XVXL Jahrg. / Nr. 42 Berlin, 20. Oktober 1938

Preis 15 Pfennig

ALL6EN EIN E ZEITUNG DES JUDENTUNS

Gcschäftsst«ll« (Verlag, Redaktion, Anzeigenannahme, Vertriebaabteflung> Berlin W15, Emern Str. 42. Fernspr.t 92814145. Telejr.-Adr.; Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344, Prag 77218, Zürich VIH 26363 Bankkontos A. E. Wassermann, Berlin W 8. Die C-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedee Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Znsteilung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 1^2 RM (einschL 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüglich 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 3, RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschließlich Zustellgebühren. Einzelnummer 15 RpL (Ausland 25 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 RpL, weitere ermäßigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. Anzeigenschiaß: Dienstag. Aufnahme für bestimmte Tage, Stellen oder Ausgaben wird nicht gewährleiste

Washington liondon Jerasalejnt

Der High Commissioner Sir Harold MacMichael ist im Flugzeug nach Palästina zurückgekehrt. Es ist anzuneh­men, daß die unmittelbare Folge seiner Rückkehr und der Konzentration immer stärkerer Militärkräfte im Lande der entschlossene Versuch zur Rückgewinnung der teilweise verlorenen machtpolitischen Positionen im Lande sein wird. Wer allerdings vermutete, daß der High Commissioner nach den zahl­reichen Rücksprachen mit dem britischen Kolonienminister einen Ausblick auf die Lösung der schwebenden politischen Fra­gen mitbringen würde, sieht sich ent­täuscht. Auch er hat der amtlichen Er­klärung des britischen Kolonialamts, die (vgl. S. 15 dieser Nummer) die Ent­scheidung für die Zeit nach Veröffent­lichung und Prüfung des Woodhead-Be- richtes ankündigt, keinerlei Kommentar hinzugefügt. Die Spannung ist unvermin­dert heftig und steigert sich täglich in dem Maße, in dem die fortdauernden Gewalftaten den gegenwärtigen Zustand immer dringender als unhaltbar erweisen.

Nach dem repräsentativen, wenn auch durch das Fernbleiben bedeutender ara­bischer Faktoren in seiner Wirkung ab­geschwächten Beschluß des Kairoer Kon­gresses ist es auf arabischer Seite ruhiger geworden. Eine Art Echo zu der großen Kräftekonzentration von Kairo bil­dete nur der gleichfalls dort tagende Pro­Palästina-Kongreß arabischer Frauen, der

Tut, JIM 1. Us 1. faHuai

Bestellzettel auf Seite 15

unter dem Vorsitz von Frau Shaarawi zusammentrat. Er brachte eine Fülle anti- britischer Auslassungen und einen Appell an die Juden, um des Friedens willen auf den zionistischen Traum zu verzichten.

Zu einem bedeutsamen Schauplatz des auf rasch wechselnder Szene abrollen­den Palästina-Dramas ist Nordame­rika geworden. Dort zeigt sich die öf­fentliche Meinung und zwar ohne Un­terschied in jüdischen und christlichen Kreisen aufs stärkste interessiert an der kommenden Wendung der Dinge. Nicht nur die allgemeine Presse widmet ihr seitenlange Artikel, sondern Wissen­schaftler, Schriftsteller und 37 führende Persönlichkeiten der christlichen Kirchen haben auf das entschiedenste gegen ein etwaiges Fallenlassen der in der Balfour- Deklaration gegebenen Versprechungen durch England protestiert. In ernsten Worten wird auf die allgemein mensch­liche Verantwortung hingewiesen, die England mit der Verpflichtung zum Auf-

In dieser Nummer finden unsere Leser u.a.: Die Aufsätze:

Kennkarte - Vorname - Pässe Das Ausscheiden der Juden aus der Rechtsanwaltschaft Gabriella Rosen­thal: Abenteuer über Mittag Leo Merten: Dichter und Rezitator Martin Hausdorff rArnoid RoseEva Reichmann- Jungmann: Paula Ollendorff Welt- entwicklung der Beschäftigung seit 1929

