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Fm Deutschen Reich,
Zahnarzt W. kam mit dem Schneider Ron sch auf dem Kurfürstendamm in Wortwechsel in dessen Verlauf Rönsch den Zahnarzt, der jüdischer Konfession ist, durch antisemitische Redensarten beleidigte und ihm zurief: „Gehen Sie lieber in den Schützengraben, Sie Drückeberger!" W., der als Zahnarzt bereits längere Zeit im Felde stand, meldete diesen Vorfall der Polizei, und der Staatsanwalt erhöh Anklage. In der Verhandlung wurde durch Zeugen die beleidigende Aeußerung bestätigt. Rechtsanwalt Dr. Reumond hob hervor, es. müsse mit besonderer Genugtuung erfüllen, daß die Staatsanwaltschaft in diesem Falle zur öffentlichen Anklage geschritten sei, und zwar gerade im Hinblick auf die konfessionelle Verbrämung, mit der der beschimpfende Ausdruck Drückeberger gebraucht wurde. Wolle das Gericht dem Sinne des Lröffnungsbefchlusses gerecht werden, so könnte es nur durch eine exemplarische Bestrafung des Angeklagten geschehen. Gerade im vorliegenden Falle, wo sein Mandant für das Vaterland schwere Dienste geleistet und krank ans dem Felddienst heimgekehrt sei, zeige es sich, welcher Anfng mit dem Ausdruck Drückeberger getrieben werde und wie -notwendig es sei, ausreichend Schutz dagegen zu gewähren. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu hundert Mark Geldstrafe und sprach dem Zahnarzt die Befugnis zur Publikation des Arteils zu.
Die Juöenfrage in Rumänien. Die „Morning Post/' meldet aus Jassy, daß sich die Indenfrage in Rumänien der Regelung zu nähern scheine. Die Regierung in! Jassy schlage vor, den Juden vollständige politische und bürgerliche Freiheit zu verleihen. Die russische Revolution und die Bewegung der Juden in Amerika zugunsten der Alliierten (?) habe in Rumänien eine große Rückwirkung . gehabt. Wie liberal die Regierungen doch werden, nachdem sie ihre Länder verloren haben!
Aeöex has Verhältnis unseres Heeres zum Antisemitismus schreibt Dr. Baerenwald - Frankfurt a. M, in völliger kleber- ernst immung mit den Ausführungen Dr. Weil's im letzten Heft unserer Zeitschrift, in einer Zuschrift an das ^,Lib. Indent/' u. a,: „Fm engen Zusammenleben, das der Krieg zur Folge hat, gewinnt man tiefere Einblicke in die Stimmung der Masse, als je zuvor, und dabei habe ich erneut das bestätigt gefunden, was ich immer erfahren hatte: In den breiten Schichten des deutschen Volkes hat der.Antisemitismus keinen Boden gefunden selbst nicht bei Leuten a u s s o genannte n antisemitischen Gegenden, wie O b e r h e s s e n u n d dem Siegerland. Hier draußen wird immer nur ge- f t r <tg t- ob man es mit einem anständigen, zuverlässigen Kameraden zu tun ha it und nicht, o b es sich um Jude oder Chr ist h and elt, uud sür d i e r i chtig e W ü r di g u n g der M e n s ch e n na d) b erv e in m e n schlichen Seite hin hat gerade d er gerne i n e Mj a nn in de r Regel einen sehr feinen Blick. Aus solchen Beobachtungen laßt sich die Hoffnung schöpfen, daß, wenn nach dem Kriege politische Parteien unter einseitiger Betonung der Vergehungen einzelner Glaubensgenossen einen neuen antisemitischen Feldzug ins Werk setzen wollen, der in letzter Linie gar nicht uns,Juden gilt, dann ein solcher Versuch diesmal an dem gesunden Sinn der Volksgesamtheit rasch scheitern wird . . . Wir alle aber müssen daraus bedacht- sein, in noch stärkerem Rkaße als bisher „innere'Mission" zu treiben und durch strengste Selbstzucht die Achtung der Andersgläubigen zu erringen und zu bewahren. Wir müssen schwarze Schafe, die sich bei uns ebenso finden, wie bei Katholiken und Protestanten, unnachfichtlich brandmarken und wir dürfen uns auch nicht immer
