Herausgegeben und redigiert
von
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 2. Februar 1907. TO. Jahrg.
BERTHOLD AUERBACH.
Zur 25. Wiederkehr seines Sterbetages.
Von B. Saplira. Nachdruck verboten.
Als ganz junger Mensch bekam ich in einem weltabgelegenen Winkel einmal ein Buch in fremdsprachlicher ITebersetzung zur Hand, das den Titel trag „Im Palast und in der Hütte". Es war dies der Roman „Auf der Höhe" von Berthold Auerbach. Der Yerfasser war schon tot, ich aber hörte damals zum ersten Mal seinen Namen. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte und hinauslief in die Felder, um des mächtigen Eindruckes Herr zu werden, sagte ich mir: das muss ein Jude geschrieben haben. Iii dem Buch kam kein einziger Jude vor, es spielte in einem vom jüdischen Leben himmelweiten Milieu: im Königspalast und in der Bauernhütte. Gleichwohl schwebte über dem Ganzen etwas Jüdisches, undefinierbar, aber deutlich fühlbar. Die Idee der menschlichen Verantwortlichkeit, dass man seine Schuld nicht durch den Tod, sondern durch ein reines Leben sühnen müsse und könne, die kräftige und unverwüstliche Weltfreude, die lächelnde, verzeihende Milde und Nachsicht, die humorvolle Geringschätzung irdischer Pracht und Grösse, tönten in meinen Ohren wie ein fernes, aber deutliches Echo biblischer und talmudischer Sprüche: War das nicht irgend ein verkappter Rabbi, der in das Gewand des Romanschreibers geschlüpft? Am stärksten hatte es mir Irma angetan. Diese Irma war meine erste Liebe, das Mädchen meiner Knabenträume. Und dann jener Mann, dem ewige Blindheit droht, und der noch vorher die Welt durchstreift, um sich an der Schönheit der Menschen und der Dinge sattzusehen. Ich war fest überzeugt, dass das nur von einem Juden geschrieben sein konnte. Und wie einst Gutzkow „erschrak", als er erfuhr, dass Börne — denkt euch, bitte, Börne in eigener Person — ein Jude sei, so war ich freudig überrascht und bewegt, als ich erfuhr,
dass meine Ahnung mich nicht getäuscht hatte Er hatte sogar zwei Romane aus dem jüdischen Leben geschrieben und war dabei; einer der angesehensten und einflussreichsten deutschen Schrittsteller gewesen.
Erst später, viel später lernte ich Berthold Auerbach als Juden kennen, aus seinen Briefen an seinen Vetter Dr, Jakob Auerbach, dessen wunderschöne Bibelübersetzung* in Deutschland so populär geworden ist. Es ist dies eine eigenartige Briefsammlung, die sich über mehr als fünfzig Jahre erstreckt und nur selten ein paar Tage lang ruhte. Ein Tagebuch, voll von intimen Bekenntnissen, voll von persönlichen Erlebnissen, ein wahres Spiegelbild vom innersten Wesen des Schreibers. Auerbach hatte diese Briefe, wenigstens in den Anfängen, sicherlich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt. Er legte nur in die Hände des geliebten Jugendfreundes eine „Generalbeichte" ab, berichtete ihm getreulich von allem, was ihn betraf und was ihn innerlich bewegte; er wollte, wie er sich ausdrückte, bei ihm „in künftigen alten Tagen ein Erinnerungsmal seines Lebens wiederfinden". Diese von Jakob Auerbach herausgegebenen Briefe sind eines der lesenswertesten Bücher, gleichwohl sind sie unter allen Büchern Berthold Auerbachs das am wenigsten beachtete. Das Buch ist nämlich „zu jüdisch"; Grund genug, um von Juden nicht gelesen zu werden, und von Christen — erst recht nicht, Jüdisch sind nun freilich alle Bücher Auerbachs, am jüdischsten die, die gar nicht von Juden handeln. Aber sie sind es sozusagen latent, unbe- wusst. Es ist rührend, wie Auerbach, der ein glühender Verehrer Spinozas war, sich einbildet, in seinen Erzählungen „konsequent" die spinozistische Weltanschauung durchzuführen, während er nur das