Die Beilagen:

Das Blatt der Jüdischen Frau Sport­blatt Palästina-Umschau Recht und Wirtschaft Die Wanderung

bau der jüdischen Heimstätte in Palästina übernommen habe, und der moralische sowohl wie der materielle Anteil Ame­rikas an der Erfüllung dieser Verpflich­tung wird nachdrücklich betont. Li Be­richten aus New York heißt es, daß im Weißen Haus in Washington Hundert­tausende von Telegrammen eingelaufen seien, die die Besorgnisse und die Hoff­nungen aus allen Kreisen des Landes zum Ausdruck brächten. Neben einer von Senator Robert F. Wagner nach einem längeren Telephongespräch mit Präsident Roosevelt abgegebenen Versicherung, daß auch der Präsident selbst an der Entwick­lung tiefen Anteil nehme, hat das Inter­esse Amerikas bisher in doppelter Weise Ausdruck gefunden, in einer offiziellen. Erklärung des Staatsdeparte­ments und in einer Demarche des amerikanischen Botschafters in London im britischen Auswärtigen Amt sowie im Kolonialamt.

In der amtlichen Erklärung wird zu­nächst der Sympathie des amerikani­schen Volkes und seiner Regierung für das jüdische Palästinawerk Ausdruck ge­geben, und es wir i derleitenden Rolle" gedacht, dieamerikanischer Intellekt und amerikanisches Kapital" dabei ge­spielt haben. Sodann wird das amerika­nisch-britische Mandats-Abkommen vom 3. September 1924 zitiert, in dem mit Be­zug auf Palästina das amerikanische Recht auf Mitbestimmung in allen seine Staatsbürger betreffenden Fragen nieder­gelegt ist. Darüber hinaus habe im Jahre 1937 ein Meinungsaustausch stattgefun­den, in dem die britische Regierung die Versicherung abgegeben habe, daß die Vereinigten Staaten über irgendwelche dem Völkerbund zu machenden Vor­schläge betr. Aenderung des Mandats genau informiert werden würden. Wäh­rend die Vereinigten Staaten, so heißt es weiter in der Regierungserklärung, eine Aenderung des Mandates nicht verhin­dern können,so können sie doch die Anerkennung der Gültigkeit ihrer An­wendung auf amerikanische Interessen ablehnen, wenn eine solche Aenderung nicht ihre Zustimmung gefunden habe. Die Erklärung schließt mit der Versiche­rung, daß das Staatsdepartment die Ent­wicklung genau beobachte und daß es alle zum Schutze amerikanischer Inter­essen und Rechte in Palästina notwen­digen Maßnahmen ergreifen werde.

Schon vor Eintreffen dieser Erklärung in London fanden die bereits erwähnten Besprechungen zwischen dem amerikani­schen Botschafter Mr. Kennedy und den Ministern Lord Halifax und Mac Donald statt. Nach Meinung derTimes" dienten sie dazu, die zuständigen Mini­sterien auf die Stellungnahme der ameri­kanischen Regierung vorzubereiten. Dem weiteren Kommentar der Zeitung ist zu entnehmen, daß die amerikanischen Inter­essen in Palästina keineswegs unbedeutend sind. Die Zahl der in Palästina lebenden amerikanischen Juden beträgt über 8000. Dazu kommen zahlreiche nichtjüdische Amerikaner vor allem in deramerika­nischen Kolonie" in Jerusalem. Die Ge­samtsumme des im Lande investierten amerikanischen Kapitals, das zum größten Teil von Juden aufgebracht wurde, wird auf über 10 000 000 Pfund geschätzt.

