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Die Satisfaktion der Alten Herren .
Bon © evidjtöoffeffür Ludwin M ayer
( Licarine , illhcno - Silefiae ) in Wen .
I .
Die grundsätzliche Seite .
Als vor nunmehr einenr Vierteljahrhundert
zum ersten Male der K . C . - Gedalike gedacht liub
von einem Häuflein deutscher Studenten jüdischetl
Glattbens durch Gründung der Breslauer Via -
drina alsbald in die Tat umgeseift ward , da
konnte kein Ztveifel obtvalten , das ; die junge
Verbindung ans dem Boden unbedingtester Satis¬
faktion treten mufstc . Wie . man sich auch per¬
sönlich zur Duellfrage stetteil ul achte , der . Wmnpf
mit geistigen Waffen , der Appell der edelsten
Deutschen an das Gewissen der Nation , sie hatten
der „ größten Schrnach des Jahrhunderts " nicht
Einhalt gebieten kölmen . Der an sich gewiß
berechtigte Standpunkt jener , denen die wahre
Ehre allen üußereil Schmähungen als unerreich¬
bar gilt , konnte doch nicht darüber hinwegtänschen ,
daß bannt brutale Gewalt nicht zu brechen , der
Kampf ums Recht nicht p gewinnen sei . Wo
noch so gute Gr iinde nichts mehr helfen konnten ,
da mußte der antisemitischen Studentenschaft
a d o c u 1 o s demonstriert werden , lvie lvackere
Komnlititoneil « um zurückgestoßen , lvie grundlos
mail sie mit Dem Makel der Feigheit behaftet
hatte .
Wo zudem Generationen hindurch die kör¬
perliche Ausbildung vielfach nicht p ihrem Recht
gekomnu ' n war . da hatte man alle Ursache , die
Unterlassungssünden der Borväter durch ein
so besonders geeignetes E r z i e h n n g s rn i t t e l ,
wie es das studentische Fechten ist , lvieder gut
zu niacheu . Hätte man die Satisfaktion mcl ) t
bereits angetrosfen , sie hätte eigens für den
jüdischen Studenten erfunden lverden müssen .
So war es einfach eine Naturnotwendigkeit
für die alte Biadrina und den St . E . , im Kauipfe
um das blecht and ) der b 1 a n f e \ \ Waffe llicht
p elltraten . Daruut geht der Rezeption als
K . E . - Bursch vorher der Burscheneid , in welchem
das mm eigentlich erst in die Berbillditug auf¬
genommene Mitglied sich ehremvörtlich ver¬
pflichtet . während seiner Studentenzeit unbedingte
Satisfaktioll p nehmen und zu geben .
Ja , so selbstverständlich uuu \ dieser Stand¬
punkt für alle einzelnen Berbindnngen und ihre
Mitglieder , das ; diese ehrelllvörtliche Berpflichtling
des jungen K . C . - Burschen zllr unbedingteil
Satisfaktion liicht durch das St C . - Statnt vor -
geschriebell ztl werdet ! brauchte . Sie beruht
darum für die iur K . E . vereinten Verbindungen
nicht auf eigentlicheiu K . C . - R e ch t , sondern nur
mft allgemeinenl übereinstimmenden
Verbin dnngsrecht . Daß es dabei all die
Zeit hindurch hat bleiben können , beweist , wie
undenkbar eine K . C . - Verbindnng ist , die nicht
von ihren Mitgliedern ittlbedingte Satisfaktion
verlangen würde .
Da mm der Vnrscheneid , soweit er die Satis¬
faktionsfrage betrifft , n ls solcher ( meinesWissens
überall ) nur den Studenten bindet , eine ein¬
fache Ausdehnung seiner sormellen Geltung
auch auf den Nichtstudenten aber rechtlich nicht
haltbar ist , so stehen wir für die Alten Herren
zunächst vor eiuevt Nichts . Es gibt streng ge -
nommen keilte Beftilnmnng im K . E . oder
doch in den einzelnen Berbindnngen , die als
solche ihre nichtstudelttischen Mitglieder zur
unbedingten Satisfaktion verpflichtet .
Gleichwohl leidet es keinen Zweifel , daß es
darum doch noch nicht in das freie Belieben
jedes einzelnen gestellt ist , ob unb in welchem
Falle er Satisfaktion fordern und geben will
oder nicht . Die Anschauungen , die dem K . E . er
lvähreud seiner Studentenzeit in Fleisch und
Blut übergegangen sind und die Snlisfaktions -
bereitschaft nicht so sehr als Befolgung des
Burscheneides , detm als Erfüllung einer aus
dein K . E . - Gedanken notwendig entspringen¬
den Pflicht empfinden lassen , sie luirfcn auch
im Philisterinm noch nach . Die Gesamtheit der
Alten Herren uürd darum in der Regel die
Beriveigernng der Satisfaktion m i [ ; billigen .
Wie aber in jedem anderen Falle , wo ein K . C . er
sich eines , zunächst den K . E . gar nicht berühren¬
den . unehrenhaften Verhaltens schuldig macht ,
der Ehreurat seines Alt Herrenverbandes ihn vor
sein Forum zu ziehen und darüber zu befiiibeit
verpflichtet ist , ob der Schuldige noch länger
Butldesbruder genannt werben darf , so untersteht
nicht « linder die Sa tisfa kt io ns Verweige¬
rung unter dem Gesichtspunkte des
n ne h re n haftetl Verhaltens und der
S ch ä d i g n n g d es B e r bind u n g s i u te re sseS
der Gerichtsbarkeit der Gesamtheit .
Anderseits ist bei dem oben dargelegten Mangel
einer positiven Bestinnnnng dies auch der ein¬
zige Gesichtspunkt » unter welchem der alte
Herr wegen - Satisfaktionsverweigernng pr Ver -
antwortung gezogen tverdeu kalin .
Die hier entwickelte und nach geltendem
K . E . - Recht als Ausgangspunkt wohl nicht
uüderlegbare Ablehnung der Satisfak¬
tion suieigernng als eines delictum
8 ui generis führt mit logis ch er ^ i vt Wendigkeit
zu der Frage , ob in der SatisfaklivnSverweicje -
rung unbedingt oder nur nach Lage des
Falles ein unehreuhaftes , das Verbindungs¬
und St C . - Interesse schädigerldeS Verhalten zu
erblicken ist . Wenn wir darauf die rechte Ant¬
wort fittden wollen , dürfen wir auch den Geboten