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Im deutschen Reich.
sind als viele Antisemiten, ungerochen bleibt, ist traurig genug, daß in der Handelskammerliste der „Staatsbürger-Ztg." Christen wie Franz von Mendelssohn, Generalkonsul Schwabach und General» direkter Goldschmidt als „vermnthlich Juden" bezeichnet werden, bei den Bankeircktoren Lücke und Justizrath Dr. Rießer die Religion mit einem Fragezeichen angegeben ist, laßt aber heiterstimmcnde Zweifel an der Zuverlässigkeit des Riechorgans der antisemitischen Staatsbürgerin zu. Wenn der antisemitische Leitartikler mit denkenden und nrtheilsfähigen Lesern rechnen zu müssen glaubte, würde er sich auch nicht für berechtigt halten, die Forderung zu stellen, daß die neue Handelskammer eigentlich zu neun Zehnteln aus Männern des gewerblichen Mittelstandes bestehen müßte; denn bekanntlich besteht das sich als Vertreterin des Mittelstandes ausspicleude Antisemitenblatt hauptsächlich nur noch durch die seitenlangen Inserate einiger christlichen großen Waarenhäuser (Jordan, Herzog, Maaßen, Stiller u. a. m.) und bringt „völlig unbekümmert um den gewerblichen und geschäftlichen Mittelstand" schwungvolle Waarenhaus-Rcklamen im redaktionellen Theile. Für die ertragsrcichen Inserate mit der Kandidatenliste der Handelskammer hat sie sich, wie aus den obigen Ausführungen hervor* geht, wenig dankbar erwiesen. Diese scheinbare Inkonsequenz erklärt sich vollständig aus der nachstehenden Aeußerung über die Handels- kammcrwahlen: „Interessant ist, daß einzelne Juden selbst gewarnt haben, doch ja nicht nur Juden als Kandidaten aufzustellen. Nächstens werden die „schlauen" Juden noch selbst Antisemiten; das fehlte uns gerade noch!" — Die Zuwendung der täglichen großen Inserate mit den Kandidatenlisten war also eine verlorene Liebesmüh!
Außer den erwähnten Zuwendungen boten dem Antiscmitenblatt bisher die zahlreich besuchten Burenvcrsammlungen und Pückler- Vorträge ansehnliche Einnahmequellen, die nun auch zu versiegen drohen. Es ist bekanntlich begründete Hoffnung vorhanden, daß ein für beide kriegführende Theile ehrenvoller Friedensschluß dem entsetzlichen Blutvergießen ein Ende bereiten werde. Ebenso läßt sich erwarten, daß Graf Pückler nicht zu Gunsten einer von Herrn Wilhelm Druhn zu veranstaltenden Ulk- und Radauversammlung die ihn unsichtbar machende Tarnkappe ablegen werde, um gleich darauf in das Glogauer Gefängniß zu wandern. Da die im Verfolg des Vor- führungsbeschlusies vom 13. d. Mts. nach Berlin, Dresden und Klein- Tschirne ergangenen Haftbefehle keinen Erfolg gehabt hatten, erließ der Erste' Staatsanwalt' in Glogau am 25. März folgenden Steckbrief: „Gegen den Ritterguts-Besitzer Grafen Pückler aus Klein-Tschirne, geb. 9. 10. 1860 zu Nogau, ist die Unter-
