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D e r Israelit

19. Juni 1930

Glocken einsetzten, waren sie in der Schul und in der Klaus des Gaon, fröstelnd und zitternd trotz der goldenen FrühlinZsfomie, zum G'ttes- dienste des zweiten Festtages versammelt.

Drüben riefen die Glocken aus allen Tür­men, als wollten sie sich überschreien, gegenseitig verschlingen. Als sie plötzlich mit einem Rucke einhielten, war Todesstille auf dem weiten Platze, der schon seit Morgenfrühe von Menschen dicht umsäumt war. Von der Kathedrale kamen Orgelklänge her und getragene dunkeltönige Chöre. Wieder Stille. Und wieder setzten die Glocken ein, dünne und dumpfe, Helle und grelle Klänge schmolzen ineinander. Das Hauptportal der Kathedrale ging in weiten Flügeln auf, und eine Menge strömte eilend und drängelnd her­aus, um noch die letzten Plätze zu besetzen. Durch die kleinere vergoldete Türe kam langsam 'und barhäuptig die Geistlichkeit herausgetreten, die Bannerträger und Chorknaben mit Meßglöcklein voran. Die goldbe.setzten weißseidenen Togos der Geistlichen glitzerten in der Sonne. Dazwischen der feuerrote Purpur der fremden Eminenz. Un­ter leisem monotonem Gesänge, der von dem mächtigen Glockengeläute halb verschlungen wurde, bewegte sich die Prozession- bis zur Est­rade, deren untere Sitzreihen bereits von den Gästen belegt waren. Die Menge machte ehrer­bietig eine Gasse. Die Herren stiegen gemessenen Schrittes und gebückten Hauptes zu ihren rotbe­legten Plätzen hinauf. In dem etwas vorgeschobe­nen Ehrensessel leuchtete das Rot des Purpurge­wandes. Die Glocken schrieen immer noch.

In der Aufregung des Augenblickes gewahrte man kaum den kleinen geschlossenen Wagen, der hinten dahergerollt kam. Große Gesellen mit Spieß und Lanze schoben sich unter Flüchen und Püffen durch die Menge, etwas vor sich her­schiebend. Und schon stand, man wußte nicht wie, vor der ob erstens Stufe auf einem Vor­sprunge vor dem Sessel der Eminenz, allem Volke weitsichtbar, eine Menschengestalt in schwarzem Büßergewande, die Hände auf den Rücken ge­bunden. Än diesem Moment verstummten die Glocken nacheinander, unwillig, mit letztem ab­gebrochenen Getöne. Aus dem flachen grauen Erdkessel zwischen dem Eisengitter loderte und prasselte es hell auf. Ah! ging es durch die er­regte Menge.

(Fortsetzung folgt.)

Die Westmauer und ihre Bedeutung.

Von Nabb. Dr. Mose; Auerbach in Berlin.

Wir entnehmen die nachfolgenden warm­herzigen Ausführungen der letzten Nummer der ^Mitteilungen" der P a I ä ft i n a zen­trale d er A g u d a s I i s r o e l. Die Nummer enthält interessante Berichte über die Entwicklung des agudistischen Schulwerkes und propagiert die Einführung einer täg­lichen P f e n n i g f p e n d e der Schulkinder zur Speisung ihrer kleinen Brüder und Schwestern im heiligen Land.

Die erste Mischna des^ zweiten Abschnittes des Trak­tates Middoth lehrt, daß der Tempelberg von einer 500 Ellen langen und breiten Mauer umgeben war. Die Westmauermyajjyd ist der Rest dieser Mauer, nicht der Tempelhalle (mt?). Daher dürfen auch alle ohne Rücksicht auf die beim Betreten des Tempelberges zu beachtenden Reknheitsvorschriften von Jerusalem aus an die Mauer herantreten.

Ein Xeil der heute noch bestehenden 4 Meter langen Mauer ist verbaut. Nur 28 Meter liegen frei. In einer Höhe von 18 Metern ragt die Mauer über den vor ihr liegenden Platz empor. Ein großer Teil der Mauer ist in der Erde .unterhalb der Platzhöhe. Ur­sprünglich lag ja zwischen dem Zion und dem Morija ein Tal, das aber längst verschüttet ist, so daß man. von Jerusalem aus lommenb, gar nicht das Gefühl hat daß der Morija ein Berg ist. Nur nach Süden und Osten fällt er in die Täler Nefaim und Ki- dron ab.

