungen lokale oder regionale, unlösbar scheinende Konflikte verdrängen oder mindestens zeitweise in den Hintergrund treten lassen. In der Golfkrise schloßen sich die meisten und wichtigsten arabischen Staaten mit Amerika im Kampf gegen den Irak zusammen, und dieses Bündnis widerstand allen Versuchen Sadam Husseins, durch seine Angriffe auf Israel das palästinensische Problem in die Auseinandersetzung hineinzuziehen. Nach Beendigung des Krieges ist es selbstverständlich in seiner ganzen Schärfe wieder akut geworden; unter Führung Amerikas im Einverständnis mit Rußland wird über politische Lösungsversuche vernandelt und wir können heute nur hoffen, daß diese Bemühungen irgend einen Erfolg haben werden.
Weltsch hat sich stets den politischen Bewegungen im Zionismus angeschlossen, die gegen Chauvinismus, jedes Streben nach Gebietserweiterung für einen Ausgleich kämpften. In seinen Artikeln scheute er sich nicht, in gespannter Situation nach schweren arabischen Terrorakten mit aller Schärfe auch auf unsere eigene Schuld hinzuweisen, gecjen provozierende Aktionen radikaler Kreise von uns zu protestieren und für reale Arbeit zur gegenseitigen Verständigung einzutreten. Damit setzte er sich schwersten Anfeindungen in der Presse und in den Diskussionen innerhalb des Zionismus aus.
Die entscheidende Aufgabe zur Lösung des jüdisch-arabischen Problems sah Weltsch nicht in politischen Lösungen, deren Wert er keineswegs unterschätzte, sondern in einer Umerziehung und Änderung der moralischen Haltung im jüdischen Lager. Seine Auffassung hat er damals in dem von ihm zusammen mit seinem Freunde Hans Kohn im Jahre 1927 zum Basler Kongreß herausgegebenen Buch 'Zionistische Politik’ niedergelegt. Dort heißt es: 'Jeder, der in Palästina war, kennt aus der täglichen Erfahrung die stets wiederkehrenden Irrtümer, Rohheiten, Taktlosigkeiten, die von Juden begangen werden. Dieser sinnlose Chauvinismus einem Volke gegenüber, mit dem zusammen zu leben uns das Schicksal bestimmt hat, muß systematisch bekämpft werden. Das Land kann nur gedeihen, wenn zwischen den beiden Völkern ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens besteht. Ein solches’ Verhältnis kann aber nur entstehen, wenn diejenigen, die neu hinzukommen, und das sind in diesem Falle wir - mit dem ehrlichen und aufrichtigen Willen kommen, mit dem anderen Volke zusammenzuleben auf der Basis gegen- se/t/gen Respekts und se/bstverständ/icher Achtung aller menschlichen und nationalen Rechte.
v.l.n.r. Robert Weltsch, Gerda Luft, Ilse Moritz
Gerschom Schocken veranlaßte Weltsch nach Ende des zweiten Weltkrieges, sich als Korrespondent des ’Ha'aretz' in London niederzulassen. Von dort berichtete er wöchentlich in seinen hebräisch geschriebenen Artikeln über das Geschehen in der Welt; Umfragen, die der ’Ha'aretz’ unter seinen Lesern veranstaltete, ergaben, daß diese Aufsätze von Robert Weltsch zu den meistgelesenen der Zeitung gehörten, und daß.besonders die jüngere Leserschaft von ihnen gefesselt wurde.
Seit Gründung des Leo Baeck Instituts im Jahre 1955, dessen Londoner Zweigstelle er leitete, widmete er sich der Herausgabe des in englischer Sprache erscheinenden Jahrbuchs. Er verstand es durch seine Persönlichkeit, seinen Namen als Redakteur, die geeigneten Autoren für jedes Thema heranzuziehen,, und die dann von ihm als Herausgeber geschriebene Einleitung bildete das geistige Band, das alle Aufsätze verband und zeigte den Gesamtplan, dem die Auswahl der Aufsätze zu Grunde lag. So redigierte er die ersten 23 Bände des Jahrbuchs und schuf die Grundlage für dieses Standardwerk, das heute bereits in seinem 35sten Band jährlich erscheint.
Der Verlust seiner Gattin, die ihm auch bei seinem Schaffen unersätzliche Hilfe geleistet hatte, zwang ihn in den letzten Jahren seines Lebens, sich an eine andere Umgebung und findere äußere Lebensumstände zu gewöhnen. Von 1978 bis 1982 lebte Robert Weltsch in unserem Kreis. Im Heim des Irgun Olej Merkas Europa in Jerusalem. Seine beiden Töchter mit ihren Familien taten alles, um ihm die Umstellung zu erleichtern; der, allerdings sehr klein gewordene Kreis seiner Freunde, besuchte ihn, und wir versuchten, ihm die für sein hohes Alter notwendigen äußeren Bedingungen zu schaffen und ihm seine geistige Arbeit, die er bis in die letzte Zeit seines Lebens fortsetzte, zu ermöglichen.
Die Gradlinigkeit seiner Haltung in ihrer humanen Einstellung, ihrer Objektivität, basierend auf seinem großen Wissen, blieben bis an sein Ende unverändert.