Abgesehen von diesem Kommentar des amerikanischen Schrittes in London, ist unter den englischen Pressestimmen ein Artikel des bekannten politischen Jour­nalistenScrutator" inSunday Times" zu erwähnen. Der Autor fordert die sofortige Verhängung des Kriegs­rechtes und die Einstellung jüdischer Frei­williger, die sich in großer Zahl zur Wie­

derherstellung der Ordnung zur Verfügung stellen wollen. Er geht dann auf die Ur­sachen des Konfliktes zurück und erklärt, daß Lord Peel übertrieben habe, wenn er von dem Gegensatz zweier unversöhnlicher Nationalismen, der Araber und der Juden, gesprochen habe. Eine arabische Nationali­tät gäbe es nicht, der eigentliche Gegen­satz in Palästina bestehe zwischen dem Mittelalter und dem 20. Jahrhundert. Die Ursachen des britischen Fehlschlags in Palästina seien sehr verschiedenartig. Sie ließen sieh aber alle auf die eine Quelle zurückführen, daß man niemals genau ge­wußt habe, was man eigentlich wolle. Dazu kam ein gewisser Gegensatz der Auffassung zwischen dem Auswärtigen Amt, das den Blick stets auf den ge­samten Nahen Osten gerichtet und des­wegen die Freundschaft der Araber ge­sucht habe und dem Kolonialamt, das Pa­lästina um seiner selbst willen zu ent­wickeln und das Mandat wörtlich zu er­füllen versucht habe. Dreierlei sei sofort zu tun, um der Lage Herr zu werden: Erstens habe man sich endgültig darüber schlüssig zu werden, ob man an das Man­dat glaube oder nicht. Die Argumente für den Aufbau der jüdischen Heimstätte, die im Jahre 1917 maßgebend 1 gewesen seien, gelten heute in verstärktem Maße. Zwei­tens habe man sich darüber schlüssig zu werden, was recht und billig ist und man habe ohne weiteres Schwanken daran festzuhalten. Drittens müsse man sieh dar­über klar sein, daß der einzig mögliche Teilungsplan den Juden ganz Galiläa, ganz Esdraelon einschließlich der Brückenköpfe im Osten, die Küstenebene bis zur ägyp­tischen Grenze und den Negew zusprechen müsse. Die Araber würden dafür ein ver­größertes Samaria und Transjordanien er­halten. Wenn ein solcher Teilungsplan aus irgendeinem Grunde undurchführbar sei, so solle man ihn lieber fallen lassen. Aber keineswegs dürfe man zu dem alten Streit über die Einwanderungszahlen zu­rückkehren. Soweit die Interessen der Araber durch die jüdische Immigration nicht gestört werden und bisher haben sie nur Nutzen daraus gezogen könne Palästina garnicht genug Juden von der rechten Art haben.

Wichtiger noch als alle wohlwollenden Auslassungen ist und bleibt die Haltung des jüdischen Palästinas selbst, wie sie sich in unbeugsamer Weise wiederum in dem folgenden Telegramm MoseheScher- toks kundgibt. Es stellt eine Antwort auf eine Drohung des palästinensich-arabi- schen Verteidigungskomitees in Damaskus an Chaim Weizmann dar, in der der Prä­sident des Komitees, Nebi Alazmah, die schwersten Repressalien gegenüber allen im Orient unter arabischer Bevölkerung ansässigen Juden für den Fall angekündigt hatte, daß man den arabischen Forderun­gen nicht nachkommen würde. Die Ant­wort Mosche Schertoks lautet:

Ich bedauere Ihr völliges Mißverstehen der zionistischen Bewegung, die aus den Verfolgungen und Metzeleien von Juden immer gestärkt hervorgegangen ist. Sie wird sich auch durch weitere Morde nicht abschrecken lassen, was durch das drei­jährige Standhalten der palästinensischen Judenheit genugsam bezeugt ist. Die Un­terstützung der Blutbäder durch Araber aus den Nachbarländern wird die Ver­wirklichung des Zionismus nicht aufhalten. Sie werden sich dadurch nur erniedrigen, so wie Tiberias ein Schandfleck auf der palästinensisch-arabischen Bewegung blei­ben wird. Wir sehen die Möglichkeit einer vollen und fruchtbaren Zusammenarbeit in Palästina, das Juden und Araber um­faßt, und den Nachbarländern zum Wohle aller. Aber dafür ist es wesentlich, daß

die jüdischen Grundrechte in Palästina, deren Verwirklichung den palästinen­sischen Araber nicht schaden, sondern nur nutzen wird, anerkannt werden. Die Rück­kehr der Juden nach Palästina wird von der historischen Notwendigkeit gefordert, und keine Gefahren und Drohungen wer­den das jüdische Volk von seinem Wege abbringen oder seinen Drang nach Frei­heit ersticken." E. R.-J.

