15. Februar 1934

Der Israelit

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s , Zükunftsfreude den Bestrebungen , der e jj Agudas Jisroel rückhaltlos anschloß und [ er damit den allezeit sehr vorsichtigen und allem Z1J Neuen mißtrauenden Chassidim besonders in den zwei jüdischen Städten Obergaliläas ein gutes Vorbild gab. Er war Mitglied des R a b b i n i - sehen. Rates der Agudas Jisroel in Palästina, und es will schon für diesen strengen, im Kampfe gegen die neue Schule besonders hart geworde­nen Mann etwas heißen, daß er der neugegrün­deten Mädchenschule der Aguda in T i b e r i a mit hebräischer Unterrichts- und Umgangssprache nicht nur keine- Hindernisse in den Weg legte, sondern sich auch gleich ihrer annahm und sie auf jegliche Art und Weise för­derte. Schreiber dieses, der vor zwei Jahren einen Sabbat in Tiberias und unvergeßliche Stunden an der Seife dieses typischen Erez Jis- roel-Rabbi verleben durfte, hat noch in frischer Erinnerung jedes Wort, das er, der Rabbi, über diese Schule sprach, über ihre damalige Leiterin (eine junge Lehrerin aus Deutschland) wie über die Palästina-Zentrale der Agudas Jis­roel, ihre Schulbestrebungen und ihren im Ver­hältnis zu ihren minimalen Mitteln reichen Schulerfolgen geäußert hat. Es klang wie ein Segen des Rabbi für ein Werk, aus dem er die Rettung der kommenden Generation in dem Lande, das für ihn nicht allein Land der Väter war, sondern sein Land, Land seiner Kin-

Seit Jahren kann ich immer wieder folgende Tatsache feststellen: Wenn ein Geschäftsmann seine Interessen so vertreten würde, wie die or­thodoxen Kreise von Erez Israel ihre Interessen bisher gewahrt haben, dann würde er ständig versäumte Gelegenheiten sich zum Vorwurf ma­chen müssen und ständig Verluste zu buchen haben,

So ist die Jugend der eingewanderten orien­talischen Juden, eines orthodoxen, aber welt­fremden und primitiven Menschenschlags, zum Teil antireligiösen Einflüssen schutzlos preisge­geben, weil man sich von orthodoxer Seite zu wenig um ihr Schicksal kümmert. Gerade die Orthodoxie hat Menschen mit Idaelismus, denn die Zugehörigkeit zu ihr bedeutet für viele das Zeugnis für Idealismus; aber man versteht es nicht, die Dinge so, wie sie sind, zu sehen, zu viele begnügen sich mit Haus und Synagoge,

der Goldschekel des Reichen, wenn das Gold kalt ist und an der Kupfermünze das warme Herz des Spen­ders hängt. Von einem armen Manne erzählt Mi- drasch, der in der Wüste, da er sonst nichts besaß, Tag und Nacht an einem einfachen Wüstensteine gearbeitet und geschliffen hatte, um ihn eigenhändig in den Tempel nach Jerusalem zu bringen. Und die Priester freuten sich mit dieser Spende mehr als mit all den reichen Gaben der Wallfahrer und be­festigten den Stein an die Winkel des Altares.

Und zum Schluß:Nehmet meine Habe." Es ist dies alles Mir und kehrt zu Mir zurück. Wie lehren doch dieSprüche der Väter":Gib Ihm von dem Seinigen, denn du mit allem, was du bist und hast, gehörst Ihm. Wie auch David bekannte: Denn aus Deiner Hand kommt alles und aus Deiner Hand gaben wir Dir."

Kleines Feuilleton,

Zur Erinnerung an Rabbiner Dr- Colin in Breslau.

Die höchste Ehrung, die man Toten zuteil wer­den lassen kann, besteht darin, daß man die Lippen der Schlafenden reden läßt. So will ich zu Ehren des soeben in Breslau verstorbenen Rabbiner Dr. John Cohn, der weiteren Kreisen durch seine wert­volle Mitarbeit an der deutschen Uebersetzung und Kommentierung der Mischna (Teile V und VI, Berlin und Wiesbaden) bekannt ist, in dankbarer Erinnerung an vierzigjährige treue Freundschaft und Verbunden-

d e r, als welche er auch all seinen direkten und indirekten Schüler ansah, insbesondere alle Jünger der von ihm gegründeten JeschiwaOr Thora".

