Umschau .
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Berliner Polizeileutnant einst an Gerichtsstelle ertheilte , sondern
selbst das traurigste Zeugniß dafür liefert , wie sehr der Antisemitismus
bereits die Sitten vergröbert und die Urteilsfähigkeit von Leuten
beeinträchtigt hat , die ein Polizeilcntnant noch als sehr anständig be¬
zeichnen zu müssen glaubt . Selbst ein so entschiedener Antisemit wie
der Abg . Liebermann von Sonnenberg hält es nicht für an¬
ständig , solchen „ Dreschflegeleien " zuzustimmen ; denn in seinem Organ ,
den „ Deutsch - Sozialen Blättern " vom 12 . Juni schreibt er : „ Unsre
deutschsozialen Parteigenossen in Berlin und im Reiche werden es
begreifen , wenn wir uns verpflichtet fühlen , jetzt die öffentliche Bitte
auszusprechen , daß man im Interesse des Antisemitismus sowohl
als des schwerkranken Mannes jedes fernere öffentliche Auf¬
treten desselben bis zu seiner vollen Genesung unmöglich zu machen
sucht " .
Für das , was Graf Pückler am 6 . Juni in Berlin gesagt hat ,
wollte selbst die Redaction der „ Staatsbürger - Zeitung " die „ preßgesctz -
liche Verantwortung " nicht übernehmen . Herr Wilhelm Bruhn selbst
wagt schon dagegen etwas mehr , indem er sich als Herausgeber solcher
aufreizenden Reden und Vertreter derselben in Flugblattform strafbar
macht — weil es mehr Geld eiubriugt als eine etwaige Geldstrafe
ausmachen würde . Graf Pückler hat übrigens keinen Zweifel daran ge¬
lassen , daß er die für die Erlaubnis zur Rückkehr nach Deutschland
gestellte Kaution von 5000 Mk . im Stiche lassen würde , um „ einer
unwürdigen Behandlung " zu entgehen . Gewissermaßen gehört er ja
jetzt durch seine „ preßgejetzlich . verantwortliche " Zeichnung einer Extra -
Ausgabe zu dem Generalstab des Corps , von dem bereits ein
ebenso kampflustiges Mitglied , Böckler , sich in recht „ undeutjcher "
Tapferkeit aus dem Staube machte , weil sein Muth nicht
ausreichte , die Folgen seiner Thaten mannhaft zu tragen .
Auch Herr Bruhn rechnet sicher auf eine . Hinterthür , um im
rechten Augenblicke zu entschlüpfen , denn er hat diese Kunst erst
kürzlich in dem von Dr . H . Hildesheimer erhobenen Beleidigungs -
Prozeß erprobt . Der Bericht der „ Staatsbürger - Zeitung " über
eine von Bruhn am 6 . März v . I . gehaltene Rede , in der von
Dr . Hildesheimer gesagt wurde , daß er alle Fäden eines Verdunklungs -
Komites in Könitz in der Hand gehabt , hatte eine Verleumdungsklage
gegen Bruhn und I ) r . Böckler zur Folge , die aber bis zur Erledigung
des Schiller - Prozesses vertagt wurde . Inzwischen war Dr . Böckler
ausgekniffen , und Wilhelm Bruhn verstand es , auch rechtzeitig zu
„ kneifen " . Er machte , soweit es sich um Beleidigungen durcb
seine Zeitung handelte , den Einwand der Verjährung geltend , betreffs