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1. Dezember 1926, S. 385). Die Wirkung dieser Äkahnung ist das neue Sonderheft: „Judentum und Christentum".
Elf Aufsatze — der zwölfte umfangreichste über Dostojewski und das Judentum hat keine eigentliche Beziehung zu der Grundfrage — bilden eine Antwort aus die Rundfrage des Herausgebers: „Ist es möglich, daß sich Juden und Christen nicht nur gegenseitig verstehen, sondern auch füreinander auf sch li ehe n?" Die innere Unklarheit der Fragestellung hat Christoph Schrempf in seiner Antwort bloßgelegt, indem er die Gegenfrage auswirft, welches von den vielen Christentümern und welches von den verschiedenen Judentümern mit der Frage gemeint sei. Tie übrigen drei christlichen Beantworter haben unzweideutig erklärt, daß ein solches „Sichaufschließen füreinander" vom Christentum aus undenkbar ist. Tie sieben jüdischen Antworter gehen um diesen Teil der Frage zumeist scheu herum und behandeln mit mehr oder weniger Geschick Ciuzelsragen der jüdischen Weltanschauung. Aber keiner der jüdischen Tebatter wagt das offene Wort: Uns ist alle Anbiederung oder alles „Sichaufschließen füreinander" innerlich zuwider; das Judentum ist entweder so. wie es ist, oder es hat keine Daseinsberechtigung! Oder haben die jüdischen Antworter nicht gewußt, in welchem Zusammenhang ihre Bekenntnisaussätze erscheinen sollen?
Für den jüdischen Menschen sind natürlich die drei oder vier christlichen Antworten besonders aufschlußreich, wenn sie auch in keinem Teile zur Aufhellung des Problems beitragen. Tie beste ist ein knavpes Apercu des Pfarrers D. Hermann Kutter „Gott und die Ideen". Er bringt die Frage in Uebereinstimmung mit Professor Martin Dibelius (S. 22) auf die Formel: „Was ist die Idee des Judentums? Das Gesetz. Was ist dieJdce des Cyristentums? DieGnade." Gibt es für diese beiden Erscheinungen eine gemeinsame höhere Idee, so finden sie in ihr den Zusammenhang. Gnade und Gesetz sind Ausfluß der Gottheit. Also begegnen sich beide Bekenntnisse in der Gottesidee. Ist die oberste Idee, die Idee Gottes, die oberste Tatsache in beiden Religionen, so ist in ihr der Weg zur Verständigung gewiesen.
Ter Gedankensplitter Kutters hört dort auf. wo er beginnen sollte. Er schreit nach der Fortsetzung: Ist die Gottesidee in beiden Bekenntnissen dieselbe? Ist der geglaubte Gott des Christentums und der erlebte Gott des Judentums der gleiche? Religion ist im Judentum kein Glauben, sondern ein Wissen, ein Ueberzeugtsein von Gott, das Gotterlebnis und das Leben mit diesem Gott. Religion ist m Christentum Einstellung auf das Irrationale, Gläubigkeit und ihr Substrat die Gnade. Das Judentum ist Tatreligion, das Christentum Glaubenslehre. Eine Annäherung müßte also mit der Beseitigung dieser Grundvoraussetzungen oder mit der Aufhebung dieser Fundamente beginnen. Ist das denkbar?
Martin Dibelius findet den entscheidenden Gegensatz zwischen Judentum und Christentum in dem Verhältnis des Menschen zu Gott. Tie christliche Gottesauffasiung ist mit der hellenistisch- philosophischen Art eins geworden. Reben dem „pessimistisch- irrationalen Bewußtsein von der Kluft zwischen der von Christen geglaubten Ueberwelt und der Welt, in der wir leben", wirkte im Christentum „das optimistisch-rationale Bestreben" der Philosophie. Das Judentum kannte diese Doppelung der Beziehungen nur in der Zeit des Hellenismus. Diese Anschauung Dibelius' ist aus der völligen Unkenntnis vom nachchristlichen Judentum entstanden. Dibelius weiß scheinbar von dem Ringen der jüdischen Religions- philosophie von Sa ad ja bis zu Hermann Cohen 5'^-_ Er hat zwar von der mittelalterlichen Mystik und der chaspdischen Problematik gehört (S. 22), aber er hat keine Vorstellung, welche Rolle der Aristoteliker M a i m o n i d e s im Juden- mm des Ostens bis zur Gegenwart gespielt hat. Daß dabei im Judentum die Theodizee, die Rechtfertigung Gottes, die felsenfeste Überzeugung von der absoluten Gottesgercchtigkeit die treibende gewesen, ist bei einer Gemeinschaft selbstverständlich, in der vie Gottesidee das ganze Leben durchatmet.
* C .F sachlich unbedeutendste Beitrag von christlicher Seite ist Professor Alfred Jeremias' Auseinandersetzung „Christentum und Judentum", in dem mit der Logik des Missionars die Taufe als der rmzige Weg zur Lösung des Problems empfohlen wird. Ten Wert rr Darlegungen Jeremias' hat Oskar Wolfsberg am besten ge- enttzeichnet, der von einer anderen Arbeit Jeremias' ans Seite 84 Cweiöt: „Run enthält aber die Arbeit Jeremias so schlverwiegende öujlcr und schiefe Urteile, daß wir nicht mit Stillschweigen daran
Vorbeigehen können", und Seite 85 schließt: „Er ist^ der Missionstendenz erlegen, und mit ihr und durch sie verliert seine Arbeit an Wert und Bedeutung für uns — und sür alle." Dieses Urteil gilt vollinhaltlich auch für den Aufsatz „Christentum und Judentum". Das Ergebnis seiner langschweifigen Auseinandersetzungen ist die tiefe Weisheit: „Eine christlich gewordene Judenheit würde die &raft gewinnen, dem Judenhaß das Wasser abzugraben" (S. 48). Bei der auch über die Grenzen von Leipzig bekannten Einstellung des Tr. Alfred Jeremias wäre die Anfrage an ihn besser unterblieben. Der Abdruck der Tausprcdigt im „Juden" ist eine — arge Entgleisung!