Menschliches Leid blieb dem vornehmen Manne, der schon durch sein Aeußeres ungeheure Achtung einflößte, nicht erspart. In den blutigen Tagen von August 1929 fuhr sein ältester Sohn, ein Gelehrter und Großkaufmann, in Geschäften nach dem nahen Safed und man brachte ihn, wie den jüdischen Chauffeur, nach einigen Stunden als Leichen zurück. Ein Schatten überzog das schöne Gesicht des Rabbi, als wir, ohne seinen persönlichen Anteil daran zu ahnen, von der Tragödie von 1929 sprachen. Die^jnW'pK'mO'' sagte er, die hatten und haben wir immer zu tragen. Ein anderer Sohn, angesehener Bank­direktor, wurde uns als einer der verdienten Führer der Gemeinde und des Jischuw von Ti­berias vorgestellt.

Möge in einer Zeit, da man von verschiede­nen Seiten an einem Aufbau Galiläas arbeitet und an der Restaurierung der Stadt, vor dessen Toren Rabbi Meiir Baal Haneß (unter vielen an­deren Tanaim), Maimonides und derScheloh" ruhen, auch der geistige Aufbau nicht zu kurz kommen, der geistige Aufbau im Sinne des Rabbi, der ein halbes Jahrhundert der treueste Hüter der Lehre in der Tanaimstadt war. Dazu möge der Stadt sein fllDT verhelfen. y«"»f

und vor allem: man weiß nicht die Kunst des Organisierens zu handhaben.

In dieser Kunst könnte man von den Arbei­tern, den leider religionsfeindlichen Arbeitern, lernen. Vor mir liegt ein informatorisch wert­volles Buch überDie jüdische Arbeiterbewegung in Palästina" von Walter Preuß (IL Teil, Berlin, 1933), Hier heißt es auf Seite 135:

Nicht klein war die Zahl der Jugendlichen, die aus Syrien, Marokko, Persien usw. kamen und die so gut wie keinerlei Vorbildung hatten. Hier setzt die Tätigkeit der Kulturkommission ein, für die Kleineren in den Arbeiterkinder­schulen, für die Größeren von 1218 Jahren in den Kursen der Arbeiterjugend, für die Erwach­senen in den allgemeinen Abendkursen."

Interessant ist es, dann weiterhin zu lesen, in welch opferwilliger zielbewußter und umfassen­der Weise die kulturelle Arbeit geleistet wird.

heit mit meiner Familie eine Deutung einer Mischna- stelle mitteilen, die er mir bei unserem letzten Bei­sammensein gab. Seine Erklärung ist, wie er mir sagte, neu und dürfte, wie ich glaube, wegen ihres allgemeinen Inhalts nicht ohne Interesse sein. Da die Mitteilung schon anderthalb Jahre zurückliegt und ihre Wiedergabe durch jemand geschieht, des­sen Lebensarbeit sich nicht auf rabbinischem Gebiet abspielte, fällt dem Schreiber dieser Zeilen die Ver­antwortung für ihre Fassung zu. In der Schlußmischna in Peah heißt es:Wer eigentlich (Wohltätigkeits­spenden) zu nehmen notwendig hätte und sie nicht nimmt, stirbt nicht, ohne andere im Alter mit dem Seinigen unterstützt zu haben. Denn es steht ge­schrieben: Gesegnet ist der Mann, der auf G'tt ver­traut, und G'tt wird seine Stütze sein (Jeremia 17, 7). Ebenso ist es bei dem Richter, der mit Wahr­heit sein Urteil fällt." Man fragt sich: Wie kommt der Richter in diese Mischnasteile? Die Antwort ist: Der in schlechten Verhältnissen Befindliche, der auf Gaben verzichtet, darf dies nur auf Grund dreier Voraussetzungen tun: Er muß erstens die Sachlage und die ihn umgebenden Verhältnisse richtig beur­teilen, er muß zweitens Zutrauen zu seiner eigenen Kraft und Persönlichkeit besitzen und er muß drit­tens auf den Segen des Höchsten hoffen. Daß er vernünftig gehandelt hat, wird ihm später durch die Hilfe des Allmächtigen bestätigt. Auch der gerechte Richter braucht für sein Urteil drei Vorbedingun­gen: Verständnisvolle Prüfung der Sachlage, Glaube an die eigene Urteilsfähigkeit und schließlich G'tt- vertrauen, daß er von dem Höchsten in seiner Ent­scheidung richtig geleitet werden wird. Ein auf die­ser Grundlage gefällter Urteilsspruch verschafft dem Richter als Lohn ein gutes Gewissen, und er wird Genosse G'ttes genannt. Dies ist der Zusammenhang

