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Bernhard Münz : Moses im Lichte der jüdischen Volksseele .
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Torauseilender Religionsstifter , Gesetzgeber und Staats¬
mann , der der Ewigkeit angehört , vergisst über seinen
hehren , ein Meer von Licht ausstrahlenden Zielen nicht ,
dem Sehnen derer gerecht zu werden , welche gesäet
haben und hart an der Schwelle der Ernte stehen ! Und er
unterordnet die sogenannte Staatsraison dem Liebes -
glücke Jungvermählter , denn „ wenn jemand kürzlich
eine Frau genommen , so soll er nicht mit dem Heere
zu Felde ziehen , auch zu keinem anderen öffentlichen
Dienste angehalten werden ; ein ganzes Jahr soll er für
sein Haus frei sein , damit er die Frau , die er ge¬
heiratet , erfreue " ( Deuteronom . 24 , 5 ) . Ist dies nicht
phänomenal , verblüffend und zugleich im Tiefinnersten
erschütternd ? Kein Oberhaupt eines Volkes hat sich
so um alle Einzelheiten desselben bekümmert , ist so
in die detailliertesten Verhältnisse desselben ein¬
gegangen , wie Moses es gethan . Er denkt an alles
und jedes und paart mit Strenge immer Edel - und
Zartsinn . Und wie er die Menschen in Liebe umfasst ,
so auch die Tiere . Die Bibel hat wirklich ihresgleichen
nicht , sie ist das Buch der Bücher . Geist und Sinn
hat ewige Unrast , doch im Herzen keimt die Liebe .
Bei unserem Lehrer Moses sind die Seelenkräfte so
innig verschmolzen , dass es fürder nicht gelingen kann ,
zu trennen , was getrennt doch war . Er ist der
Herzens weise par excellence . '
Bei aller Grösse und Erhabenheit dichtet die jüdische
Volksseele Moses auch einen Zug von Einfalt und Kind¬
lichkeit an . Nachdem Israel des Manna überdrüssig
geworden und wegen des Mangels an Fleisch ge¬
murrt hat , teilt der Herr Moses mit , dass er dem Volke
Fleisch bescheren werde , bis dass es ihm zum Ekel
sein wird , worauf der demütige Gottesmann , der schon
so viele Wunderthaten des Herrn erlebt hat , gewiss
nicht etwa skeptisch , sondern im Drange seiner Naivität
erwidert : „ Sechsmal hunderttausend Mann Fussvolks
ist es , darunter ich bin ; und du sprichst : Ich will euch
Fleisch geben , dass ihr esset einen Monat lang . Soll
man Schafe und Rinder schlachten , dass ihnen genug
sei ? Oder werden sich alle Fische des Meeres hierzu
versammeln , dass ihnen genug sei ? * ( Num . 11 , 21 u . 22 ) .
Freilich trägt ihm diese Entgegnung einen Vorwurf des
Herrn ein , der an seinen treuesten Diener als solchen
den höchsten Massstab anlegt und mit ihm streng ins
Gericht glht . i -
Und da Gott ihm , weil er gegen sein Geheiss nicht
mit dem Felsen gesprochen , sondern auf _ ihn zwdmal
geschlagen , das Urteil spricht , dass er Israel nicht in
das Gelobte Land bringen werde ( Num . 20 , 12 ) , verlegt
er sich nicht auf Thränen , Bitten und Klagen , sondern
geht , von der Gerechtigkeit Gottes durchdrungen , als
ob nichts geschehen wäre , heroisch weiter seiner idealen
Berufsthätigkeit nach . Und an einer anderen Stelle
sehen wir ihn sein Haus vor dem Tode gleich einem
sorgsamen Familienhaupte bestellen . Seine Familie ist
das ganze Volk Israel . Er ist darauf bedacht , dass
sein Volk nach seinem Hinscheiden nicht den Anblick
einer Herde ohne Hirten darbiete , und bittet Gott ,
ihm noch bei Lebzeiten einen Nachfolger zu . geben
( Num . 27 , 16 ) . Allerdings erscheint dieser gewaltige
Markstein in der Geschichte Israels im Deuteronomium
( 3 , 23 ff . ) in einem ganz anderen Lichte . Moses er¬
zählt , dass er zu Gott gefleht habe , er möge ihn über
den Jordan ziehen lassen , damit er das den Kindern
Israels verheissene Gelobte Land zu sehen bekomme .
Doch waren hierfür selbstverständlich nicht kleinliche ^
engherzige , selbstische Motive massgebend , sondern
der nur zu begreifliche Wunsch , das Land zu sehen ,
in welchem sein Schmerzenskind Israel post tot dis -
crimina rerum endlich zur Ruhe kommen werde .
Hochinteressant ist es , dass schon Moses den
blinden , willkürlichen , zügellosen Willen leugnet , den
Indeterminismus , das liberum arbitrium indifferentiae
nicht gelten lässt . Freilich ist er noch nicht so weit
gekommen , dass er nur eine relative Bedingtheit des
Willens durch den Intellekt annehmen würde . Der
Wille ist ihm durch Vernunftgründe absolut determiniert ,
Einsicht und Handeln , Wissen und Leben decken sich
ihm mit Notwendigkeit ; sehen wir doch , dass er den
Abfall seines Volkes von Gott auf einen Mangel an
Einsicht zurückführt , ihn geradewegs als einen Akt
der Unwissenheit hinstellt : „ Dankest du also dem
Ewigen , du nichtswürdiges , unweises Volk ? " ( Deu¬
teronom . 32 , 6 ) . Und in dej ^ Folge legt er Gott die
Worte in den Mund , dass er das " AM * enlf : en Israels
unter den Menschen vertilgen würde , wenn er nicht
befürchten müsste , dass das Volk , das er gegen sie
aussendet , sich rühmen würde , durch eigene Kraft den
Untergang Israels herbeigeführt zu haben ; denn „ keine
Vernunft ist in ihnen . Wären sie weise , sie würden
bedenken und den Ausgang überlegen " ( 32 , 28 u . 29 ) .
Das video meliora proboque , deteriora sequor ist be¬
greiflicherweise dem festgefügten , wie aus einem Gusse
gemachten Moses , der eine Welt aus den Angeln ge¬
hoben und eine neue gleichsam aus nichts geschaffen
hat , entgangen . Und diese einseitige Hervorkehrung
des intellektuellen Momentes , diese Ueberschätzuog des
Wissens , diese vollständige Ignorierung des Willens be¬
herrscht die ganze biblische Litteratur . Nirgends be¬
gegnen wir dem Gedanken , dass der Wille keinem
wie immer gearteten Zwange unterworfen , der wahr¬
haft freie , der vernünftige Wille von innerer Nötigung ;
frei ist , dass die Einzelentscheidung im Charakter , d . h .
in der durch Vernunft - und Willensbildung gewonnenen
Grundrichtung des Geistes , in der Gesinnung , der
habituellen Haltung des Willens liegt . Wir könnten
beispielsweise eine Fülle von Stellen aus den Proverbia
anführen , in denen die Weisheit und die Sophrosyne
gleichgesetzt , identifiziert werden , die auf die Gottes¬
furcht gepfropfte Weisheit als die Panacee der Tugend
gepriesen wird .