Sette 12 Nr. 40.

Der Israelit

1. O tiker l:»08~

keine Grenzen- bescheiden und anspruchslos, von tiefer Frömmigkeit durchdrungen, war ihr Leben vorbildlich und mustergtltig. Wer das Glück hatte, die Verblichene zu kennen, wird den Verlust, den die Familie betroffen hat, mitfühlen und das Andenken der Verblichenen stets be­wahren. An der Bahre der Verstorbenen hielt Sr. Ehrw.

t err Oberrabbiner Kalman Weber eine zu Herzen gehende rauerrede und entwarf ein treues Bild vom Leben der Dahingeschiedenen.

London, 21. Septbr. Am Sonntag, 20. d. Mts. (erster Tag Selichos), feierte Herr Simon Münz (früher an der Synagoge am Börneplatz in Frankfurt a. M. tätig) sein 2ojähriges Jubiläum als Kantor an der North London Synagoge. Dem Jubilar wurde eine künstlerische Gedenktafel überreicht, unterzeichnet von den führenden Mitgliedern und dem Rabbiner, sowie eine Geldgabe, zu der frühere und jetzige Mitglieder der Gemeinde reichlich beisteuerten. Zu der Feier war eine so große Anzahl Von Mitgliedern mit ihren Familien erschienen, daß der Raum sie nicht alle fassen konnte.

Jerusalem, 18. Sept. Hier ist heute der bekannte Maler Hirzenberg gestorben. Er war Lehrer an der jüdischen Kunstschule Bezalel.

Sprecdraal.

Die Betriebssicherheit der Schechitah.

Zu ihrem Artikel in Nr. 37Die Betriebssicherheit -er Schechitah" gestatte ich mir zu bemerken, daß in der allerjüngsten Zeit Herr Direktor Schneemann, Direktor des Bremer Schlachthofes, einen Niederlegeapparat er­stürben hat und ihn patentamtlich schützen ließ. Der Apparat wurde verschiedentlich in Gegenwart dec Schächt- rommiffion erprobt und erwies sich in seiner Verwendbar­keit als durchaus empfehlenswert. Er unterscheidet stch von vielen anderen ähnlichen Apparaten dadurch, daß nur eine Winde erforderlich und darum auch auf den ein­fachsten Plätzen ohne jegliche besondere Vorrichtung Weraus leicht zu hantieren ist, dann aber auch durch seine Billigkeit im Verhältnis zu vielen ähnlichen Apparaten. Er kostet ca. 50 Mk. und ist stark gebaut, sodaß er lange Zett Vorhalten kann. Es dürste vielleicht auch hervor- gehoben werben, daß eS stch bei dieser Erfindung nicht etwa um ein Geschäftsunternehmen handelt, da der Rein­gewinn zu wohltätigen Zwecken, zu gleichen Teilen an christliche und jüdische Arme verteilt werden soll, wofür wir dem hochherzigen Erfinder schon jetzt auch a» dieser Stelle herzlich danken wollen.

Da ich nun einmal beim Schreiben und bei der Schechitah bin, möchte ich auch auf eine andere Beob­achtung Hinweisen. Es wird . on den Schächtgegnern des öfteren darauf hingewiesen, daß das Tier nach dem Schächtschnitt noch mehrere Minuten Zuckungen aufweist, Woraus bekanntlich eine Tierquälerei konstattert werden soll. Unsere Schächtkommisfion hat es stch in der letzten Zett angelegen sein lasten, Vergleiche anzustellen, und ich selbst habe des öfteren schon mit Uhr in der Hand die verschiedenen Tötungsarten beobachtet. Abgesehen davon, daß die Natur nicht bei allen Tieren die gleiche ist, das eine früher und das andere später verblutet, ist es doch Tatsache, daß auch bei den mit der Pistole geschossenen Tieren dieselben Zuckungen mehrere Minuten zu beobach­ten find. Es wurde ein Tier dreimal geschossen. Nachdem eS beim dritten Schuß niederste!, wurden acht Hammer­schlage gegen den Kopf geführt und dann erst von dem Schlachtergefellen der Hals aufgeschnitten. Also eine dreifache TötungSart bei einem»Tier, und nach dieser dreifachen TötungSari beobachteten wir noch etwas über drei Minuten hefttge Zuckungen. Länger dauerten die Zuckungen auch bei dem gefchächteten Tier nicht. Dabei wird jeder Kundige bezeugm können, daß das dreimalige Schießen noch normal zu nennen ist. ES werden auch fünf und sechs Schüsse abgegeben. Ich selbst beobachtete vorige Woche, daß ein Tier viermal angeschossen wurde. DaS vierte Mal blieb der Bolzen im Kopf des Tieres stecken und der Schießer mußte seine ganze Krast auf- wmben, um ihn herauszuziehen. Das Tier aber stand noch immer aufrecht da, biß der Hammerfchlag eines handfesten S chlachiergesellen es ntederstreckte. Wie man angesichts solcher Tatsachen die rituelle Schächtatt als die grausamere bezeichnen kann, muß jedem Augenzeugen unverständlich bleiben.

