die Shaw - Kommission gar kein Interesse zugewandt . Im allgemeinen wurde erklärt ,
daß die Shaw - Kommission es als ihre Hauptaufgabe betrachtet habe , die Palästina -
Administration reinzuwaschen . Aus Loyalität gegenüber den Kolonialbeamten mußte
der Bericht so konstruiert werden , daß die Verwaltung von tieferer Schuld freibleibt .
Dies konnte nur dadurch geschehen , daß man die Aufgabe der Verwaltung als schlecht¬
hin undurchführbar charakterisierte . Dies wollte also der Shaw - Bericht tun . Unter
diesen Gesichtspunkten wurde von den Organen der Jewish Agency der Kampf gegen
den Shaw - Bericht geführt , und es wurde angekündigt , daß eine ausführliche Antwort
gegen den Bericht vorbereitet wird . Der Präsident der Jewish Agency Dr . Weizmann
veröffentlichte im „ Manchester Guardian " eine Polemik , in welcher er die Fest¬
stellungen des Berichtes bestritt und nachdrücklich erklärte , ohne Einwanderung und
Boden gäbe es kein Nationalheim . Die Haltung der englischen Regierung war von
Anfang an zweideutig . Mitglieder der Regierung erklärten wiederholt , eine Ein¬
schränkung der Einwanderung werde erforderlich sein , zugleich aber wurde ver¬
sichert , daß sich an der Durchführung des Mandats nichts ändern kann . Seitens der
Jewish Agency wurde wiederholt bei der Regierung interveniert . An diesen Aktionen
beteiligte sich außer Dr . Weizmann auch Felix Warburg , ferner Lord Melchett , Lord
Reading und der Präsident des Waad Leumi Herr Rutenberg . Da zur selben Zeit
die arabische Delegation in London ihre Forderungen vortrug , hatte die Agency
sich auch zu diesen Forderungen zu äußern . Es wurde der Regierung klargemacht ,
daß die arabischen Forderungen für die Juden unannehmbar sind und Konzessionen
an die Araber als Verletzung des Mandats betrachtet würden . Die Araber , die ur¬
sprünglich vor allem die Schaffung einer demokratischen Volksvertretung und kon¬
stitutionellen Regierung gefordert hatten , wurden durch den Shaw - Bericht ermutigt ,
als weitere Hauptforderungen die Einstellung der jüdischen Immigration und die Ver¬
hinderung des Bodenverkaufs an Juden aufzustellen . In den weiteren Verhandlungen ,
die die Regierung unter Teilnahme MacDonalds einerseits mit den Arabern , anderseits
mit der Jewish Agency führte , ergab sich die Unmöglichkeit , die beiden Standpunkte
in Einklang zu bringen . Am 13 . Mai mußte daher die Regierung die arabischen For¬
derungen offiziell zurückweisen , wodurch die Besprechungen zu einem Ende gekom¬
men waren . Die Araber verließen London mit einer Proklamation , worin sie in Aus¬
sicht stellten , sie würden jetzt die ganze mohammedanische Welt zu Hilfe rufen , um
Palästina vor der Vergewaltigung durch die zionistische Politik zu retten . Inzwischen
hatten die Protestresolutionen der indischen Mohammedaner ihren Eindruck auf die
Regierung nicht verfehlt . Die Regierung war offenbar auf den schnellen Abbruch der
Verhandlungen nicht gefaßt , aber es lag ihr daran , sichtbar zu beweisen , daß unab¬
hängig von den Forderungen der arabischen Delegation die Mandatarmacht selbst die
nichtjüdischen Interessen in Palästina schützt . Aus diesem Grunde wurden am 14 . Mai
2300 Einwanderungszertifikate , die kurz zuvor von der Palästinaverwaltung bewilligt
worden waren , wieder zurückgezogen , was in der gesamten jüdischen Welt eine außer¬
ordentlich große Erregung hervorrief . Zum erstenmal griff der palästinensische
Jischuw zu dem Mittel des Proteststreiks , und in allen jüdischen Zentren wurden
unter großer Beteiligung der Juden aller Schichten Protestkundgebungen abgehalten ,
deren Beschlüsse den englischen Vertretern in dem betreffenden Lande überreicht
wurden .
Die Jewish Agency fühlte sich offensichtlich durch das Verhalten der englischen
Regierung und insbesondere des Colonial Beamtes brüskiert . Auf Grund der Kritik
des Shaw - Berichtes hatte man angenommen , daß die jüdische Forderung nach Ent¬
sendung eines politischen Kommissärs , der alle Implikationen der Judenfrage kennt