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außer aller Frage , die gerade Angesichts des Ern¬
stes unserer Zeit das Preisgeben unseres Religions¬
gesetzes fordern . Gewiß wäre jeder Verdacht nach
dieser Seite hin eine Ungerechtigkeit . Aber gerade
deßhalb ist dieser verhängnißvolle Jrrthum um so
beklagenswerter . Weil Gottes Gesetz dort aufge¬
hört hat ein Faktor zu sein , dem man einen prak¬
tischen Einfluß auf die Geschehnisse des Tages ge¬
statten oder zutrauen möchte , weil man glaubt der
Judenheit am besten dienen zu können , wenn man
über die Satzungen des Judenthums zur Tages¬
ordnung übergeht , kurz weil die Betonung dieses
Standpunktes als eine Naivität erscheint , über die
es sich gar nicht lohnt ein ernstes Wort zu verlie¬
ren , deßwegen ist es doppelt und dreifach geboten
dieses Wort zu sprechen . Wohl sind die Vertreter
des gegnerischen Standpunktes zur Zeit noch weit
entfernt einem solchen Worte Gehör oder gar Be¬
achtung zu schenken . Es wendet sich daher zunächst
auch nicht an diese , sondern an den gleichgesinnten
Kreis , an die treuen Anhänger des von den Vätern
überkommenen Judenthums .
Was wäre doch für unsere Sache in unserer
Zeit gewonnen , wenn hier in unserem engsten Kreise
diese Wahrheit entschieden und rückhaltlos durch
die Thal besiegelt würde ! Wir haben Männer , de¬
ren Leben und Streben , deren Sinnen und Trach¬
ten mit jeder Fiber und Faser dem Judenthum ,
dem einzigen , wahren , unverfälschten , orthodoxen
Judenthum gehört ; Männer , deren ganzen Leben
ein einziges Tön p - ip , ein fortgesetztes beständiges
Opfer ist , das sie mit einer Hingebung sonder
Gleichen der Thora , Awoda und Gemillut Chasso -
dim weihen , Männer , die von der Wahrheit , der
wir hier das Wort reden , so tief durchdrungen sind ,
wie man nur davon durchdrungen sein kann ,
und sie ziehen die Consequenz dieser Wahr¬
heit nicht , sie geben ihr nicht den vollen , unverkürz¬
ten Ausdruck , ja sie verleugnen sie geradezu in dem¬
selben Augenblicke , in dem sie ihr zu dienen wäh¬
nen ! Das ist der Jammer , der einem das Herz
brechen kann . Der Jammer , den unser großer
Lehrer in die Wote kleidete : wüw ah p
ny - > b \ 3yctP ’ ■ pNi Wie können wir bei der Zer¬
fahrenheit unter den nächsten Gesinnungsgenossen
an die Möglichkeit eines Verständnisses mit unseren
Gegnern denken !
Man begegnet in der jüdischen Publicistik heute
vielfach der Mahnung , angesichts des Ernstes der
Lage müssen alle Verschiedenheiten der religiösen
Richtungen zurücktreten , wir müßten Mann an
Mann , Schulter an Schulter dem gemeinsamen
äußeren Feind gegenüber stehen .
Wir gestehen , daß wir diese Mahnung , wenn
sie mehr als eine schöne Redefloskel sein soll , nie
verstanden haben , und daß dieses mangelhafte Ver -
ständniß sich zur vollkommenen Unbegreiflichkeit
steigert , wenn wir ihr bei Vertretern des gesetzes¬
treuen Judenthums begegnen .
Man verwechselt hier offenbar unser äußeres
Geschick mit unserer Aufgabe . Was das erstere
betrifft , so ist eine solche Mahnung mindestens über¬
flüssig und hinsichtlich der letzteren ist sie unmöglich
ohne Verkennung und Preisgebung unseres Stand¬
punktes .
Die Wolken , die sich über uns zusammenziehen ,
ziehen sich unterschiedslos über uns allen zusammen .
mob juw pu proo mn pw « ? p ' 2 . Wir
haben auch nie gehört , daß Jemand unsere Zusam¬
mengehörigkeit nach dieser Sette hin in Abrede ge¬
stellt hätte , daß es deshalb erst einer Mahnung
zur Einigkeit bedurfte . Dafür sorgen schon unsere
Feinde genügend .
Anders ist es mit der Aufgabe , die eine solche
Zeit an uns stellt , um ihren gehässigen Ausgebur¬
ten mit Erfolg zu begegnen . Hier gehen die Ge¬
gensätze wie Ja und Nein , wie Sein und Nicht -
Sein auseinander . Die einen erblicken die Wurzel
des Uebels in unserer Zeit und ihren eigenthüm -
lich complicirten politischen und socialen Constel -
lationen . Wir sind von der Wahrheit durchdrungen
nbtyb rwa nvayv © pn und erblicken
sie in uns selber . Die einen glauben der feind¬
lichen Strömung des Tages durch laxere Handha¬
bung des Reltgionsgesetzes entgegentreten zu müssen ,
während wir überzeugt sind , daß gerade die gering¬
schätzige Verachtung unseres jüdischen Berufs diese
göttliche Fügung heraufbeschworen hat , um uns zu
unserer Pflicht zurückzurufen . Was der einen An¬
schauung das Heilmittel ist , ist der anderen die
Krankheit . Ein » w prö rwyV ist eine voll¬
ständige Unmöglichkeit .
Wenn bei diesen grundlegenden Momenten
eine solche tiefgehende Meinungsverschiedenheit wal¬
tet , wo soll da um Himmelswillen die Etnmüthig -
keit für ein gemeinsames Handeln hergenommen
werden ?
Soviel steht fest : Wer dem Judenthum heute
dienen will , muß sich rückhaltlos zu ihm bekennen .
Mit Protesten und Erklärungen ist ihm nicht ge¬
dient . Man überschätzt die Bedeutung des gedruck¬
ten Wortes , das von unseren Feinden , sowie das¬
jenige , das von unseren Freunden ausgeht , und
unterschätzt die That . Wenn der jüdische Sprach -
geist seine großen Männer feiern will , so sucht er
sie nicht bei den ’ bw , bei den Männern der
Sprache , sondern bei den ntpyö nw « , bei den Män¬
nern der That .
Wenn heute schweres Verhängniß über uns
schwebt und jüdische Männer treten zusammen , um