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Feuilleton -
Beilage
Der Israelit
Nummer 8
1938
Juden beschließen
auszuwandern .
Von Alberto Gerchunoff .
Der bekannte argentinisch - jüdische Schrift¬
steller Alberto Gerchunoff hat in seinem
Buch „ Los Gauchos Judios " mit feiner
Einfühlungsgabe Szenen aus dem Leben der jü¬
dischen Kolonisten in Argentinien wiedergege¬
ben . Nachstehend bringen wir in der Ueberset -
zung von Jeanne Bachmann eine dieser
Episoden ;
I .
Erinnerung an die Heimat .
In der jämmerlichen , ewig schneebedeckten Stadt
Tultschin , dieser Stadt der ruhmreichen Rabbanim
und der uralten Synagogen , erfüllten die Berichte
aus Amerika die Seelen der Juden mit Träumereien .
Wenn einer der Wander - Rabbiner im Tempel pre¬
digte , wenn in den Telegrammen irgendeiner Zeitung
von Odessa die Rede war von fernen Ländern der
Neuen Welt , fanden sich die Juden im Hause eines
angesehenen Gemeindemitglieds zusammen , um das
Projekt der Auswanderung mit talmudistischer .
Gründlichkeit zu erörtern .
Jakob erinnerte sich dieser Zusammenkünfte
wohl : Es war in jenen Zeiten , da der Ausnahme¬
gesetze im Heiligen Russischen Reich immer mehr
wurden . Die Picken der Kosaken zerstörten die ehr¬
würdigen Synagogen und die alten Heiligtümer . Aus
Deutschland hatte man sie mitgebracht , diese geweih¬
ten Heiligtümer , an deren edlen Formen die Ge¬
schichte haftete . Das salomonische Doppeldreieck
glänzte an ihrer Spitze , als sie auf Gemeindekarren
durch die Straßen geführt wurden . Das alles konnte
Jakob nicht vergessen . Er gedachte der Worte der
Rabbanim , des Wehklagens der Frauen , als die Ko¬
saken die heiligen Bücher in der Hauptsynagoge
verbrannten , die die Vorväter der Stadt geschenkt
hatten . Alles Volk trug Trauer . Es war am Vorabend
von Schawuoth . Selbst die jungen Bäume , mit denen
das Fest des Frühlings begangen wird , waren schwarz
umflort , in Schwarz gingen die Frauen und Kinder
und die Alten fasteten . — Damals war es , daß der
Dajan , Rabbi Jehuda Anakroi , nach Paris reiste , um
mit den Leuten des Baron Hirsch über die Organi¬
sation jüdischer Kolonien in Argentinien zu ver¬
handeln . Und als er wiederkam , scharten sich die
Juden um den greisen Gelehrten , der ihnen die frohe
Botschaft brachte :
„ Dar Herr Baron Hirsch — G ' tt mög ' ihn segnen
— hat versprochen , uns zu helfen , und mein Beglei¬
ter , Rabbi Zadock Kahn wird ihm bei der Durch¬
führung des Plans zur Seite stehen . "
Und der Dajan nahm all seine in geistlichen Dis¬
puten geschulte Beredsamkeit zusammen , um eine
wunderbare Zukunft des verfolgten Volkes auszuma¬
len . Vor Rührung zitterte seine Stimme , als redete
er im Taumel vom Gelobten Land . Mit den vom vielen
Umblättern knotig und trocken gewordenen Händen
strich er sich den langen weißen - Bart ; seine kleinen
lebendigen Augen aber glühten in prophetischem
Feuer
„ Ihr werdet sehen , ja , ihr werdet sehen ! Das ist
ein Land , wo alle arbeiten , wo uns der Christ nicht
haßt , weil dort der Himmel anders ist und Ehr¬
furcht herrscht in seiner Seele und Gerechtigkeit ! "
Die Worte des Rabbi Jehuda Anakroi gössen
Frieden in die Seelen der Traurigen . Durch die hohen
Fenster drang der Schein der Nacht und gab den
elenden und hageren Gestalten ein gespenstisches
Aussehen . Die Juden standen in Verzückung und
stammelten :
„ Amen ! "
Sabbat Nachmittag trafen sich die angesehensten
Juden von Tultschin im Hause Jakobs . Man sprach
über religiöse Angelegenheiten , wobei der Dajan
schwierige Fragen mit Argumenten auslegte , die er
in denkwürdigen Disputen gesammelt hatte . Die tal -
mudistische Gelehrsamkeit ebenso wie die populäre
Schulweisheit , die Gesetze und die geheimsten Ge¬
heimnisse der Kabbala , sie waren ihm vertraut .
