Bücherschau
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herangebracht " . Religiosität wird subjektivistisch , im Sinne der Mystik , ge¬
faßt : als „ Ueberbau " der „ Volkskultur " , als metaphysische Krönung der
„ Renaissance des Judentums " , deren diesseitigen Abschluß die Wiederer¬
weckung der hebräischen Sprache bildet . „ Religion wird ( in den Extre - - '
men ) gleichgültige oder subjektive Mystik , ja sogar von einem außer -
religiösen Judentum kann angesichts des neuerp „ KulLurjuden -
Lums " gesprochen werden . ( Andererseits wird „ auch den Gesetzestreuen ein
wünschenswertes Ziel geboten : an alter geheiligter Stätte ihre Formen m
Wahrheit leben zu können " . ) Zweifellos richtet sich das Wollen , der Zio¬
nisten aus ein „ Letztes und Höchstes " ; sie glauben an eine religiöse Er¬
neuerung , sei es durch die „ Heimkehr " , sei es zu deren Vorbereitung , —
aber die Grundlage zu alledem ist nicht das Bekenntnis zur heiligen Lehre ,
sondern vitale Triebhaftigkeit . Nicht die gewaltige Unmittelbarkeit der Ver -
söhnungsidee ist es , an die sie anknüpfen , um den „ Dauergroll " zu über¬
winden , sondern die nebelhaften „ Instinkte " des Mystizismus sollen die
Judenheit leiten , um ihre „ Geschichte gleichsam von vorn zu beginnen " .
So stellt sich der Kulturzionismus als eine typisch romantische Geistes¬
richtung dar : mit dem sie kennzeichnenden Irrationalismus , der Verneinung
von Geschichte und Tradition , der Betonung des Blut - und Gefühls¬
mäßigen , den sprachschöpferischen Bestrebungen , der Zivilisationsflucht und
schließlich jenem „ Formalismus des Gefühls " , der „ feste materiale Halte¬
punkte und Werte erst für die Zukunft verspricht und deren Auffindung
dem , aus sich rollenden Rad " des in seiner Natürlichkeit zum Schöpfer wer¬
denden Menschen überläßt " . — Beim Gesamtüberblick gewährt der
„ geistige " Zionismus das Bild eines sozialen Vitalismus : der
„ jüdische Mensch und das jüdische Volk werden zum Selbstzweck , der sich
in der höchsten Leistung eigener Kultur erfüllen soll " . Für die Kritik
. ergibt sich daraus , daß der Kulturzionismus im großen das ist , was seine
Anhänger dem einzelnen Nichtzionisten vorzuwerfen Pflegen : A s s i Mi¬
lan t e n t u m ; er „ assimiliert die Judenheit in der Form eines realen
Volkes den Völkern " . Und er „ verkehrt den Wertvang in den geistigen
Elementen des Judentums " , was „ dazu führt , unter Judentum eine An¬
gelegenheit gleichen Wesens zu sehen wie etwa unter Deutschtum " . Das
ist der Grund , weshalb Strauß von einer „ inneren Krisis " spricht ,
die der Zionismus in sich birgt : „ Nur die heilige Lehre , der Glaube , gibt
hier einer Stammesgemeinschaft den auszeichnenden , echt solidarischen
Sinn , der an sich mit eigener Kultur nichts zu tun hat , nicht aus Lebens¬
gemeinschaften sich entwickeln kann und von irgendwelchen räumlich - zeit¬
lichen Ausformungen derselben unabhängig bleibt . Wird der Zionismus
nicht etwa über seinen Wirklichkeiten der Lehre vergessen , so muß der
Sinn des Judentums über ihn hinauswachsen . . . .
Seinen eigensten Platz einzunehmen ist . das Judentum nicht als Kultur -
erscheinung , nicht als Ideologie berufen , sondern als gelebter
Glaube . . . . "
• Dies ist in kurzem der Inhalt des Straußschen Büchleins . Hoffentlich
läßt die vorstehende gedrängte Darstellung bereits erkennen , daß dem Ver¬
fasser ganz besondere Anerkennung , der Schrift eine besondere Wertung
gebührt . Vielleicht zum erstenmal — von einigen Bemerkungen Constantin
Brunners in seinem „ Judenhaß " abgesehen - - ist hier der Versuch unter¬
nommen , den Zionismus nicht in seinen äußeren Wirkungen , seinen Er¬
scheinungsformen zu betrachten und zu beurteilen , sondern seinen Wesenskern
bloßzulegen und zu kritisieren . Diese kleine Schrift durfte denen , die auch
heute noch in kompromißlerischer Naivität den Streit zwischen Central -
verein und Zionismus für eine Angelegenheit des politischen Alltags halten ,
die Angen darüber öffnen , daß der Z i o n i s m u s ( in seiner nationalisti¬
schen Ausprägung ! ) eine Welt - und Lebensauffassung be¬
deutet/und daß ein beachtenswerter Erfolg im Kampfe gegen ihn nur denen