XVXL Jahrg. / Nr. 42 Berlin, 20. Oktober 1938
Preis 15 Pfennig
ALL6EN EIN E ZEITUNG DES JUDENTUNS
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Washington — liondon — Jerasalejnt
Der High Commissioner Sir Harold MacMichael ist im Flugzeug nach Palästina zurückgekehrt. Es ist anzunehmen, daß die unmittelbare Folge seiner Rückkehr und der Konzentration immer stärkerer Militärkräfte im Lande der entschlossene Versuch zur Rückgewinnung der teilweise verlorenen machtpolitischen Positionen im Lande sein wird. Wer allerdings vermutete, daß der High Commissioner nach den zahlreichen Rücksprachen mit dem britischen Kolonienminister einen Ausblick auf die Lösung der schwebenden politischen Fragen mitbringen würde, sieht sich enttäuscht. Auch er hat der amtlichen Erklärung des britischen Kolonialamts, die (vgl. S. 15 dieser Nummer) die Entscheidung für die Zeit nach Veröffentlichung und Prüfung des Woodhead-Be- richtes ankündigt, keinerlei Kommentar hinzugefügt. Die Spannung ist unvermindert heftig und steigert sich täglich in dem Maße, in dem die fortdauernden Gewalftaten den gegenwärtigen Zustand immer dringender als unhaltbar erweisen.
Nach dem repräsentativen, wenn auch durch das Fernbleiben bedeutender arabischer Faktoren in seiner Wirkung abgeschwächten Beschluß des Kairoer Kongresses ist es auf arabischer Seite ruhiger geworden. Eine Art Echo zu der großen Kräftekonzentration von Kairo bildete nur der gleichfalls dort tagende ProPalästina-Kongreß arabischer Frauen, der
Tut, JIM 1.— Us 1. faHuai
Bestellzettel auf Seite 15
unter dem Vorsitz von Frau Shaarawi zusammentrat. Er brachte eine Fülle anti- britischer Auslassungen und einen Appell an die Juden, um des Friedens willen auf den zionistischen Traum zu verzichten.
Zu einem bedeutsamen Schauplatz des auf rasch wechselnder Szene abrollenden Palästina-Dramas ist Nordamerika geworden. Dort zeigt sich die öffentliche Meinung — und zwar ohne Unterschied in jüdischen und christlichen Kreisen — aufs stärkste interessiert an der kommenden Wendung der Dinge. Nicht nur die allgemeine Presse widmet ihr seitenlange Artikel, sondern Wissenschaftler, Schriftsteller und 37 führende Persönlichkeiten der christlichen Kirchen haben auf das entschiedenste gegen ein etwaiges Fallenlassen der in der Balfour- Deklaration gegebenen Versprechungen durch England protestiert. In ernsten Worten wird auf die allgemein menschliche Verantwortung hingewiesen, die England mit der Verpflichtung zum Auf-
In dieser Nummer finden unsere Leser u.a.: Die Aufsätze:
Kennkarte - Vorname - Pässe — Das Ausscheiden der Juden aus der Rechtsanwaltschaft — Gabriella Rosenthal: Abenteuer über Mittag — Leo Merten: Dichter und Rezitator — Martin Hausdorff rArnoid Rose—Eva Reichmann- Jungmann: Paula Ollendorff — Welt- entwicklung der Beschäftigung seit 1929
Die Beilagen:
Das Blatt der Jüdischen Frau — Sportblatt — Palästina-Umschau — Recht und Wirtschaft — Die Wanderung
bau der jüdischen Heimstätte in Palästina übernommen habe, und der moralische sowohl wie der materielle Anteil Amerikas an der Erfüllung dieser Verpflichtung wird nachdrücklich betont. Li Berichten aus New York heißt es, daß im Weißen Haus in Washington Hunderttausende von Telegrammen eingelaufen seien, die die Besorgnisse und die Hoffnungen aus allen Kreisen des Landes zum Ausdruck brächten. Neben einer von Senator Robert F. Wagner nach einem längeren Telephongespräch mit Präsident Roosevelt abgegebenen Versicherung, daß auch der Präsident selbst an der Entwicklung tiefen Anteil nehme, hat das Interesse Amerikas bisher in doppelter Weise Ausdruck gefunden, in einer offiziellen. Erklärung des Staatsdepartements und in einer Demarche des amerikanischen Botschafters in London im britischen Auswärtigen Amt sowie im Kolonialamt.
