187
Thekla Skorra : Judenjunge .
1S8
In Daniels Augen blitzt es auf , aus dunkelsten
Seelentiefen ; und nicht Liebe ist ' s , was da flimmert .
In diesem Augenblick nur Hass , Hass gegen die
Hasser seines Volkes, ' die ihnen allen die Glücks¬
kraft gestohlen , das Jubeln sie verlernen gemacht ,
den Strick der Verachtung ihnen um das Lachen
geschnürt . Drum senkt er wortlos den Blick vor
ihrem hellen , forschenden .
„ Bücherwurm ! " zuckt ' s da spöttisch um Majas
trotzigen Bachantenmund .
Verlegen nur kann er zu ihr auf lächeln von
seiner Sofaecke aus , und möchte doch lieber
aufschreien : „ Ach ihr ! ihr ! Mussten wir nicht zu
den Büchern greifen , wo das Leben uns verstiess ?
Um roten Lebenssaft schwarze , tote Weisheit
tauschen ? Wir alle , denen die Tage bei Geldgier
und Broterwerb unerträglich , alle , in denen die
Sehnsucht noch nicht erstorben . "
Die . Sehnsucht , wie hat sie ihm diese Stunde
vorgegaukelt , gleich einer märchenglitzernden
Unmöglichkeit in hundert arbeitsöden Nächten .
Die alle bewunderten , alle umschwärmten :
Er hat sie geliebt .
„ Ja , weisst Du ' s denn ? Und bist Du darum
gekommen , hierher zu mir ? " hat ' s in ihm ge¬
jubelt , vorhin bei ihrem Eintreten , aber er könnt '
es nicht sagen , nicht über die Lippen bracht ' er ' s .
„ Weisst Du ' s denn , dass Du mein Blüten¬
traum gewesen bist , meine Jugend , in all dem
giücklosen Strebertum ; vergreisen hat es meine
Jünglingsjahre gemacht . Aber dann , Maja , rubin¬
rot haben Deine Locken dann um graue Weis¬
heitsbände gewirbelt .
Rubinrote Sehnsucht , Dich allein haben sie
nicht zertreten können in uns mit all ihren Fuss -
MARIE COHEN . HAMBURG .
Mädchen aus Dachau .
MARIE COHEN . HAMBURG .
Alte Frau .
tritten , so hast Du auch flammend vorangeleuchtet
in dem Grau von Judas Wüstengange . "
Wie sie ihn beneiden würden , die andern ,
die hochmütigen Vollblutmenschen , um diese
Stunde , wenn — er sie zu leben wüsste .
Und die Zeit steht nicht still , bald ist die
Stunde um, — und MajasLiebeswerben wartet nicht .
Schauspielerin Maja , die junge Liebes -
priesterin , nach der aller Arme sich brünstig ver¬
langend ausstreckten , und für deren Küsse es
doch keinen Preis gab als Liebeskraft und
Lebensfülle .
Das tolle , junge Geschöpf , das heute sein
Geld zum Fenster hinauswarf , um morgen zu
hungern . Rücksichtslos hier von denen borgte ,
die nie den Schatten einer Gunst von ihr zu
hofien hatten ; dort ihre ganze Leidenschaftsfülle
verschwendete an den ersten , besten , armen ,
dummen Jungen : nur weil er für einen Tag ihr
Blut erwärmt .