Bremen, den 18. September 1908.

- Rabbiner Dr. Rosenak.

Uereinskalender.

Verein Mekor-Chajim, Samstag, 3. Oktober, Nachmittags 3 s / 4 Uhr, Mikro-Vortrag des Herrn I. Bender.

Briefkasten.

D. H. Ja. Hier in Frankfurt ist nbsn JttT für 2^V!2l nroa ungefähr auf die gleiche Stunde an- verauml.

S. F. Kommt leider zu spät. Da Sie mit der Veröffentlichung gewiß nicht bis zum nächsten Jahr warten wollen, senden wir Ihnen das Manuskript bankend zurück.

H. H. in W. Am Freitag, den 14. Oktober 1892. Ä. L. in B. Der in Nr. 38 abgedruckte Nachruf auf Bankier Maschler in Tarnow bezieht stch auf Joachim Maschler, Sohn deS Herrn Hermann Maschler.

Dr. G. R.7 in Di. Sch. Konnte wegen Raummangels bis jetzr nicht erscheinen-

Bk. in M. Die Entscheidung steht noch aus.

P. M. m ft. Beide Fragen bedürfen der Ent­scheidung eines Rabbiners. ,

. H. L. Wir sind mit Festerzählungen für dieses Jahr reichlich versehen.

inderecke.

Soladiti

Brn E. «.

(Schluß.)

Das Fest ist vorüber. In der Schule reiht sich Ruth, von den anderen gemieden, Mit­schülerinnen an, die gerade nicht zu den bravsten gehörten. Am Nachmittage ist Zeichenstunde. Du, Ruth," rufen ihr die neuen Freundinnen zu,heute haben wir uns was Feines .ansge­dacht. Tie langweilige Zeichenstunde soll wun­derschön werden!"

Widerstandslos läßt Ruth in den Plan sich einweihen und schlägt ein, ohne recht den Sinn begriffen zu haben. Der Unterricht beginnt. Ruth beugt sich tief über ihr Heft. Bleistift und Gummi werden fleißig in Tätigkeit gesetzt. Plötzlich fliegt ein Briefchen auf ihr Heft. Aha! Der Bund kündigt seine Arbeit an. Verstohlen schaut sie hinein. Da erblickt sie die Karikatur, des Zeichenlehrers. Wenn Herr Bär sie sähe! Das Blättchen entfällt ihren Händen. Sie bückt sich darnach. Gerade hat sie sich aufgerichtet, da fragt der Lehrer, welcher sie beobachtet hat: Was hast du da in der Hand?"

Ruth erschrickt heftig. Auf Befehl des Leh­rers geht sie zitternd und wankenden Schrittes ans Katheder, reicht den Zettel hin und bleibt stehen. Es ist ihr, als müsse die Diele des Schulzimmers sich öffnen und sie tief, tief hin­unterstürzen in das Erdreich. Sie wartet auf diese Erlösung. Nichts von alledem geschieht.

Setzen!"

Ehe sie weiß, wie es zugeht, sitzt sie wieder auf ihrem Platze und kann nun über die Art der Strafe Nachdenken, die ihr werden wird.

Ich hab's doch nicht getan!" denkt sie Ver­zweiflung sv oll.Aber verraten darf ich doch auch nichts."

Die Minuten schleichen langsam dahin. Ein würgendes Schluchzen fitzt ihr in der Kehle. Da! Ein Glockenschlag. Die Stunde ist aus. Jetzt wird die Strafe kommen. Doch nein! Herr Bär entfernt sich, ohne ein Wort an sie zu richten.

Ruth ist am Ende ihrer Kraft. Morgen wird das Strafgericht einbrechen. Herr Bär wird dem Herrn Rektor die Zeichnung vorlegen und

dann-. Laut auffchluchzend schlägt sie die

Hände vor das Gesicht.

Mach' dir nichts draus!" ruft die Ber- fertigerin der Karrikatur.Wie dumm, daß ihr andern sie nun nicht sehen könnt! Schneidig war sie! Ob Herr Bär sie wohl einrahmen wird?"

Unter schallendem Gelächter stürzt die An­stifterin des Unheiles aus dem Zimmer, von ihren Trabanten gefolgt.

Pfui!" ruft ihr Recha nach,wie kannst du nur so unehrlich und feige sein! Du mußt morgen sagen, daß du die Zeichnung gemacht hast."

Fällt mir nicht im Traume ein," tönt es

zurück.