In der amtlichen Erklärung wird zunächst der Sympathie des amerikanischen Volkes und seiner Regierung für das jüdische Palästinawerk Ausdruck gegeben, und es wir i der „leitenden Rolle" gedacht, die „amerikanischer Intellekt und amerikanisches Kapital" dabei gespielt haben. Sodann wird das amerikanisch-britische Mandats-Abkommen vom 3. September 1924 zitiert, in dem mit Bezug auf Palästina das amerikanische Recht auf Mitbestimmung in allen seine Staatsbürger betreffenden Fragen niedergelegt ist. Darüber hinaus habe im Jahre 1937 ein Meinungsaustausch stattgefunden, in dem die britische Regierung die Versicherung abgegeben habe, daß die Vereinigten Staaten über irgendwelche dem Völkerbund zu machenden Vorschläge betr. Aenderung des Mandats genau informiert werden würden. Während die Vereinigten Staaten, so heißt es weiter in der Regierungserklärung, eine Aenderung des Mandates nicht verhindern können, „so können sie doch die Anerkennung der Gültigkeit ihrer Anwendung auf amerikanische Interessen ablehnen, wenn eine solche Aenderung nicht ihre Zustimmung gefunden habe. Die Erklärung schließt mit der Versicherung, daß das Staatsdepartment die Entwicklung genau beobachte und daß es alle zum Schutze amerikanischer Interessen und Rechte in Palästina notwendigen Maßnahmen ergreifen werde.
Schon vor Eintreffen dieser Erklärung in London fanden die bereits erwähnten Besprechungen zwischen dem amerikanischen Botschafter Mr. Kennedy und den Ministern Lord Halifax und Mac Donald statt. Nach Meinung der „Times" dienten sie dazu, die zuständigen Ministerien auf die Stellungnahme der amerikanischen Regierung vorzubereiten. Dem weiteren Kommentar der Zeitung ist zu entnehmen, daß die amerikanischen Interessen in Palästina keineswegs unbedeutend sind. Die Zahl der in Palästina lebenden amerikanischen Juden beträgt über 8000. Dazu kommen zahlreiche nichtjüdische Amerikaner vor allem in der „amerikanischen Kolonie" in Jerusalem. Die Gesamtsumme des im Lande investierten amerikanischen Kapitals, das zum größten Teil von Juden aufgebracht wurde, wird auf über 10 000 000 Pfund geschätzt.
Abgesehen von diesem Kommentar des amerikanischen Schrittes in London, ist unter den englischen Pressestimmen ein Artikel des bekannten politischen Journalisten „Scrutator" in „Sunday Times" zu erwähnen. Der Autor fordert die sofortige Verhängung des Kriegsrechtes und die Einstellung jüdischer Freiwilliger, die sich in großer Zahl zur Wie
derherstellung der Ordnung zur Verfügung stellen wollen. Er geht dann auf die Ursachen des Konfliktes zurück und erklärt, daß Lord Peel übertrieben habe, wenn er von dem Gegensatz zweier unversöhnlicher Nationalismen, der Araber und der Juden, gesprochen habe. Eine arabische Nationalität gäbe es nicht, der eigentliche Gegensatz in Palästina bestehe zwischen dem Mittelalter und dem 20. Jahrhundert. Die Ursachen des britischen Fehlschlags in Palästina seien sehr verschiedenartig. Sie ließen sieh aber alle auf die eine Quelle zurückführen, daß man niemals genau gewußt habe, was man eigentlich wolle. Dazu kam ein gewisser Gegensatz der Auffassung zwischen dem Auswärtigen Amt, das den Blick stets auf den gesamten Nahen Osten gerichtet und deswegen die Freundschaft der Araber gesucht habe und dem Kolonialamt, das Palästina um seiner selbst willen zu entwickeln und das Mandat wörtlich zu erfüllen versucht habe. Dreierlei sei sofort zu tun, um der Lage Herr zu werden: Erstens habe man sich endgültig darüber schlüssig zu werden, ob man an das Mandat glaube oder nicht. Die Argumente für den Aufbau der jüdischen Heimstätte, die im Jahre 1917 maßgebend 1 gewesen seien, gelten heute in verstärktem Maße. Zweitens habe man sich darüber schlüssig zu werden, was recht und billig ist und man habe ohne weiteres Schwanken daran festzuhalten. Drittens müsse man sieh darüber klar sein, daß der einzig mögliche Teilungsplan den Juden ganz Galiläa, ganz Esdraelon einschließlich der Brückenköpfe im Osten, die Küstenebene bis zur ägyptischen Grenze und den Negew zusprechen müsse. Die Araber würden dafür ein vergrößertes Samaria und Transjordanien erhalten. Wenn ein solcher Teilungsplan aus irgendeinem Grunde undurchführbar sei, so solle man ihn lieber fallen lassen. Aber keineswegs dürfe man zu dem alten Streit über die Einwanderungszahlen zurückkehren. Soweit die Interessen der Araber durch die jüdische Immigration nicht gestört werden — und bisher haben sie nur Nutzen daraus gezogen — könne Palästina garnicht genug Juden von der rechten Art haben.
