Adolf Kober . Die deutschen Kaiser und die Wormser Juden
Recht geben , hingegen sollen Streitigkeiten unter den Juden von ihnen selbst
nach jüdischem Recht entschieden werden . Ein Beweis gegen die Juden kann
nur durch jüdische und christliche Zeugen zugleich geführt werden . In allen
Rechtssachen hängen die Juden nur vom König ab , und daher soll weder der
Bischof oder der Kämmerer oder sonst jemand mit Ausnahme des aus ihrer
eigenen Mitte Gewählten in Rechtsangelegenheiten mit ihnen oder gegen sie
verhandeln , sondern , da sie zur kaiserlicher Kammer gehören , nur derjenige ,
den der Kaiser nach ihrer Wahl an ihre Spitze gestellt hat .
Es kommt m . E . bei den Festsetzungen dieser lediglich als Transsumpt
erhaltenen Urkunde weniger darauf an , daß die damalige politische Lage
in Worms — die Bedeutungslosigkeit der bischöflichen Gewalt — für
eine direkte Beziehung der Juden zum König sehr günstig war , als viel¬
mehr darauf , daß der deutsche König von vornherein als Judenschutzherr
mit den sich daraus ergebenden Rechten und Pflichten hier auftritt . Die
durch Heinrich IV . nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1097
den gewaltsam Getauften gegebene Erlaubnis , zum Judentum zurück¬
kehren zu dürfen , hat sicherlich den Wiederaufbau der Wormser Ge¬
meinde beeinflußt .
Als Kaiser Heinrich V . ( 1106 — 1125 ) im Jahre 1112 das Zollprivileg
seines Vaters von 1074 bestätigte , unterstrich er , daß auch die Wormser
Juden diese Zollfreiheiten genießen sollten . Den kaiserlichen Schutz¬
herrn ist es zu verdanken , daß es bei den folgenden Kreuzzügen in .
Worms verhältnismäßig wenig Opfer gegeben hat .
Vollends hat Kaiser Friedrich I . ( 1152 — 1190 ) am 6 . April 1157 in
einer ebenfalls nicht als Original erhaltenen Urkunde das vorhin beschrie¬
bene Privileg Heinrichs IV . unter wörtlicher Anführung bestätigt und
darin zum erstenmal den Satz ausgesprochen , daß die Juden zur kaiser¬
lichen Kammer gehören „ cum ad cameram nostram attineant “ . Kaiser
Friedrich I . hat ferner 1168 , als er den Münzern von Worms ihre Rechte ,
darunter auch das , daß niemand in der ganzen Stadt berechtigt sein soll ,
Geld zu wechseln , außer den Münzern , den Juden ihr Recht Vorbehalten .
Bei seiner Erneuerung des rheinfränkischen Landfriedens im Jahre 1179
werden allgemein die Juden , die zum kaiserlichen Fiskus gehören , genannt .
Als während der Spaltung des Reiches die Stadt Worms wahrscheinlich
durch König Otto ( 1198 — 1218 ) belagert wurde , beteiligten sich die
Juden an der Verteidigung der Stadt im Februar 1201 .
Kaiser Friedrich II . ( 1212 — 1250 ) dehnt das Wormser Privileg
Friedrichs I . von 1157 auf sämtliche Juden Deutschlands aus und be¬
zeichnet sie als Kammerknechte . Das Privileg Friedrichs II . von 1236 ent¬
hält ferner noch das reichsgerichtliche Urteil , in dem der Kaiser auf Grund
des Gutachtens einer wissenschaftlichen Kommission die Juden von der
Blutbeschuldigung freispricht und jedermann verbietet , die Juden mit
dieser Beschuldigung anzugreifen . An die Wormser Urkunde von 1236
hat sich aber auch die Urkunde Friedrichs II . für die Juden in Wien
von 1238 fast wörtlich angelehnt . Mochte auch in der Folgezeit der
Bischof Ansprüche an die Wormser Juden erheben , sei es , daß er diese
aus dem Recht herleitete , das Friedrich II . den Bischof Luitpold von
Worms gegeben , alle Beden , die das Reich in Worms von Bürgern und
Juden fordern durfte , nur durch ihn einziehen zu lassen , sei es aus
eigener Machtvollkommenheit als Entgelt für seine Schutzleistung ,
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