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R. Saphra: Berthold Auerbach.
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was an dieser Weltanschauung jüdisch ist, konsequent durchfuhrt. Denn nichts eignet sich wohl weniger zur künstlerischen Darstellung als der Spinozismus mit seiner tiefen Gedankenblässe und Blutleere. Und die Gestalt Spinozas selber, wie sie, von Auerbachs Meisterhand gezeichnet (in dem gleichnamigen Roman), auf den Leser einen unauslöschlichen, unvergesslichen Eindruck macht, ist gar nicht der richtige Spinoza. Will man dessen Urbild finden, so muss man es unter den Weisen des Talmud suchen oder unter den jüdischen Rabbinern des Mittelalters. Auerbach hat von dem Antlitz seines Helden alle historischen Flecke weggewischt und es mit einer fast überirdischen Aureole umgeben, aber ein künstlerisch veredeltes Bild der bewegten Zeit Spinozas hat er nicht geboten. Namentlich binderte ihn sein rationalistischer und aufklärerischer Standpunkt, den Gegnern Spinozas gerecht zu werden, in ihre Motive tiefer einzudringen und zu erfassen, zu ergründen, was in ihren Seelen vorging. Hier hinderte der Gesinnungsmensch den Künstler und trübte sein Verständnis. Künstlerisch ungleich höher steht „Dichter und Kaufmann", ein Meisterwerk psychologischer Kleinmalerei, ein vollendetes Zeitgemälde der Mendelssohnschen Epoche. Es ist ein edles, tiefes und trotz des vielen Traurigen, das es enthält, doch so heiteres Buch, dass man es heute, Sechsundsechzig Jahre nach Erscheinen, mit wahrer Wonne und grossem Nutzen lesen wird. Ausser diesen beiden Romanen plante Auerbach noch eine Erzählung aus dem jüdischen Leben „Schuliach Mizwah" und einen grossangelegten Roman „Wir JudenKeines von beiden ist zur Ausführung gelangt. Wer aber Auerbach als Juden, seine jüdische Seele kennen lernen will, der muss in seinen Briefen an den Vetter blättern. Dort findet man ein unbewusst und ungewollt entworfenes Selbstkonterfei, das festgehalten zu werden verdient. Berthold (eigentlich Moses Baruch) Auerbach war „in einer lustigen Purimnacht" am 28. Februar 1812 in Nordstetten in Württemberg geboren. Er bezeichnete sich selber als die Verbindung von zwei verschiedenen, aber verwandten geistigen Elementen: „Der leichtlebige, lustige Musikant von mütterlicher und der ernst vornehme grüblerische Rabbi von väterlicher Seite, seltsam gemischt." Es war eine kinderreiche, in sehr ärmlichen Verhältnissen lebende Familie, der Auerbach entstammte. Die Eltern bemühten sich, dem begabten und aufgeweckten Knaben eine gute Erziehung zu geben. Nach Vollendung seines 13. Lebensjahres konnte er sich auf die damals in Hechingen existierende Jeschiba begeben. Zwei Jahre darauf finden wir ihn an der talmudischen Hochschule zu Karlsruhe; dann bezog er das Gymnasium in Stuttgart. Allmählich wandte sich sein Sinn vom Talmudstudium ab. Die Art, in der damals dieses Studium in Deutschland betrieben wurde, konnte seinem auf das Plastische, Klare und Lichtvolle gerichteten Sinn auf die Dauer nicht behagen. So ist es denn kein Wunder, dass der Neunzehnjährige die naseweisen und leichtfertigen Worte schrieb: „Der jüdische
Koran, Talmud genannt, ist nicht wert, dass im 19. Jahrhundert ein talentvoller Jüngling sich lediglich mit ihm befasst — ein Buch, in dem die erhabenste Moral neben dem gemeinsten Sophisma steht." Er konnte nicht ahnen, dass wenige Jahrzehnte darauf zahlreiche begabte christliche Jünglinge den „jüdischen Koran" für wichtig genug halten würden, um mit der grössten Mühe in ihn einzudringen. Dass er die hohe kulturelle Bedeutung einer wissenschaftlichen Erforschung des Talmud verkannte, ist jedoch viel verzeihlicher als der billige Vorwurf von der Nachbarschaft der höchsten Moral mit dem „gemeinsten Sophisma". In allen Schriften alter Kulturepoehen, im Zend-Avesta, in den Veden, in den Reden Buddhas bei Piaton, und bei den griechischen Tragikern findet sich immer das Ewige dicht bei dem Vergänglichen; also die erhabenste Moral neben dem, was uns, durch den Nebel der Zeiten betrachtet, als „gemeines Sophisma" erscheint, und das im genetischen Zusammenhange zu verstehen eben Aufgabe einer universellen Betrachtung ist. Aber trotz dieser abfälligen Aeusserung über den Talmud war Auerbach doch von seinem Geist zu sehr imprägniert, besonders waren in seinem Geiste die wundervollen Bilder und Sentenzen der Haggada haften geblieben — unbewusst vielleicht — und sie kehren oft in seinen Schriften und Briefen wieder. Etwas blieb immer von der Theologie an ihm hangen, und es zog ihn immer wieder zu ihr hin.
Auerbach studierte in Tübingen und in Heidelberg. Als Mitglied der Bursehenschaft geriet er in Untersuchung und musste wegen des Verbrechens, die Einigung Deutschlands anzustreben, zwei Monate auf dem Hohenasperg, dem „har haggeboa", wie er ihn scherzend auf hebräisch nennt, brummen, weshalb er auch nicht zum Examen zugelassen wurde. Er hatte sich mittlerweile sehr erfolgreich als Schriftsteller versucht. Er hatte eine Geschichte Friedrichs des Grossen veröffentlicht, dann einen umfangreichen Aufsatz über die Juden und die neueste Literatur. Im Jahre 1837 enstand sein „Spinoza" und drei Jahre darauf „Dichter und Kaufmann". TJeber den Spinoza schreibt er: „Du kannst es kaum erfassen, welche Seligkeit ich bei der Abfassung dieses Buches genoss. Und doch fehlte mir oft, ja meist, der nervus rerum. Wochenlang habe ich keinen Heller in der Tasche. Von Familien- und persönlichen Verhältnissen belastet, zog ich mich in meine Arbeit zurück und vergass alles". Ueber „Dichter und Kaufmann" schreibt er: „Oft, wenn sich mein einsames Innere mit Gestalten füllte, die sich vor mir und in mir bewegten, da schwebte ich im seligsten Aether, und alles, was ich davon festgebannt, ist leider nicht der volle Klang dessen, was in meiner Seele tönte. Das Buch ist ein Lebensabschnitt von mir".
Im Jahre 1890 bewarb sich Auerbach um eine Predigerstelle am „Tempel" zu Hamburg. „Aber das Schicksal wollte nicht, dass ich noch zur Euhe komme. Es war das letzte va banque, dass ich der Theologie zurief, sie schüttelte den Kopi Gut."