24 Steinreihen erheben sich an der Mauer. Die neun unteren sind gewaltige Quadern von 1 nral 1,50 Meter. Sie staminen aus alter Zeit, zumindest aus der Herodianischcn. Die nächsten vier Reihen mögen der späteren römischen Zeit angehören, die obersten, ver­hältnismäßig niederen Steinreihen sind erst nach der arabischen Eroberung aufgesetzt.

Wie hoch die Mauer zur Tempelzeit war, ist im Talmud nicht angegeben. Da aber die Tore 20 Ellen hoch waren, muß die Mauer höher gewesen sein. Nach deni Aristeasbrief soll die Höhe 70 Ellen betragen haben.

Jahrhunderte lang war die ganze Mauer verschüttet. Erst nach der Eroberung Jerusalems durch den türkischen Sultan Selim. (1517) wurde der heute sichtbare Teil sreigelegt. Nach einer Legende habe der Sultan beobach­tet wie eine alte Frau aus einem Nachbardorfe Abfälle auf eine Stelle am Rande des ehemaligen Tempelplatzes warf. Auf seine Frage nach der Bedeutung ihres Tuns hätte die Frau geantwortet, es sei eine Ileberlieferung. daß hier die Stelle des Tempels sei. Weil die Römer die Grundmauern nicht vernichten konnten, sei es eine Vorschrift, daß die Bewohner der umliegenden Dörfer hier Abfälle hinwerfen sollten, damit die Stelle nicht mehr zu erkennen sei. Daraufhin habe Selim besohlen, den Schult wegzuräumen. Um zur Arbeit anzufeuern habe er Münzen in die Erde graben lassen. Wer sie fand, durste sie behalten. In kurzer Zeit sei die Mauer in ihrer heutigen Höhe freigelegt worden.

Seit der Zerstörung des Tempels war die Wsst-

mauer die heiligste Gebetsstütte Israels. Hier fühlten unsere Ahnen wie wir die E'ttesnähe. Niemals ist die gütliche Majestät von der Westmauer gewichen, (Schemot r. II). 400 Jahre hindurch durften wir ungestört hier beten und weinen. Tausende und Abertausende von Juden aus allen Ländern der Diaspora haben hier ihr Herz im heißen Gebet vor E'tt ausgeschüttet. Alles jüdische Blut und alle Tränen, die in den Ländern der Eola vergossen wurden, fanden hier ihren Widerhall. Vor

den verwitterten Steinen der Mutter Zion weinten sich die heimkehrenden Söhne und Töchter aus, das eigene

Leid und die Leiden der Gesamtheit ihr vorklagend. Hier ist die Stätte, wo ganz ungehemmt der Schmerz Israels sich in Worten und stummen Tränen äußern durfte. Alles Fühlen und Sehnen der Juden fand hier seinen

Ausdruck. In der Nacht vor dem 9. Aw sehen wir einen stillen Zug .lautlos durch die engen Gassen zur Kauthel Maarowi ziehen. Eine kleine Laterne wird vorangetragen. Gebeugten Hauptes schreiten Greise, Männer und Kinder daher. Es iit ein Trauerzug. das furchtbare Unglück zu beklagen, das uns mit der Zerstörung unseres Heilig­tums vor mehr als 1800 Jahren getroffen. Hier ist es nickt Vergangenheit, hier ist es Gegenwart. Mitfühlend scheint der Mond von dem dunkelblauen Nachthimmel Jerusalems herabzublicken, als erinnere er sich in dieser Nacht der letzten "Nacht, da der Tempel noch gestanden. Wie er am nächsten Abend eine brennende und rau­chende Trümmerstätte auf Morisa's Höhe mitleidig be- schien. als das Geröchel der Todwunden und der Jam­mer der dem Tode und der Gefangenschaft entgegensehen- den Ueberlebenden zu ihm aufstieg. Und dann, wie alljährlich in den vielen Jahrhunderten immer wieder treue Söhne des G'ttesvolkes in dieser Nacht, oft in scheuer Heimlichkeit, zur Mauer gingen, um zu weinen über das Exil Israels und der (gütlichen) Sch'china. Und der lautlose Zug geht weiter, bis er zur Mauer gelangt. Eine Stimme beginnt leise, dann immer inehr anschwellend, die alten Klagegesänge der Psalmen und der Propheten und der g'ttbegnadeten Männer der spä­teren Zeit. Es ist Mitternacht. In schauerlich erheben­der Weise vereinigt sich die laute Klage der Menschen mit der Stimme der uralten Steine der Mauer. Sehn­suchtsvoll schließt der Gesang. Für einen Augenblick spürt man schon die Erhörung. Hinter der Mauer sieht man schon den neuen Tempel sich wölben. Doch es war ein kurzer, heller Blick in das Kommende. Die Hoffnung macht wieder Matz dem Schmerze. Langsam erhebt man sich von der Erde, und lautlos, wie sie gekommen, ver­schwinden die Männer. Gebeugten Hauptes suchen sie für den Rest der Nacht das harte Lager der Trauer auf.