Recha wendete sich an Ruth.Komm Ruth!" Still gehen die Kinder nach Hause. Recha schüttelt die Hand der Freundin veim Auseinandergehen.

Danke!" flüstert Ruth.

Unbemerkt gelangt sie in ihr Stübchen. Die Schularbeiten für den kommenden Tag sind ihr eine willkommene Atüenkung. Bor dem Zubette- gehenleint" sie dasKrias <Scfymä" mit besonde­rer Innigkeit.Lieber Gott, laß alles gut wer­den!" flüsterte sie vor dem Einschlafen»

ur. Wt-J. -rf

Am andern Morgen tritt die treue Recha gemeinsam mit ihr den Schulgang an. Der Un­terricht nimmt seinen Anfang. Äentzstlich beob­achtet Ruth die Türe. Es klopft! Gleich wird der Herr Rektor eintreten. Spannung liegt aus den Gesichtern der Mitschülerinnen. Nein, er ist es nicht! Eine Langjchläferin tritt verlegen auf das laute Herein des Klassenlehrers ein. In der Zehnuhrpause ist die übermütige Schul­dige ganz aus dem Häuschen vor Freude über das Ausbleiben des Rektors.Na, Ruth, steck' deine saure Miene ein, du Angsthase!" ruft sie dem geängstigten Kinde zu.Komm zu uns, wir nehmen dich Unschuldslämmchen wieder in Gnaden auf!"

Ruth wendet sich von ihr ab. Hand in Hand geht sie mit der Freundin dem Spielplätze zzr.

Ich glaube auch," sagt jetzt Recha,dast Herr Bär die Sache ganz vergessen hat." Ruth schüttelt den Kopf.

Um die Freundin abzulenken, fragt Recha: Wirst du diesen Jom Kippur ausfasten?"

Natürlich!" bejaht Ruth,ich bin ja schon zwölf durch."

Ich faste schon zum zweitenmale ganz aus," bemerkte erstere.

Freust du dich drauf?"

Ruth nickt eifrig. Wie hatte sie doch Schwester und Bruder beneidet, die schon so oft zu den Großen gerechnet wurden. Nun soll die Freude des ersten Fastens durch einen solchen Kummer beeinträchtigt werden. Da gedenkt sie des Vaters Ermahnung, die Zeit vor dem Versöhnungstag richtig zu benutzen. Sie faßt einen Entschluß.

Ich gehe zu Herrn Bär," sagt sie aus ihrem Denken heraus.

Am Nachmittage, gleich nach der Schule, wandern Ruth und Recha der Wohnung des Zeichenlehrers zu. Mit Herzklopfen steht Ruth vor der Türe. .Hätte die treue Begleiterin nicht rasch die Glocke gezogen, sie wäre wohl wieder fortgelaufen. Die Türe wird geöffnet. Recha tritt beiseite. Leise klopft Ruth an.

Nur herein, mein Kind," ertönt es von innen.

Verlegen nähert sich Ruth dem Schreibtische, vor dem Herr Bär sitzt. Hilfesuchend läßt sie die Augen herumschweifen. Da, oh Entsetzen! erblickt sie die Karikatur aus dem Schreibtische. Sie kann den Blick nichts davon abpienden.

Nun, Ruth," ermuntert sie der freundliche Lehrer,du wünschest?"

Der milde Ton bringt sie zum Weinen.Ich, ich hab's nicht getan!"

So! du kommst also, um andere anzu­klagen!"

Nein, ich verrate niemand; aber ich ich" Erneutes Schluchzen.Ich, bi bitte um Verzeihung, weil ich so ungezogen war und und der Versöhnungstag ist über­morgen."

Daß du die schone Zeichnung nicht mach­test, wußte ich sofort," sagte der Lehrer mild. Kenne ich doch deine wenig kunstgeübte Hand, daß du die Uebeltäterin nicht nanntest, gefiel mir. Darum verzeihe ich dir dein ungehöriges Betragen von gestern. Aber sage, Kind, was war mit dir vorgegangen, wie konntest du dich den Wildesten angesellen? Ich erkannte dich nicht wieder."

Unter anfänglichem Stottern kommt der Sachverhalt heraus. Ruth schont sich nicht. Ernst hört Herr Bär zu.Siehst du, Kind," sagt er dann ernst,da hast du schon in jungen Jahren die Wahrheit des Schillerscheu Wortes kennen gelernt:Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, nur Böses kann gebären." Du hast eine heilsame Lehre erhal­ten. Vergiß sie nicht."

(Wegen Raummangels infolge An­häufung aktuellen Stoffes mußte eine Reihe von Artikeln, sowie die Literarische Warte zurückgestellt werden, was unsere geehrten Mitar­beiter freundl. entschuldigen mögen.

Die Redaktion.)

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