Idealisierung;

in Brasilien

L. B. Rio de Janeiro, 5. Oktober Die zum Zweck der Legalisierung der Aus­länder in Brasilien eingesetzte Bundeskommis­sion hat bisher noch keine Entscheidungen gefällt. Aus einer Antwort, die die Kommis­sion auf verschiedene Anfragen erteilt hat, geht hervor, daß der Kreis der Personen, deren legaler Aufenthalt in Brasilien von der Kommission geprüft bzw. bestätigt werden muß, ziemlich weit gefaßt ist. So müssen die Aufenthaltsverhältnisse der Personen geprüft werden, die auf Grund von sog. Landbesitz- Chamaden nach Brasilien gekommen sind, wobei oft der Besitz eines ganz geringen Stücks Land genügt hatte, um die Rufkarte zu erhalten. Auch in Fällen, in denen Per­sonen legale Rufkarten von Angehörigen er­halten hatten, die ihrerseits unter gesetzlich unklaren Verhältnissen im Land , waren, ist eine Nachprüfung erforderlich. Eine Anzahl von Einwanderern, die ursprünglich als T o u- r i s t e n ins Land" gekommen waren und denen später ein Daueraufenthalt durch Ent­scheidung einer Polizeibehörde gewährt wor­den war, müssen diese Polizeientscheidung ebenfalls endgültig bestätigen lassen. Der Re­gelung durch die Kommission unterliegen auch Personen, die bis zum 22. Dezember d. J., dem 7 Tag des Inkrafttretens der neuen Ein- wanderungsgesetzgebung als Touristen ins Land kommen und ihren zeitweiligen in Dauer auf enthalt umwandeln wollen. Für den Nachweis genügenden Kapitals, um in Brasilien leben zu können, ist eine monat­liche Einnahme von mindestens 500 Milreis für einzelstehende Personen und 1 Conto für Ehepaare erforderlich. Die Kosten jeder Prü­fung durch die Kommission belaufen sich auf 1 Conto.

Parl&mentsdefcatte in Argentinien

K. J. R. Buenos Aires, 10. Oktober Auf eine Anfrage aus der Deputierten­kammer hat die argentinische Regierung in einem schriftliehen Bericht über die Maßnahmen hinsichtlich der Einwande­rung und über die Beteiligung des Landes an den Konferenzen von Genf und Evian Auskunft erteilt. Zur Begründung der Ei n wanderungsbesehrän- kungen beruft sich die Regierung auf das Absinken der nationalen Produktion vor allem durch die Dürre des vorigen Jahres und auf die Zunahme der Arbeits­losigkeit. Neben den arbeitspolitischen Er­wägungen wird darauf hingewiesen, daß viele Personen als Touristen oder Land­arbeiter ins Land gekommen seien und sich dann endgültig in Buenos Aires fest­gesetzt, jedenfalls aber städtische Berufe ergriffen hätten. Die Auslandsvertretun­gen Argentiniens hätten ihre Ueberzeu- gung mitgeteilt, daß die Einwanderung' von Personen, deren Einordnung schädlich werden könnte oder den Notwendigkeiten nicht entspräche, behindert werden müßte. Aus diesem Grunde sei es der Regierung zweckmäßig erschienen, die Konsulate an­zuweisen, solchen Personen die Visierung zu verweigern, die sie nicht für geeignet und den Anforderungen des Landes ent­sprechend hielte. Dies ist dann auch auf die bereits erteilten Einreiseerlaubnisse ausgedehnt worden, unter Vorverlegung des ursprünglich für den 1. Oktober vor­gesehenen Inkrafttretens der Julidekrete.