Tie Mischen Mitarbeiter an dem Sonderheft kennen die christliche Voraussetzung, daß die Grundidee des Judentums das Gesetz ist, und sind alle bemüht, das Wesen dieses Gesetzes im Judentum als Faktor der Deriunerlichung, also als Religion darzustellcn. Das tut Nathan Birnbaum ebenso wie Max Wiener, Max Tiene- mann, Friedrich Thieberger und Max Eschelbach er, indem sie den Wert der sittlichen Tat im Gegensatz zum Glauben an die Gnade ins rechte Licht stellen. Mar Wiener stellt sich die besondere Aufgabe, die Spuren jüdischer Religion bei den Juden nach- zuweisen, die von christlicher Seite als ungläubig gekennzeichnet werden, „also den jüdisch-religiösen Geist in säkularisierter Form, in reiner Zukehr zur Welt" (S. 12). Als das Wesen dieser in das Weltliche umgesetzten Religion begreift er die Tatreligivu und den „dem lutherischen Christen einfach unfaßbaren Glauben an die Möglichkeit der Weltverbesicrung".
Daß auch den jüdisck/en Antworten bedenkliche Jrrtümer in ihren Darstellungen unterlaufen, ist bedauerlich und ein Mangel der Redaktion. So wenn Birnbaum behauptet, daß das Judentum niemals den Anspruch erhoben habe, Weltreligion zu sein (S. 7). obwohl ein wesentlicher Teil der biblischen Prophetie diesen Anspruch unzweideutig erhoben hat, oder wenn Friedrich Thieberger meint, daß das Auftreten des Messias Bar Kochba im Judentum sich nur aus dem Borgang Jesu erklären lasse (S. 52), während tatsächlich Josephus und das Reue Testament von einer ganzen Reihe von Messiassen vor und Zur Zeit Jesu berichten.
Äm besten gefallt mir unter den jüdischen Antworten Tr. Pauk Adler (Hellerau). Er scheidet die soziologische von der religiösen Seite des angeblichen jüdisch-christlichen Problems. Soziologisch weisen die Juden keine besonderen Merkmale aus, zumal es lächerlich ist, „im Zeitalter der ^ozialwisienschasten noch von Fremdstämmigkeit und von Wirtsvölkern zu reden" (S. 25). Aber auch religiös hat das Christentum dem Juden nichts zu bieten, was er nicht im Judentum vorfindet, „und cs versagt ihm nicht mehr, als es auch dem Getauften versagt", denn auch das Christentum darf nicht heilsgeschicht- lich, sondern muß geistesgeschichllich begriffen werden. Das Christentum steht uns Juden offen, auch ohne daß wir es „annehmen". Wäre in ihm ein'wertvolles, uns fehlendes Gut, wir dürften es uns aneignen. Wir nehmen uns das Recht, deutsch zu sein, soweit es uns beliebt. Ter vollwertige Jude fühlt sich weder „fremd" noch „unerwünscht" noch „unebenbürtig", da er sich sein Schicksal von keinem vorschreiben laßt. Er ist im Staate ein Staatsbürger, in der Wirtschaft ein Wirtschaftsobjekt oder Subjekt, unterscheidet sich also in keinem Teile von seinen „arischen" Mitmenschen.
Und das Ergebnis der Rundfrage des „Juden"? Das hat Nathan Birnbaum in das Wort gefaßt: „Das Judentum setzt ruhig seinen Weg fort, weiß sich weiter als ein Gefäß und ein Werkzeug göttlicher Gnade" (S. 9). Diese Worte sind das Urteil über das Sonderheft, ein Urteil, das aber bereits vor dem Erscheinen des Heftes bei allen aufrechten und artbewußten Juden seststand. Judentum und Christentum müssen in ihrer Eigenart nach ihren Eigenwerten verstanden werden. Jede „Annäherung" bedeutet einen Eingriff in das heilige Reich des Gewissens und muß von beiden Seiten entschieden abgewehrt werden. Dr. Paul Nicger (Stuttgart).
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Zum Toöe von Julius Elias.
Mit Dr. Julius Elias, der am 2. Juli, wenige Tage vor seinem 67. Geburtstage, aus dem Leben geschieden, ist ein Mann dahingegangen, der voll Eifer und Erfolg der deutschen Kultur in dem Sinne gedient hat, daß er sie im engen Zusammenhang mit der internationalen Gcistcskultur empfand.
Vielwissend und von früh aus vielcrfahreu, im literarischen Gebiet ebenso wie in dem der bildenden Kunst beheimatet, hat er als einer der er'ten die dichterische und soziale Bedeutung Henrik Ibsens erkanm. Unablässig hat er für die öffentliche Aufführung der Jbseuschen Werke gearbeitet und sie damit ans den engen Grenzen der fachmännischen Erörterung in die öffentliche Debatte und Wirkung hinübcrgefüyrt. F^rmsichcr als Ueberscjx'r und eiu- dringeud als Erklärer, hat er zusammen mit Paul Schlenther die monumentale Ibsen-Ausgabe besorgt und ebenso den Schriften
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Sanatorium für Ile rven-und innere Kranke jj
Leitende Aerzfe: Dr. R. Fhischmann. Dr. Fr.Poansgen. H

