Thekla Skorra : Judenjunge .
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In dieser kalten Welt , in der Vernunft und
Gold einsam auf dem . Marmorthrone sitzen , so
herzerquickend unvernünftig sich verschwendend ;
unvernünftig wie die Blütenpracht , die der Früh¬
ling über die kahlen Lande streut , ohne Rechnen
und Wägen , ohne Zweck und Ziel ; wie taumeln¬
der Schneeflocken zarte Silbersterne , die um
Mittag die blasse Wintersonne schmilzt , noch
bevor sie den harten Erdboden erreichen . Und
die doch so schön sind , so lebenversöhnend schön .
Und nun diese Maja hier in seinem frostigen
Studenten - Chambregarni .
Traum scheint ' s ihm noch . Hat er ihn nicht
oft schon geträumt ? mit geschlossenen Augen —
wenn seine junge Manneskraft — wochenlang hat
er sie bezwungen , in herber Selbstüberwindung
— und dann — dann hafs ihn doch wieder besiegt .
Maja ! Er sieht , wie ihre Sinne nach ihm
verlangen , sieht , wie gerade seine Hilflosigkeit ,
die so kühl scheint , ihr Blut aufpeitscht . Auf
die Brust , die unter dem losen Gewand auf und
nieder wogt , presst sie einen Augenblick wie
eindämmend die Hände ; dann vergräbt sie sie
leise streichelnd in seinem tiefen , schwarzen Kraus¬
haar . Diese seltsamen Hände , deren Form so
viel seelische Eigenart zeigt , deren vorquellendes ,
blaues Geäder von so viel Leidenschaft erzählt .
Und wie er noch atemlos — halb von Leiden¬
schaft , halb von dem gewaltsamen Wirbeltanz
vorhin — nach Luft ringt , presst sich ihr Mund ,
ihr seltsamer Sehnsuchtsmund auf seinen .
Hat er nicht die heissen Semitenlippen ?
Warum hat das Leben sie nicht küssen gelehrt ?
Ach , „ Solche " küsst man nicht , und lieb , lieb
gehabt hat den gelehrten Judenknaben noch keine .
Ein wildes Weh packt ihn in diesem Augen¬
blick , Mitleid mit seiner lichtarmen Jugend , mit
seinem gehetzten Volk — und aufflammt der
Hass und begräbt alle Liebe . Jener Hass der
alten Juden , die so gute Hasser gewesen , so ehr¬
liche — die noch nichts wussten von all der
Christenliebe , die Ahasverus durch die Jahrtausende
gehetzt .
„ Aug ' um
Auge , Zahn um
Zahn ! " du über¬
mütig Ding , du
Enkelin der
Lebensprasser
und Liebes¬
fürsten ; o du ! du
sollst auch ein m al
spüren , wie ' s tut ,
alles Geniessen
mit Augen sehn ,
mit Händen grei¬
fen , und doch
nicht erreichen
können . Lieben ?
Euch lieben ? Wie
ihr uns geliebt
habt . Da ---
Mit einer nie
gewohnten , bru¬
talen Bewegung
stösst er sie von
sich . Aufschluch¬
zend lässt er ,
gegen die Sofa¬
lehne zurückge¬
sunken , den Kopf auf die Brust hängen .
Starr blickt Maja einen Augenblick , reglos ,
mehr verwundert als empört . Dann schürzen
sich verächtlich die blassroten Lippen : „ Schluchzen
kann er , aber jauchzen nicht — Judenjunge ! "
Als Daniel endlich aufblickt : Verschwunden
ist Maja , zerflattert das bunte Glück ; aller klingende
Jubel : ungenossen verhallt .
Wohl wirbelt noch der aufgestörte Staub
durchs Zimmer . Wo aber sind die Sonnen¬
strahlen , die ihn vergoldeten ?
Durch den schmerzenden Kopf zuckt ' s dem
wieder Vereinsamten : , ,Untauglich fürs Leben " .
Spottend hallt ' s noch von den Wänden nach :
„ Judenjunge ! "
MARIE COHEN . HAMBURG .
Mädchen vom Lande .