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Im deutschen Reich.

Vorstellung wurde mit einem von einer jüdischen Dame verfaßten sinnigen Prolog eingeleitet, den ein jüdisches Vereinsmitglied, Kaufmann L., vortrug. Der Leiter des MusikchorS, welcher zu Gunsten des patriotischen Zwecks auf jede Entschädigung verzichtete, Kapellmeister Zellner, ist ebenfalls Jude. Sowohl die dramatischen als auch die turnerischen und musikalischen Leistungen, welche an diesem Abend geboten wurden, fanden ungeteilten Beifall; jedenfalls zeigte das Fest, daß trotz aller Machenschaften der Antisemitismus hier keinen Boden gefunden und nicht vermocht hat, den konfessionellen Frieden zu stören.

Riesenburg, Rg.-Bz., Marienwerder, 1. Dezember. Dem hiesigen jüdischen Kultusbeamten L e w i t h a n ging eine Strafver­fügung über 5 Mk. zu, weil er bei einem jüdischen Begräbniß eine der Amtstracht der evangelischen Geistlichen ähnliche Kleidung an­gelegt hatte. Der Gerichtshof erkannte nach langer Berathung auf Freisprechung, weil die evangelischen Geistlichen nicht als Beamte im Sinne des Strafgesetzbuches anzusehen seien, weil ferner zwar in

einer früheren Kabinetsordre die Amtstracht für die evangelischen Geistlichen bestimmt vorgeschrieben sei, aber in dieser Kabinetsordre jede Strafandrohung gegen solche Personen fehle, welche dieselbe Kleidung anlegen.

U Nordhauseri, 1. Dezember. DieNordhauser Ztg." schreibt: Gesinnungslumperei muthen antisemitische Blätter den Bewohnern

des durch den großen Brand betroffenen Dorfes Brotterode zu. Nach der Meinung der Antisemiten soll die Einwohnerschaft von Brotterodeall die christliche Hilfe", welche dem Orte nach dem

Brande zu Theil wurde, zu schätzen wissen und bei der nächsten

Reichstagswahl dies auch kund geben, d. h. antisemitisch wählen. Die Antisemiten sind wirklich in ihren Mitteln recht

wählerische Leute!"-Wie sollen die Brotteroder für die gewiß auch

von jüdischer Seite geleistete Hilfe danken, die ja bei jeder öffentlichen Kalamität in großherziger Weise gewährt wird?

<j> Homburg v. d. H., 1. Dezember. Dem Kantor der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde Braunschweig, wurde der Kronen­orden 4. Klasse verliehen.

L. Bonn- 1. Dezember. Nachdem der antisemitische Zeitungs­verleger Simonis aus Coblenz vor drei Jahren wegen Beleidigung israelitischer Einwohner von Mayen zu einer Geldstrafe verurtheilt worden war, veröffentlichte er als Vergeltung für eine ihm ungünstige Zeugenaussage des Vorstehers der Synagogen-Gemeinde Mayens eine Broschüre unter dem Titel:Der Meineid eines Millionärs." Eine