Wichtiger noch als alle wohlwollenden Auslassungen ist und bleibt die Haltung des jüdischen Palästinas selbst, wie sie sich in unbeugsamer Weise wiederum in dem folgenden Telegramm MoseheScher- toks kundgibt. Es stellt eine Antwort auf eine Drohung des palästinensich-arabi- schen Verteidigungskomitees in Damaskus an Chaim Weizmann dar, in der der Präsident des Komitees, Nebi Alazmah, die schwersten Repressalien gegenüber allen im Orient unter arabischer Bevölkerung ansässigen Juden für den Fall angekündigt hatte, daß man den arabischen Forderungen nicht nachkommen würde. Die Antwort Mosche Schertoks lautet:
„Ich bedauere Ihr völliges Mißverstehen der zionistischen Bewegung, die aus den Verfolgungen und Metzeleien von Juden immer gestärkt hervorgegangen ist. Sie wird sich auch durch weitere Morde nicht abschrecken lassen, was durch das dreijährige Standhalten der palästinensischen Judenheit genugsam bezeugt ist. Die Unterstützung der Blutbäder durch Araber aus den Nachbarländern wird die Verwirklichung des Zionismus nicht aufhalten. Sie werden sich dadurch nur erniedrigen, so wie Tiberias ein Schandfleck auf der palästinensisch-arabischen Bewegung bleiben wird. Wir sehen die Möglichkeit einer vollen und fruchtbaren Zusammenarbeit in Palästina, das Juden und Araber umfaßt, und den Nachbarländern zum Wohle aller. Aber dafür ist es wesentlich, daß
die jüdischen Grundrechte in Palästina, deren Verwirklichung den palästinensischen Araber nicht schaden, sondern nur nutzen wird, anerkannt werden. Die Rückkehr der Juden nach Palästina wird von der historischen Notwendigkeit gefordert, und keine Gefahren und Drohungen werden das jüdische Volk von seinem Wege abbringen oder seinen Drang nach Freiheit ersticken." E. R.-J.
Idealisierung;
in Brasilien
L. B. Rio de Janeiro, 5. Oktober Die zum Zweck der Legalisierung der Ausländer in Brasilien eingesetzte Bundeskommission hat bisher noch keine Entscheidungen gefällt. Aus einer Antwort, die die Kommission auf verschiedene Anfragen erteilt hat, geht hervor, daß der Kreis der Personen, deren legaler Aufenthalt in Brasilien von der Kommission geprüft bzw. bestätigt werden muß, ziemlich weit gefaßt ist. So müssen die Aufenthaltsverhältnisse der Personen geprüft werden, die auf Grund von sog. Landbesitz- Chamaden nach Brasilien gekommen sind, wobei oft der Besitz eines ganz geringen Stücks Land genügt hatte, um die Rufkarte zu erhalten. Auch in Fällen, in denen Personen legale Rufkarten von Angehörigen erhalten hatten, die ihrerseits unter gesetzlich unklaren Verhältnissen im Land , waren, ist eine Nachprüfung erforderlich. Eine Anzahl von Einwanderern, die ursprünglich als T o u- r i s t e n ins Land" gekommen waren und denen später ein Daueraufenthalt durch Entscheidung einer Polizeibehörde gewährt worden war, müssen diese Polizeientscheidung ebenfalls endgültig bestätigen lassen. Der Regelung durch die Kommission unterliegen auch Personen, die bis zum 22. Dezember d. J., dem 7 Tag des Inkrafttretens der neuen Ein- wanderungsgesetzgebung als Touristen ins Land kommen und ihren zeitweiligen in Dauer auf enthalt umwandeln wollen. Für den Nachweis genügenden Kapitals, um in Brasilien leben zu können, ist eine monatliche Einnahme von mindestens 500 Milreis für einzelstehende Personen und 1 Conto für Ehepaare erforderlich. Die Kosten jeder Prüfung durch die Kommission belaufen sich auf 1 Conto.
Parl&mentsdefcatte in Argentinien
K. J. R. Buenos Aires, 10. Oktober Auf eine Anfrage aus der Deputiertenkammer hat die argentinische Regierung in einem schriftliehen Bericht über die Maßnahmen hinsichtlich der Einwanderung und über die Beteiligung des Landes an den Konferenzen von Genf und Evian Auskunft erteilt. Zur Begründung der Ei n wanderungsbesehrän- kungen beruft sich die Regierung auf das Absinken der nationalen Produktion vor allem durch die Dürre des vorigen Jahres und auf die Zunahme der Arbeitslosigkeit. Neben den arbeitspolitischen Erwägungen wird darauf hingewiesen, daß viele Personen als Touristen oder Landarbeiter ins Land gekommen seien und sich dann endgültig in Buenos Aires festgesetzt, jedenfalls aber städtische Berufe ergriffen hätten. Die Auslandsvertretungen Argentiniens hätten ihre Ueberzeu- gung mitgeteilt, daß die Einwanderung' von Personen, deren Einordnung schädlich werden könnte oder den Notwendigkeiten nicht entspräche, behindert werden müßte. Aus diesem Grunde sei es der Regierung zweckmäßig erschienen, die Konsulate anzuweisen, solchen Personen die Visierung zu verweigern, die sie nicht für geeignet und den Anforderungen des Landes entsprechend hielte. Dies ist dann auch auf die bereits erteilten Einreiseerlaubnisse ausgedehnt worden, unter Vorverlegung des ursprünglich für den 1. Oktober vorgesehenen Inkrafttretens der Julidekrete.

