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Dr . Theodor Herzl : Der fünfte Zionistenkongress .
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Zoll breit Erde ihr eigen nennt ; stolz auf eine
Literatur , die in der . Heiligen Schrift eine Er¬
habenheit erstieg , unerreicht von anderen Meister¬
werken des menschlichen Geistes ; ich wäre stolz
auf die Gelegenheit , mich an einer Anstrengung
zu beteiligen , welche Palästina aus dem Zustande
einer dürftigen Wüste zu einem Lande von
reicher Fruchtbarkeit und Wohlfahrt erheben
soll ; stolzer als alles aber würde mich die grosse
Möglichkeit machen , die jetzt vor den Juden
liegt : dass sie nämlich für die Armen und in
manchen Ländern Gedrückten ihres Volks thätig sein
können , um die gewaltige religiöse Hoffnung zu
verwirklichen , die sie aufrecht erhalten hat drei¬
tausend grausame Jahre hindurch ! "
So redet ein Christ . Diese Sprache , die ihn
ehrt , würde aber uns nicht ziemen . Wir haben
eine sittliche Pflicht einfach zu erfüllen . Die
Schwachen haben ein Recht auf die Hilfe der
Stärkeren . . In welcher Form wir uns diese Hilfe
denken , das haben unsere früheren Kongresse
dargethan , und auch dieser wird hoffentlich Auf¬
klärung über die Gerechtigkeit unserer Wünsche
und die Loyalität unseres Vorgehens verbreiten .
Die Judenfrage kann nur von den Juden selbst
gelöst werden , das ist unsere Ansicht .
Aus diesem Grundsatz ergiebt sich logisch
alles weitere . Wir haben * uns darum von den
früheren Methoden abgewendet . Wir haben
nicht durch Schimpfereien zu beweisen versucht ,
dass wir feinere Leute seien . Wir haben auch
nicht in unbestimmten Predigten auf die . nahe
bevorstehende Verbfüderung aller Menschen hin¬
gewiesen . Wir wollen uns ferner nicht eine
ändere ' Nationalität als Maske vorbinden . Und
endlich arbeiten wir nicht auf den Umsturz aller
Dinge hin . All dies ist unsere Sache nicht . Wir
glauben vielmehr , dass in der bestehenden Rechts -
und Gesellschaftsordnung die Mittel zur Lösung
der Judenfrage zu finden sind .
Was man von Leuten , die sich an die
Lösung einer grossen Frage heranwagen , vor
allem verlangen dürfte , ist sowohl ein genügen¬
der Ernst als auch die Ruhe in der Beurteilung
. der gegebenen Verhältnisse . Diese Verhältnisse
• sind traurig , aber mit Jammern allein kommt man
. nicht vom Fleck . Wenn wir uns fähig zeigen ,
zuj That fortzuschreiten , so kann uns die Mit¬
wirkung . vieler rechtschaffener Menschen nicht
fehlen , Anzeichen dafür sind in Fülle vorhanden .
Es muss sich ja auch jedem Unbefangenen die
Erkenntnis aufdrängen , dass wir eine endgiltige
Lösung vorschlagen . Heute ist das jüdische
" Proletariat nicht nur das ärmste und unglück¬
lichste , sondern auch das unruhigste und am
meisten beunruhigende . Haufenweise ist es fort¬
während auf der Wanderung begriffen , aus einem
Elend in das andere , . und wie gross muss das
bisherige Elend sein , wenn sie sich den Ver¬
zweiflungen einer solchen Wanderung aussetzen ,
um ein neues Elend aufzusuchen . Dieses Prole¬
tariat sesshaft und arbeitsam zu machen , wäre
schon an und für sich eine hohe Aufgabe , ab¬
gesehen von jeder nationalen oder religiösen
Richtung . Sie wissen , dass an der Aufgabe sich
schon vor uns manche versucht haben , mit gutem
Willen , auch mit grossen materiellen Mitteln . Sie
wissen aber ebenso , dass die Versuche fehl¬
geschlagen sind . Warum ? Weil jene von einem
unrichtigen Prinzipe ausgingen . Sie meinten : Im
Anfang sei das Geld . Nein ! Im Anfang ist die
Idee . Für Geld bekommt man Mietlinge , ein
Volk lässt sich so nicht aufraffen . Dies kann
nur eine Idee zuwege bringen . Sie hat es zu¬
wege gebracht .
In unserer Kritik der früheren Versuche
müssen wir uns aber vor Hochmut hüten . That -
sächlich stehen wir zu den früheren Zionisten
" nur in dem Verhältnisse von Leuten, . die moderne
Verbesserungen an einer unbrauchbaren alten
Maschine anbringen . Ehrwürdig ist die alte Ma¬
schine , doch — sie gehört ins Museum . Wir
würden unseren Gegensatz schon aus Pietät für
die Vorläufer und Gesinnungsverwandten nicht
so scharf betonen , wenn die ungenügenden Er¬
gebnisse jener Versuche nicht als Argument gegen
uns geführt würden . Die wohlthätige Kolonisation
ist gescheitert , die nationale wird gelingen .
• Wenn man uns aber fragt , was wir mit den
Ansiedlern anfangen wollen , so sind wir nicht
in Verlegenheit . Wir wollen sie zu Boden¬
ständigen , zu wirklichen Landsassen machen . Sie
sollen auf der Scholle , von der Scholle leben ,
nicht besorgt als kraftlose Händler nach dem
Marktpreise auslugen . Den Markt sollen sie nur
mit den Erzeugnissen aufsuchen , die sie über
den Eigenbedarf hinaus haben . Jede Ansiedlung
soll . sich nach den Grundsätzen , die uns Er¬
fahrung und Wissenschaft heute schon an die
Hand geben , als landwirtschaftliche Produktiv¬
genossenschaft selbst verwalten . An diese Grund¬
sätze werden wir anknüpfen müssen , wenn wir
mit Gottes Hilfe die öffentlich - rechtlichen Sicher¬
heiten unseres Programms erlangen . So lassen