Ein anderes Bild. Strahlende Sonne überflutet Jerusalem. Es ist der erste Tag des Pefsachfestes. Hunderte und Tausende von Feiertagsgewändern und Feitesstimmung strömen durch das Jaffator in die Alt­stadt Jerusalems. Keiner fragt nack dem Wea. Sie alle wissen: ein Ziel haben sie alle, die Kothel Maarowi. Der schmale Platz ist übervoll und doch klagt niemand über die Enge. An der ganzen Länge der Mauer stehen die Betenden. Aschkenasim und Sephardim, Gursim und Bucharim. Maarowim und Temonim. Der eine kam vor wenigen Tagen aus Amerika, fein Nachbar aus Austra­lien. Neben dem deutschen Inden geht der Südafrikaner. Sie alle sind heute eins. Ort und Zeit verschmilzt hier am uralten Ort der Heiligkeit. Hier gibt es keine Schei­dung noch Miirhag. Dort in der Ecke beginnt ein jeme­nitischer Vorbeter das Musafgebet; Sefardim und Asch- kenasini antworten ihm. Hundertfältig erhebt sich an den alten, weißen Steinen, die heute in der Festessonne glänzen, das dreifache Kodausch der Keduscha. Fast fühlt man sich drinnen im Tempelhof. llnd jubelnd, stolz de­mütig. ertönt das ,,Ato bechartonu". Uns hast Du er­wählt! Doch plötzlich ein schmerzliches Zucken ,.Umipnei chatoeinu". Wegen unserer Sünden mußten wir in die 'Verbannung ziehen. Nicht können wir heute die Festesopfer drinnen im Tempel bringen. Noch ruht über ihm die strafende Hand. "Mitten im Jubel des Feitgebetes überkommt uns der Schmerz, mehr noch über die Zerstörung de« Heiligtums als über das bittere Ge­schick des Eriks. Doch schon ertönen, andere Weisen. ,,W'hawieinu l'zion ircho b'rino." Bringe uns zurück nach Zion, in Jubel. Die Hoffnung linb Sehnsucht haben die Klage verdrängt. Mit unseren Lippen bringen wir die Opfer des Festes, und immer stärker und stärker wird die Hoffnung: G'tt wird sich erbarmen, daß wir im nächsten Jahre^ hinter der Westmauer stehen, drinnen

in der wiedererstandenen Tempelhalle. Jubelnd schließt das Gebet. Freudig zögernd verläßt man den Platz, um den immer neu herbei strömenden Festesgästen Raum zu geben. Die Kothel Maarowi feiert mit ihren Kin­dern. Der Tempel muß sich wieder erheben. Nicht Not, nicht Ferne hält die Sehnsucht auf. G'tt wird sich erbarmen. Im nächsten Jahre ist die Mauer nicht mehr der letzte Ueberrest, sondern das stolze Wahrzeichen, daß man in den Zeiten des Unglücks das Vertrauen auf die Erlösung bewahrt, bis sie kam. Das ist die Kothel Maarowi am Wallfahrtstage des Pessachfestes.

Aber auch am Alltag ist sie die-teure Stätt^ die das Leid jedes einzelnen Kindes versteht. Bald sammelt sich ein Minjan zum Mincha-Gebet. Bald ergreift ein einzelner die lieben teuren Steine mit den Händen, die er zum Gebet erhoben. Er denkt an die eigenen Sorgen, an die Familie in weiter Ferne, an die Ge­samtheit Israels. Bald leises Schluchzen, bald lautes Beten und bald inbrünstiges Schweigen. Man wird eins mit den teuren Resten des Tempels. Die Seele erhebt sich zu E'tt. Wunderbar geläutert und gestärkt geht man langsam zurück, immer wieder hinschauend zur heiligen Mauer. Das ist die Kothel Maarowi des ein­zelnen und doch ganz Israels. Sic ist uns' geblieben, sie ist unser Eigentum. Sie ist ein Teil unseres Selbst.

