Die deutschen Kaiser und die Wormser Juden
Von Adolf Kober
Die Beziehungen der deutschen Kaiser bezw . von Kaiser und Reich zu
den Wormser Juden reichen bis ins 11 . Jahrhundert zurück . Sie sind
fast so alt , wie die Synagoge , der das Jubiläum gilt . Sie erstrecken
sich aber auch fast ununterbrochen bis zum Untergang des alten deut¬
schen Reiches . Kaiser und Reich sind dabei nicht zw ei verschiedene Fak¬
toren in verschiedener Einheit , sondern bezeichnen dasselbe Subjekt , im
Kaiser mehr die individualistische Seite , im Reich mehr die objektive
Seite . Ob in Worms oder anderswo der Schutz der lokalen Gewalten
dem kaiserlichen oder Reichsschutz vorausgegangen ist , wird hier nicht
erörtert .
Als die Bürger der Stadt Worms Heinrich IV . ( 1056 — 1106 ) in
seinem Kampfe mit Gregor VII . unterstützten , schlossen sich auch die
Juden dieser Aktion an . Für ihre Treue hat Heinrich IV . die Wormser
durch das Privileg vom 18 . Januar 1074 belohnt , in dem er sie von den
Zollabgaben , die sie bisher an allen der königlichen Gewalt unterstehen¬
den Orten zahlen mußten , befreite . In dieser Urkunde werden auch die
Juden erwähnt ; es heißt darin , daß der König den Zoll erläßt , den die
Juden und die übrigen Wormser Einwohner entrichten mußten . Ob die
Annahme , daß König Heinrich IV . die Juden für finanzielle Dienste be¬
lohnen wollte , zutrifft , muß dahingestellt bleiben . Daß er ihnen wohl¬
gesinnt ist , beweist vor allem das Privileg , das er ihnen im Jahre 1090
— sie sind durch ihren Judenbischof Salman vertreten — erteilt . Es
stimmt in vielen Punkten mit dem Speyerer Privileg vom 19 . Februar 1090
überein und bestimmt :
Die Juden dürfen überall im Reich ungehindert umherziehen , ihr Geschäft
ausüben , kaufen oder verkaufen , ohne daß jemand die Berechtigung haben soll ,
Zölle oder Abgaben von ihnen zu erheben . Mit Ausnahme der Stellen , wo die
Münzer ihre Wechselstuben haben , wird ihnen überall in der Stadt der Geld¬
wechsel gestattet . Christliche Sklaven dürfen sie nicht besitzen ; ihre heidnischen
Sklaven soll man nicht taufen und dadurch ihrem Dienste entfremden . Christliche
Arbeiter , Ammen und Mägde dürfen sie gegen Lohn in Dienst nehmen . Ihr
Besitz an Häusern , Aeckem , beweglichen und unbeweglichen Gütern wird ihnen
garantiert ; Zuwiderhandlung wird mit der kaiserlichen Ungnade bedroht . Wer
ihre Kinder zwangsweise tauft , soll 12 Pfund Gold entrichten . Der freiwillig
die Taufe verlangende Jude soll erst nach dreitägiger Bedenkzeit in das Chri¬
stentum aufgenommen und mit dem väterlichen Glauben sein Eigentum verlieren .
Bei Streitigkeiten zwischen Juden und Christen soll jeder nach seinem Gesetz
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