Einmal erging sich der Rabbi von Tolno in Lo¬
beshymnen auf Spanien , er schwärmte von dem
freundlichen Klima und gedachte seufzend der Zei¬
ten , da das Volk Israel auf spanischem Boden lebte .
„ Spanien " , sagte er , „ es könnte für uns das herr¬
lichste , Land sein , ruhte darauf nicht , der Cherein der
Synagoge . "
Der Dajan machte eine unwillige Geste . In Spa¬
nien war es , wo die Juden aufgehört haben , das
Land zu bestellen und das Vieh zu hüten . Vergeßt
nicht , geliebter Rabbi , was gesagt ist in Seraim , im
ersten Buche des Talmud über das Leben des Land¬
manns : „ Es ist das einzig heilsame und wert der
Gnade G ' ttes . " Deshalb , als Rabbi Zadock - Kahn
die Auswanderung nach Argentinien ankündigte ,
vergaß ich in meiner Freude sogar der Rückkehr
nach Jerusalem , und ich dachte , vorerst gilt das
Wort : „ Zion ist dort , wo Freude herrscht und Frie¬
den . " — ■ Alle werden wir nach Argentinien gehen ,
wieder das Land bebauen und unser Vieh hüten , das
der Höchste segnen möge . Wenn wir zu diesem Le¬
ben zurückkehren , kehren wir heim zu unserer frü¬
heren Existenz , und so G ' tt will , werde auch ich in
meinem Alter diese Erde grüßen und unter ihrem
Himmel die Kinder meiner Kinder segnen können ! "
Also sprach Rabbi Jehuda Anakroi , der letzte
Vertreter jener großen Rabbanim , deren Weisheit
über den Gemeinden von Spanien und Portugal
leuchtete . Und indem ich diese seine Worte hier
wiederhole , grüße ich in seinem Namen die Erde , äie
mir Fredde gibt und Frieden , und wie die Juden ,
die ihn reden hörten , sage auch ich :
„ Amen ! "
II .
Erster Drusch .
Es war noch früh am Morgen , als die Taglöhner
die letzten Säcke unseres ' Weizens ' wegschafften . Die
Dreschmaschine stand still und im Schatten der
Tenne tranken die Leute Kaffee ; eine kräftige Sonne
dörrte uns aus und ' streute ihre sengenden Strahlen
über das gemähte Feld , das aussah wie eine goldene
Bürste .
Weiter weg , auf dem Weideplatz , in den trocke¬
nen Wasserläufen , rund um die kleinen Tümpel ,
grasten die Rinder mit langsamen , müden Bewegun¬
gen inmitten des Gekreisches der Teros ( Sporen¬
kiebitze ) .
Der Bürgermeister der Kolonie , ein beredter und
schlauer Alter , den die Nachbarn in einer Syna¬
gogenversammlung gewählt hatten , kommentierte die
Ergebnisse der Ernte und lobte die Güte unseres
Weizens .
Er konnte kaum lesen und schreiben und aus der
Schrift wußte er nur einige Stellen auswendig , die
. er oft und gern zitierte , wenn er bei Lieferung einer
Pflugschar oder beim Kauf einer Rolle Draht inter¬
venieren mußte .
An jenem heißen Morgen hielt er im Schatten
der Tenne den Nachbarn eine Rede , in der er * die
Vorzüge des Landlebens pries .
