Hm deutschen Reich .
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seiner Rede erklärte er , der vorher mit untrüglichen Beweisen für
seine Behauptung geprahlt batte , plötzlich sich selbstverständlich nicht
mehr zu erinnern , was er gesagt habe . Da der Kläger natürlich
außer Stande war , die von Bruhn bestrittene Nichtigkeit des Referats
seims eigenen Blattes darzuthun , blieb dem Richter in der Ver -
bandlnng nichts anderes übrig , als die Kla . > e abzuweisen .
Einem so vielseitigen Ge chäftsmanne verschlägt es natürlich
nichts , in seinem Antisemiten - Organ vorn vordem Kaufen bei den Juden
zu warnen , hinten aber seine Spalten fast täglich mit Inseraten von
Baer Sohn zu füllen . Er bekommt es fertig , im redaktionellen
Tbcile dem Generaldirektor der Hamburg - Amerika - Linie , Ball in ,
vorzuwerfcn . nur deshalb auf die Subsidicn des Reiches verzichten
zu wollen , um dem Morgan ' scben Trust volle Bewegungsfreiheit zu
geben und seine Geschäftsinteressen rücksichtslos verfolgen zu können ,
für den Inseratenteil seines Blattes aber von dem Berliner Vertreter
die Annonce der Hamburg - Amerika - Linie „ Rach den nordischen Haupt¬
städten " zu erlangen . Den Dank dafür stattet er ab , indem er der
Nachricht von der bevorstehenden Berufung des Geb . Konunerzienraths
Ludwig Mar Goldberger in das preußische Herrenhaus die doch wohl
nicht als Empfehlung gemeinten Worte hinzufügt : „ Dem Herrn Gold¬
berger dürfte nun wohl He ^ r Ballin in ' s Herrenhaus folgen . " Diese
Gattung von Antisemitismus widerstrebt selbst dem gewiß nicht juden¬
freundlichen Eeutrumsblatte „ Germania " , das aus Anlaß der Mit -
theilung , daß Ballin das ihm von Morgan angebotene Gehalt von einer
Million Dollars Äusgeschlagcn habe , offenbar an die Adresse der „ Staats¬
bürger - Zeitung " folgende Worte richtet : „ Herr Ballin ist in den letzten
Jahren in einem gewissen Therl der deutschen Presse jo oft und schwer
angegriffen worden , weil man ihm einen großen Einfluß auf den
Kaiser zuschreibt und wer ! er jüdischer Herkunft sein soll . Wenn das
Letztere richtig sein sollte , so hat — das muß jedermann , wenn er
ehrlich sein will , anerkennen — Herr Ballin in dieser großen wirth -
schaftlichen und politischen Frage des Schifffahrtstrusts einen
selbstlosen deutschnationaten Standpunkt eingenommen , dem
man die Anerkennung nicht verweigern kann . Wie viele seiner
Gegner würden sich mit einer Million Dollars Jahresgehalt ,
und sogar sehr viel darunter , für den Morgan - Trust haben
„ kaufen " laffen ! "
Wenn die ultramontane „ Germania " , die sonst im offenen Wider¬
spruch mit der Gesinnung der hervorragendsten Cenüumsführer eine
besondere Vorliebe für die Antisemiten hegt , sich so offen über ihre bis -
hörigen Schützlinge äußert , erklärt sich dies unschwer aus den Er -