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H . York - Steiner : Koriander , der Chasan .
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die intimen Gerüchte das Interesse noch erhöht — aber
das alles schwand , als Koryan das Preislied anstimmte .
„ Morgendlich leuchtend in rosigem Schimmer, "
klang es von der Bühne her . Alle " Welt kannte die
Tonfolge , jede Phrase und alle Steigerungen , und alle
meinten , das Lied zum erstenmal zu hören , es ertönte
voll Poesie , voll sieghafter Kraft mit einer fremdartigen
Beimischung , die den Eindruck eher steigerte .
Seine Hoheit hatte das Zeichen gegeben , und das
ganze Haus erhob sich zu einmütigem Beifall . Die
Kollegen waren voll rührender Aufregung . Ihre
Künstlerseelen , die sonst unter einem Wust von Klein¬
lichkeiten , Routine und Selbstsucht verschüttet lagen ,
waren aufgerüttelt , sie gaben sich rückhaltlos dem
Genüsse und der Freude über den Sieg des jungen
Künstlers hin r
Die Vestro nahm ihn beiseite und flüsterte ihm
zu : „ Gelt , nach diesem Erfolg bist nicht mehr bös auf
mich — gelt , nein ? " Er atmete tief auf und schüttelte
den Kopf . — —
Der Erfolg blieb ihm treu , er sang voll Kraft
und Poesie und wuchs auch als Darsteller .
Einmal fragte ihn Bierbaum — als die Vestro
längst verheiratet war und das Theater verlassen hatte :
„ Geh , sag ' mir einmal , wieso ist denn eigentlich Deine
Umwandlung geschehen ? Du bist ja seit Deiner Reise
ein ganz anderer Mensch , ein anderer Sänger . "
Koryan schwieg lange , als müsste er sich be¬
sinnen . „ Ja, " meinte er endlich , „ so oft ich auf die
Bühne komm 1 , bild ' ich mir ein , es ist Sabbat . "
Und Bierbaum verstand ihn doch nicht . — — —
HEBRÄISCHE GESANGE .
Eine Erwiderung .
Sehr geehrte Redaktion ! Im Novemberheft ( No . 11 )
Ihrer geschätzten Monatsschrift _ , ; Ost und West " ver¬
öffentlichten Sic eine Beurteilung meiner Sechs
hebräische Gesänge ( von Lord Byron ) nach jüdischen
Melodien " , die den Anschein erweckt , meine musikalische
Arbeit in einem wenig günstigen Licht erscheinen zu
lassen . Es sei mir daher gestattet , in sachlichem
Interesse dieselbe auch von einer anderen Seite be¬
leuchten zu dürfen .
Ks war nicht meine Absicht , mit meinen . . hebrä¬
ischen Gesängen " ( « lies ist der allgemein üblicheTitel , den
z . 1 ) . auch Kol ) . Schumann gebraucht ) , moderne Musik¬
stücke aus einzelnen hebräischen Motiven , \ \ \ c etwa
das Bruchsche . . Kolnidrei " , zu komponieren ; noch
weniger wollte ich sie neben die herrlichen . . Kruste .
Cresängc ' ' von Brahms gestellt wissen . Ich glaubte
vielmehr , dass die Verbindung der von jüdischem
( » eist durchwehten Byronschcn Gedichte mit den aus
dem jüdischen Gemütsleben entsprungenen alten
nrigina 1 melodien eine dem jüdischen Kmpfinden ent¬
sprechende Stimmung erzeugen müsste , und in diesem
Sinne habe ich versucht , mir passend scheinende
Texte und Melodien zu vereinigen und den Original¬
weisen in Stil und Charakter entsprechende
J ■ > eg leit u n gen u nte rzu 1 e g en .
Dass nach dieser Richtung mein Versuch auf
künstlerischer Grundlage als gelungen zu betrachten
ist , beweisen die vielen zustimmenden Kritiken und
Zuschriften hervorragender Künstler . So schreibt
Tgnaz Brüll in Wien : . . . . . . Ks ist zu verwundern ,
wie vortrefflich Sie den Texten die altjüdischen Weisen
anpassten . Die Gesänge machen ganz den Kindruck
von Original - Kompositionen und zwar von herrlichen
Original - Kompositionen . Wie tief und schein sind
diese Weisen ! Ihre B e g 1 e i t u n g stets ch a r a k t e -
ristisch , interessant , die Melodie hebend und sie
nie überwuchernd . . .
Acimlich und durchaus zustimmend äusserten sich
die Musikkritiker und Komponisten Prof . J . Sittard , Prof .
Emil Krause , Prof . Jul . Spengel , Prof . Arnold Krug u . v . a .
Gestützt auf solche Dokumente künstlerischen
Wertqs glaube ich , in meinen hebräischen Gesängen
insbesondere dem geehrten Leserkreis von „ Ost und
West " ein Stück jüdischer Kunst empfehlen zu
können , das textlich und musikalisch seinem jüdischen
Empfinden entsprechen dürfte , und das geeignet er¬
scheint , im Konzert wie im häuslichen Kreise als
wünschenswerte und gern begehrte Gabe begrüsst zu
werden .
Hamburg .
Hochachtungsvoll
M . He nie .
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