Nicht Balfourerklärung, nicht der Völkerbund haben sie uns gegeben. Sie gehört uns, von G'tt gegeben wie unser Land. Nicht Richter verlangen wir von der eng­lischen Mandatsmacht, sondern unser Recht. Was die türkische Herrschaft uns vier Jahrhunderte hindurch, ge­währte, ohne daß es arabische Volkshetzung uns zu be­streiten wagten, darf England uns nicht rauben lassen, weil irgend ein politisches Kalkül ihm Zurückhaltung ge­genüber Agitatoren klug erscheinen läßt. Die Kothel .Maarowi ist kein Politicum, sondern ein Sanctn.m. Von Menschen fordern wir das unbeschränkte Recht, an der Westmauer zu beten. Von G'tt erflehen wir die Gnade, im wiedererbauten Heiligtum ihm uns, zu nähern.

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(Ausstellung »Alles Berlin". Sonderschau der Jü­dischen Gemeinde.) Am Freitag, den 23. Mai, wurde die in den neuen Ausstellungshallen am Funkturm veran­staltete Berliner Sommerschau 1930Altes Berlin Fundamente der Weltstadt" feierlich eröffnet. Die Aus­stellung, die in einer noch nie gezeigten Vollständigkeit das kulturelle, künstlerische und wirtschaftliche Berlin in allen seinen mannigfaltigen Verzweigungen zeigt, ent­hält auch eine Sonderschau der Berliner Jüdischen Ge­meinde, die durch die Kunstsammlung der Jüdischen Ge­meinde zusammengestellt ist. Der Raum 89 ist zu einem würdigen Dokument des alten Berliner Judentums ge­staltet worden. Von besonderer Wirkung ist der wunder­volle Thora-Vorhäng der Alten Synagoge, den König Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1718 gestiftet hat. Davor steht aus einem Postament der reichverzierte Chanuckah- Leuchter der Alten Synagoge aus dem Jahre 1714. An den Wänden Porträts bedeutender Persönlichkeiten wie des Hofbankiers Jsaac Daniel Jtzig, sodann das Porträt des Oberlandesältesten Jacob Moses und Graffs berühm­tes Mendelssohn-Bildnis. Als graphische Beldnisse sehen wir sodann noch den Rabbi Meir Weyl, Meno Burg. Interessant sind die alten Stiche der ersten Berliner Synagoge, die durch späteren Umbau ihr ursprüngliches Aussehen vollkommen verloren hat. Auch ein Bild der alten Judenherberge am Rosen- thaler Tor erzählt von der Geschichte der Juden im alten Berlin. Von geweihten Stätten auf den alten Friedhöfen erscheinen Mendelssohns Grab auf dem Friedhof in der Großen Hamburger Straße und eine Reihe schöner Grabsteine desselben Friedhofs. Auch das Denkmal der jüdischen Märzgefallenen sowie der Grabstein Meno Burgs vom Friedhof Schönhauser Allee sind in Bildern vertreten. Zur Ergänzung des Bildermaterials hat das Gesamtarchiv der deutschen Juden in zwei Vitrinen do­kumentarisches Material beigesteuert. Hier finden wir u. a. das berühmte Juden-Edikt von 1714, das erste Kaffa-Buch der Jüdischen Gemeinde, die Liste der ersten Namenseintragung von Juden aus dem Jahre 1812, ver­schiedene andere Edikte und Privilegien und Druckschrif­ten, die sich auf die bürgerlichen und verfassungsmäßigen Rechte der Juden in Preußen und Berlin beziehen.

Briefkasten.

Herrn I. P. in Frankfurt. Wir haben Ihre Anregung, in der Jeschiwoh einen Kurs für Krankenpflege einzurichten, an die zuständige Stelle weitergegeben.

M. L. in F. Wir nehmen zur Warnung gern davon Notiz, daß in einem Artikel eines Hamburger Blattes Speisegelegenheiten alsrituell zuverlässig" namhaft ge­macht wurden, die imVerzeichnis des Hamburger Speiseverein" sich nicht befinden und die Bezeichnung rituell zuverlässig" in nachweisbaren Fällen auch nicht verdienen. Dagegen fehlen in dieser Angabe Pensionen, die unter Rabbinatsaufsicht stehen und als wirklich zu­verlässig gelten.

Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <3. Sch achnarvitz, Frankfurt m M.; Inserate i. 58.: S. Schach- nowitz. ebenda. Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. Druck: lHermon-Druckerei, Frankfurt a. M.I