Ende 1932 wurden allein 2700 Kinder in den Kin­dergärten und Schulen unterichtet. An 45 Stel­len existieren Lesezimmer, in 80 im Lande ver­breiteten Abteilungen der Bibliothek stehen 75 000 Bücher zur Verfügung usw. Die Ortho­doxie mit ihren Synagogen und sonstigen reli­giösen Institutionen kann in materieller Opfer­willigkeit bestimmt neben - der Arbeiterschaft rangieren. Doch die Arbeiterschaft ist straff or­ganisiert, ganz besonders aber in ihrer Werbe­tätigkeit. Die Orthodoxie zerstückelt sich in Landsmannschaften und auchin diesen herrscht häufigkeine Einheit. Bei aller Achtung vor diesem kon­servativen Sinn darf heute die Frage aufgewor­fen werden, ob es nicht heilige Pflicht ist, in Erez Jisroel nur den Minhag Erez-Israel zu be­obachten. In den bisher im Synagogen- lebenbestehendenVerschiedenhei- ten begründet sich eine wesentliche Ursache für die Schwierigkeiten, aus der Orthodoxie eine geschlos­sene, einheitliche Organisation zu schaffen, denn vielen bedeutet die Aufrecht­erhaltung ihrer Galuth-Minhagim auch in Erez- Israel ihre Zibburtätigkeit.

Die Arbeiter holen sich ihren Zuwachs heran. Die Orthodoxie sucht nj £ cht auf, propagiert nicht, wartet geduldig auf die-, die kommen und von ihren Einrichtungen Gebrauch machen. Ob hun­dert oder hunderte Kinder unwissender orienta­lischer Juden in die Arbeiterschulen oder in die zionistischen Schulen geschickt werden und schon hier der Riß vom Elternhaus vollzogen wird oder ob die Jugend auch der orthodoxen Schulen nach der Schulzeit den Lockungen des Flitter­glanzes der heute in Erez-Israel heimisch ge­wordenen sogenannten Kultur unterliegt, wer, außer den hilflosen Eltern, die es gerade trifft, macht sich Sorge darum?

Mit jedem Schiffe treffen Einwanderer ein. Wer von ihnen und das sind gezählte Agudist oder Misrachist ist, findet schon zu sei­ner Organisation. Aber um die anderen, die für die Orthodoxie in Frage kä­men, kümmert sich niemand.

Bedeutet dies nicht hundertfach versäumte Gelegenheit?

Welche Maßnahmen hat das Rabbinat T e 1 - A w i w in all den Jahren für die Ein­wanderer getroffen? Ein Jahr schon hatte die deutsche Einwanderung gedauert, als das Rabbi­nat jüngst endlich etliche bekanntere orthodoxe Persönlichkeiten dieser Einwanderung zu einer Beratung einlud. Eine Kommission ist, wie üb­lich, gebildet worden. Sicherlich wird die Kom-

zwischen dem Richter und dem Bedrängten, der mit Recht glaubt, menschliche Hilfe nicht in Anspruch nehmen zu müssen. Die Mischna vergleicht noch weiter einen Richter, der Bestechung nimmt, mit dem­jenigen, der anderen Menschen ein Gebrechen vor­täuscht, um ihrer Wohltätigkeit teilhaftig zu werden.

A. L.

(Hameaged".) Das so genannte agudistische Nachrichtenblatt atmet Frische und jugend­lichen Willen zur Arbeit. Obwohl nur hektographiert, spricht das Blatt in seiner anmutigen Form und ge­schmackvollen Stoffverteilung sehr an. Die eben er­schienene Nummer 10 vom Schwat bringt an leiten­der Stelle eine Aeußerung von Jacob Rosenheim über den Noar Agudati, dahingehend, der dritte Jischuw müsse eine direkte Fortsetzung des ersten Jischuw sein und keine Mischung von erstem und zweitem Jischuw. Aus einem Privatbrief von Dr. Isaak Breuer werden Stellen über die Araberfrage veröffentlicht. Die. Thorafremdheit des jüdischen Chauvinismus habe die Kluft zwischen Juden und Arabern {^schaffen, die Rückkehr zur Thora durch die orthodoxen Chaluzim müsse die beiden Völker­stämme -wieder zusam.'-.enbringen. Eine lesenswerte Abhandlung über den Geschichtsunterricht erscheint in Fortsetzungen aus der Feder von Erich- W e i 11. A. Löwenthal bringt Anregungen zu der Heim­stundenarbeit der agudistischen Jugendvereine. Eine RubrikAto Jodea" und redaktionelle Nachrichten beschließen das Heft. Verantwortlich zeichnet J. Rosner, Frankfurt a. M. Seine Mitarbeiter in der Redaktion sind B. Bügelstein, Klein und R. Oppen­heimer.

Versäumte Gelegenheiten.

Ein Erez-Israel-Brief. Von Saly Geis in Tel-Awiw.