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Dr . Ernst Tuch : Jüdische Arbeitsnachweise .
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Aus dem bisher Angeführten ergeben sich aber
nicht nur die erheblichen Schwierigkeiten , mit welchen
die Arbeitsnachweise zu kämpfen haben , sondern auch
die grossen und weiten Aufgaben , die ihnen noch für
die Zukunft gestellt sind .
Da die jüdischen Arbeitsnachweise ein Interesse
daran haben , dass sich die Anzahl der Berufe , denen
sie die Arbeitsuchenden zuführen können , vermehre , so
müssen , sie sich in hervorragender Weise an den jungen
Bestrebungen beteiligen , die Juden in erhöhtem Masse
„ produktiven " Erwerbszweigen zuzuführen . Von selbst
wird der Arbeitsnachweis darauf geführt , manche , die
sich an ihn wenden , in einer oder der andern Weise
auszubilden . So hat der Berliner Verein Schreibkurse
veranstaltet , wodurch er , wie der Bericht des Jahres
1898 sagt , in den Stand gesetzt war , „ Personen , die
vorher nicht erwerbsfähig waren , in Stellungen zu
bringen . " Dies war nur ein Versuch . Unternehmungen
ähnlicher Art könnten sich in leichter Weise an den
Arbeitsnachweis angliedern , oder besser gesagt , von
ihm in Anregung gebracht werden , so Sprachkurse ,
Bügel - und Plätt - Unten icht oder dergl . mehr . Selbst¬
verständlich ist hiermit die Entwickelung nicht ab¬
geschlossen . Mit Naturnotwendigkeit werden Arbeiter¬
stätten und Arbeiterkolonien entstehen . So haben wir
die Arbeiterkolonie in Weissensee bei Berlin , ähnliches
wurde eine Zeit lang in Hamburg durchgeführt , auch
in Wien wurden im ersten Jahre Arbeitsschulen für
Kravattennähen , Tambourieren , Miedernähen , dann für
Konfektion von Schürzen , Jupons und Blusen errichtet ;
sie mussten dort vorläufig wegen Geldmangels wieder
aufgegeben werden . Wir sehen also überall Ansätze
nach dieser Richtung . So werden allmählich an ver¬
schiedenen Orten für diejenigen , die im wirtschaftlichen
Leben völlig Schiffbruch erlitten haben , Arbeiterkolonien
gegründet werden , in denen sie in kurzer Zeit eine leichte
manuelle Tätigkeit erlernen können und so dem Va -
gantentum entrissen werden ; für Lehrlinge und Lehr¬
mädchen werden Arbeits - und Haushaltungsschulen zu
gründen sein . Mit allen diesen Institutionen muss der
Arbeitsnachweis in engster Fühlung stehen , und zu
Neugründungen auf diesem Gebiete , wo sie erforderlich
sind , immer wieder neue fruchtbare Anregungen geben .
Für diejenigen , welche besser dotierte Stellungen suchen ,
hat er die oben erwähnten Versammlungen von Inter¬
essenten zu veranstalten .
So stehen die Arbeitsnachweise im Centrum der
grossen wirtschaftlichen Bewegung der Juden . Aller¬
dings dürfen nun nicht mehr wie bisher nur lokale
Arbeitsnachweise errichtet werden , sondern planmässig
muss überall in ganz Deutschland an die Gründung
solcher Nachweise geschritten werden und diese
einer Zentrale ( in Berlin ) angeschlossen werden . Diese
Frage ist neuerdings in Angriff genommen worden .
Bereits im Jahre 1898 hat der Verbandstag des D . J .
G . B . auf Anregung des leider zu früh verstorbenen
eifrigen Vorkämpfers der Arbeitsnachweis - Bewegung ,
Eugen Rosenstiel , beschlossen , . „ dass eine zentralisierte
Organisation für Arbeitsnachweis eingerichtet werde . "
Nunmehr ist in Berlin der „ Verband der Vereine zur
Förderung von Handwerk und Bodenkultur " be¬
gründet worden , in dessen § 2 hauptsächlich „ der Zu -
sammenschluss der bestehenden und neu zu gründenden
Arbeitsnachweise " als Aufgabe des Verbandes auf¬
geführt wird .
Hier ist die grosse , ganz Deutschland umspannende
Organisation geschaffen worden , die den so notwendigen
und so segensreichen jüdischen Arbeitsnachweisen in
hervorragender Weise ihre Tätigkeit erleichtern will und
erleichtern wird . Möge sie von bestem Erfolge gekrönt
werden , möge sie ein bedeutungsvoller Schritt sein auf
dem Wege , der die Juden zur wirtschaftlichen Selb¬
ständigkeit führt .
ZUR LANDFRAGE IM ZIONISMUS .
Von F . P .
Wie verlautet , soll der Führer der zionistischen
Partei , Dr . Theodor Herzl , in Kairo gewesen sein ,
um dort wegen der Erwerbung eines zu Palästina
gehörigen , aber unter ägyptischer Oberhoheit stehen¬
den Stückes Landes zu unterhandeln .
Es kann sich bei den Verhandlungen nur um den
schon länger in der Debatte stehenden Landstrich
El Arisch * ) im äussersten Südwesten von Pa¬
lästina , im sogenannten Aegyptisch - Palästina , han¬
deln . Der Landstrich ist ca . 1000 qkm gross
* ) Vergl . den Artikel „ Ein vergessenes Stück Palästina "
in No . 1 Jg . 1901 von „ Ost und West 0 .
und hat eine Bevölkerung von nahezu 5000 Men¬
schen , wovon 3546 allein auf die Stadt El Arisch
entfallen . Das Gebiet könnte unter günstigen Um¬
ständen recht wohl 100 000 Menschen ernähren ,
weil einmal die Bedingungen für eine bedeutende
landwirtschaftliche Produktion gegeben sind , da
„ das Gerstenland von Gaza " in dieses ägyptisch¬
palästinensische Gebiet hineinreicht , und sich hier
Feigen - und Dattelbäume sehr gut anpflanzen lassen .
Dann aber ist nicht zu vergessen , das die geplante
Bahn Alexandrien - Iscanderun - Aleppo , welche
die Verbindung zwischen den anatolischen Bahnen
und der grossen Bahn Kairo - Südafrika herstellen