, Jch weiß sehr wohl, " sagte er , „ daß wir nicht
in Jerusalem sind , ich weiß sehr wohl , daß diese
Erde nicht die unserer Vorfahren ist . Aber wir säen
und ernten Weizen und wenn wir des abends hin¬
term Pflug vom Felde heimkehren , können wir den
Höchsten lobpreisen , weil er uns weggeführt hat von
dort , wo wir gehaßt wären und in Elend und Ver¬
folgung lebten . " "
„ Aber der Weizen Beßarabiens ist weißer , als der
der Kolonie, " warf der Schächter ein und gab be¬
dächtig seiner Unzufriedenheit Ausdruck :
„ In Rußland, " sagte er , „ lebt man schlecht , aber
in der Furcht G ' ttes und im Einklang mit seinen Ge¬
setzen . Hier aber werden die Jungen zu Dörflern ! "
Der schrille Pfiff der Maschine trieb die Nachbarn
auseinander . Nun war Moses Hinlein mit dem Drusch
an der Reihe - ; schweigsam stellte er sich neben dem
fahrbaren Häuschen des Maschinisten auf . Er war
klein und schmal und in dem kurzsichtigen Blick
seiner runden winzigen Aeuglein glomm verhaltene
Fröhlichkeit . Neben ihm stand sein im Elend des
heimatlichen Dorfes alt gewordenes Weib und über¬
dachte das Tagewerk , während Deborah , die ro¬
buste , geschmeidige Tochter , das Mittagessen be¬
reitete .
Die Arbeit begann . Wir stiegen auf Moses ' Tenne ,
um die Garben herunterzureichen , indes die Tag -
löhner die wunderbare Maschine ölten .
„ Moses " , rief der Bürgermeister , „ hast du in
Wilna auch gedroschen ? Als Uhrmacher hast du dort
gearbeitet , alte Uhren gerichtet und ein paar Rubel
im Monat verdient . Hier aber , Moses , hier hast du
Weizen , Land und Vieh ! "
Er erhob ein Glas Zuckerrohrschnaps und trank
ihm zu :
„ Moses , wie sagten wir in Rußland : Ich wünsch *
dir , daß dein Land stets fruchtbar sei und du die
Frucht vor Ueberfluß nicht einbringen kannst ! "
Moses blieb schweigsam neben der Maschine
stehen . In seinem Kopf gingen verschwommene Er¬
innerungen um an sein trauriges Leben in Wilna , an
sein gequältes , bitteres Judenleben . . .
Das große Rad drehte sich und das Körn fing an .
sich zu ergießen wie ein Goldregen des gebenedei¬
ten in Licht . getauchten Himmels . Feierlich hielt
er die Hand unter den lichten Weizenstrom und
Heß sie da lange Zeit . Sein Weib neben ihm sah voll
Andacht zu und auch Deborah schaute .
„ Seht , Kinder ! dieser Weizen ist unser . . . "
Und über seine von langen Entbehrungen zer¬
furchten Wangen rannen zwei Tränen ; sie fielen zu¬
sammen mit dem dicken Körnerstrahl in den ersten
Sack seiner Ernte . . .
SprechsaaL
Zur Beachtung .
Man schreibt uns :
Zum Thema „ Zählung der hilfsbereiten Juden in
Deutschland " möchte ich darauf hinweisen , daß die
Spendenscheine den Aufdruck des Verses Exodus 30 ,
12 unter voller Ausschreibung des G ' ttesnamens ent¬
halten . Aus diesem Grunde dürfen die Scheine nicht
unwürdig behandelt werden , insbesondere auch nicht
verbrannt werden . Es empfiehlt sich , dieselben als
Lesezeichen in die Gebetbücher zu legen .
S . M .
Briefkasten .
R . L . L . in B . - K . Die Dr . Biberfeld ' schen Aufsätze
„ Der jüdische Staat " erscheinen in den nächsten Ta¬
gen in Buchform .
K . P . Wie uns vom Rabbinate der IRG . mitge¬
teilt wird , ist beim Genüsse von Zwieback größte
Vorsicht geboten . Es darf nur solcher Zwieback ge¬
nommen werden , der unter Aufsich des Rabbinats
hergestellt wird .
A . M . in D . und Andere . Der Bescheid steht
noch aus .
H . S . in D . Betrag eingegangen . Besten Dank !
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