29 Einfluß des physischen Menschen auf den historischen » Lit . Skizzen und Berichte .
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Der Einfluß des phystschen Menschen auf den histo¬
rischen Menschen ; eine Betrachtung zur Wür¬
digung der jüdischen Gegenwart .
Ueber die Quelle vielfacher Nebel unserer Zeit und beson¬
ders über die verworrenen Zustände jüdischer Volks -
LhümNchkeit , laßt sich ! gar vielerlei Grämliches predigen ,
gar viel in Worten Erbauliches moralisirm , — ein Haupt¬
grund liegt in dem immer zunehmenden Uebergewicht des Ein¬
flusses , womit äußere Umgedungen , Bedingungen und Zustände
auf die Gestaltung und Ordnung des Lebens wirken , und wo¬
bei hie Geltung der Persönlichkeit beinah auf ein Minimum re -
- ucirt ist . In unserer ganzen Existenz spielen unzählige
Mächte , deren einige ihre Gewalt und Bedeutung offen zu
Tage legen , andere mehr imEStillen und Verborgenen , aber
darum nicht minder entscheidend . Die alltäglichen Gewohn¬
heiten und Bewegungen des gemeinen Lebens beherrschen , und
die alle dahin zusammen wirken , dis Vorzüge und Kräfte ,
welche an der Persönlichkeit hasten , unnütz oder gar unbequem
zu machen . Die Gelegenheiten , wo ein eigentümlich physi¬
sches Geschick , oder ein naiv ursprüngliches Noturgeprage des
Charakters sich geltend machen könnte , möglichst zu beseitigen ,
und die unwillkührlich gesunden Regnungea , kraft deren die
eine Neigung hier , die andern dort hinaus strebt , die Mannig¬
faltigkeit der Kräfte , die sich in eben so mannigfachen Gestal¬
ten und Tätigkeiten verkörpert , alle in einem gemeinsamen
Instinkt des Regelmäßigen und Gebräuchlichen verschwimmen
und aufgehen zu lassen . In unserm Privatleben , in allem
Verkehr zu Geselligkeit und Genuß hat sich die Convenienz
unter mancherlei Formen und Namen herrschend gemacht ;
und strebt immer mehr dahin , die Bedeutung der freien Per¬
sönlichkeit zu unterdrücken , die Lust des selbstständigen Gebäh -
rens , und die Kraft der - entschlossenen Selbsthilfe bis zur Un¬
gebühr zu beschränken . Die Beziehungen des Menschen zum
Menschen , der Grund und Boden für alle Humanität und
Sittlichkeit , sind durch die Einwirkung dieser Momente verun¬
reinigt oder ganz verschroben ; nicht mit der Person , sondern
mit einer aus gewissen äußeren Abtributen ahstrahirten Existenz
verkehren wir . Darum werden die frischen Erregungen , die
Lebendigen Wechselwirkungen des Umganges von Geschlecht zu
Geschlecht seltener und unkräftiger ; darum verschwindet die
Pietät , die Freundschaft , die Liebe immer mehr aus dem Leben .
Diese moralischen Agentim sind der reinste und höchste Aus¬
druck der Anziehung , die der volle Mensch auf den vollen
Menschen ausübt , sie sind das Resultat Verlebendigen Haltung
von Sinn mit Sinn , Geist mit Geist , Gmütth mit Gemüth .
Richtet die Menschen , um vermeinter Cultur willen , nach
Kategorien und Formen ab , von welchen das sinnliche Ge -
müthsleben nichts weiß , so wundert Euch nicht , wenn ihr
Zusammentreffen und Inemandergreifen , lediglich nach mecha¬
nisch - egoistischer Zweckmäßigkeit bes Verstandes , und nach dem¬
selben Chemismus der Leidenschaften erfolgt , und daß es Euch
mit Religion und Moral nicht gelingen will , das hinein zu
bringen , was da fehlt , die zeugende und beseligende Liebe . Das
Vollgefühl der Persönlichkeit muß fürs Leben ge¬
wonnen werden , um die Uebel der Zeit zu heilen .
Unter diesem Wallgefühl der Persönlichkeit verstehen wir
freilich etwas ganz anderes , als anmaßenden Dünkel oder rohen
Krasttrotz ; wir begreifen darunter die Einheit vom Bewußt¬
sein , Trieb und Gefühl , wodurch der gesunde , vollbärtige und
vollmächtige Mensch sich im Leben leicht und heimisch fühlt ; ,
vermöge deren er mit regen Sinnen und ungeschwächtem Muth
an den Stoff und die Arbeit seiner Existenz herangeht , so daß
er bei dem mühseligsten Werk seiner Hände die Lust des
Schaffens empfindet , und wiederum in der Lust des Spieles
aus innerem , ungeschwächtem Triebe seiner Kraft ein reges
Wirken und Gestallten - ethätkgt . Wir verstehen darunter die
tüchtige und harmonische Ausbildung physischer Kraft
und Fertigkeit , geistiger Einsicht ond Fähig¬
keit , kraft deren der Mensch dem feindlichen und freundlichen
Andrang der äußern . Lebensmächte widersteht , und die Freiheit
und Schönheit seines Wesens gegen Beide behauptet , weil er
sich höher fühlt , rmd weil der rüstige Geistesmuth , die tat -
lustige Kraft der Glieder ihn treibt , den härtesten Stoff zu
bewältigen und harmonisch zu gestalten , den weichsten und
nachgiebigsten zum festen Bilde und zum Träger einer geisti¬
gen Potenz zu formen . Dieses ist ein Ideal der Gesundheit
und Vollkommenheit , wozu die Menschheit heranreifen und sich
heranbilden soll ; d > nnn wird das irdische Leben seine höchste
Weihe und Verklärung erreicht haben , wenn es Allen und
Jedem eine ernste Arbeit , eine spielende Lust und eine sinnige
Kunst za gleicher Jsit ist .
( Schluß folgt . )
Literarische Skizze » und Berichte .
So eben ist Las vierte satyrische Sendschreiben von Dr .
Isaak Erter m hebräischer Sprache erschienen ( Prag ,
1840 ) , speciell überschricben " j ' Wn und unter dem gemein -
schastlichc » Namen htnw N ' ch rDUfi % Unter dem Titel
rrön , derS ch Q . U er , Spectator , hat Hr . Erter eine Reihe
von trefflich stylisirtcn witzsprühenden Aufsätzen abgefaßt , in welchen
er die Lhorheiten des Chasidäismus und die Verkehrtheitm der
pharisäischen , spätrabbinischen Lehrer auf das Unbarmherzigste
mit seinem Spotte durchgeißelt , namentlich die so tief wurzeln¬
den Lhorheiten der Mifch - galizischen Zustande . Das erste Schrei¬
ben aus diesem Werke veröffentlichte Hr . Erter schon 1823
in der Bikure - Ittim , unter dem Titel h ' ptö ' ö UiND , das
zweite im Kerem Chemed II . , unter dem Titel riDDnm nVTDnn ,
das dritte unter dem Namen \ JD nu ^ n