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Bernh . Münz : Eine neue Spinoza - Biographie .
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von 500 Gulden , die Isaak de Vries ihm bestimmt
hatte , auf 300 FL , die er für genügend hielt , herab .
Man kann sein Streben nach Unabhängigkeit und
seine Uneigennützigkeit nicht deutlicher an den Tag
legen , als Spinoza es tat . Aehnliche Selbstlosigkeit
betätigte er gegenüber den Angehörigen Jan de Witts .
Der Ratspensionär hatte ihm eine Pension von
200 Gulden ausgesetzt . Als aber seine Erben zögerten ,
den Betrag auszuzahlen , gab er ihnen ohne - weiteres
die von de Witt ausgestellte Schenkungsurkunde
zurück , was jene dann veranlasste , ihm nunmehr gern
zu bewilligen , was sie vorher verweigert hatten . Ob¬
gleich in sehr ärmlichen Verhältnissen lebend , lieh er
doch von dem Wenigen , das er besass , anderen , die
noch ärmer waren als er . Und als er hörte , dass je¬
mand , der ihm eine nicht unbeträchtliche Summe
schuldete , sein ganzes Vermögen verloren hatte , sagte
er lächelnd : „ Da werde ich meine gewöhnlichen Aus¬
gaben etwas verringern müssen , um diesen kleinen
Verlust auszugleichen . "
Spinoza war nicht weltfremd . Dies bezeugt , um
von allem anderen abzusehen , ganz besonders der
theologisch - politische Traktat , der eine Tendenzschrift
im vornehmsten Sinne ist , und um dessen willen er die
Ethik unmittelbar vor ihrer Vollendung beiseite legte .
Freudenthal widerlegt die Vermutung eines namhaften
Forschers , Wilhelm Bolins , dass das angeblich
durch Theologen herbeigeführte traurige Geschick des
Philosophen Geulincx Spinoza zum Kampfe gegen die
Theologie seiner Zeit veranlasst habe , und beweist
überzeugend , dass ganz andere und wichtigere Motive
hierfür massgebend waren . Der Kampf zwischen
Staat und Kirche , der die Völker Europas im Mittel¬
alter aufs tiefste erregt hat , ist auch den vom spa¬
nischen Joche befreiten Niederlanden nicht erspart ge¬
blieben , wenn er auch hier allerdings mildere Formen
angenommen hat . Der Kulturkampf nun hat in
Spinozas Geist den Plan zum Traktat gezeitigt . Den
theologischen Inhalt des Buches hatte er schon während
seiner Studienjahre überdacht und in späteren Jahren
immer wieder von neuem in Erwägung gezogen . Die
politischen Gedanken aber erhielten erst eine feste
Gestalt , seitdem er im Sommer 1663 durch seine Ueber -
siedlung nach Voorburg Jan de Witt , der 20 Jahre
lang die Politik seines Landes geleitet hat , näher¬
getreten war . Hier bot sich ihm die Gelegenheit ,
de Witts politische Ansichten und Ziele und die Machen¬
schaften seiner Gegner kennen zu lernen . Er sah das Ver¬
trauen zu dem grossen Staatsmanne durch die Wühlereien
der Orthodoxie erschüttert , die Grundlagen des republi¬
kanischen Staatswesens , wie er sie verstand , im Namen
missverstandener Religiosität angetastet . Da Hess er
die Hände von seinem metaphysischen Lebenswerk ,
welches kein unmittelbar praktisches Interesse hatte ,
und trat als ein mächtiger Mitstreiter in die Reihe der
Männer ein , die seit dem Anfang der 60er Jahre für
die Politik des Ratspensionärs in Wort und Schrift ge¬
kämpft hatten . Ihn liess auch die Erinnerung an alle
Ausschreitungen religiösen Wahns nicht ruhen , die ihn
aus der blutigen Geschichte der europäischen Glaubens¬
kriege , dem furchtbaren Schicksal seines Stammes und
dem eigenen Leben unheimlich anstarrten . Eine
weitere Triebfeder zur Abfassung des Traktats war die
Abwehr der gegen ihn geschleuderten Verdächtigungen .
Er trachtete nicht nach irdischen Gütern , aber er wollte
mit den Menschen zusammenleben , auf die Ge¬
bildeten einwirken , ihnen seine Gedanken mitteilen .
Darum konnte es ihm nicht gleichgültig sein ,
dass man ihn als „ Atheisten und Religionsspötter
und gemeingefährliches Werkzeug in der Republik "
verschrie .
Indem er an die vom Geiste der neuen Zeit er¬
leuchteten Staatsmänner und an alle klar denkenden
Bürger appellierte , die Fesseln der Unduldsamkeit , des
Vorurteils und - des - Gläübenszwangesy die sich wieder
um die junge Republik gelegt hatten , abzuschütteln ,
verteidigte er zugleich den grossen Gedanken der
Denk - und Glaubensfreiheit , so dass der Traktat über
die engen Grenzen einer blossen Parteischrift weit
hinaus wuchs . Die Idee der Gewissensfreiheit ist freilich
nicht neu , aber Spinoza hat sie zum erstenmal nach
ihrer religiösen , politischen und philosophischen Seite
entwickelt und begründet . Und niemals hat es einen
ernsteren und beredteren Streiter für die heilige Sache
gegeben als ihn . So ist der Traktat eine der Fackeln
geworden , welche dem Zeitalter der Aufklärung voran¬
geleuchtet haben . Bahnbrechend ist die grosszügige
Prüfung der biblischen Schriften , die echte historisch¬
philologische Kritik der Bibel , wie sie vor ihm niemand
noch unternommen hat . Durch sie kam er zu dem
Resultate , dass die Bibel sehr verschiedenartige religiöse
und profane Schriften enthält , dass der Pentateuch
aus vielfachen älteren Bestandteilen wahrscheinlich von
Esra zusammengestellt , dass der Text der biblischen
Schriften im Laufe der Jahrhunderte verändert , ver¬
stümmelt und zum Teile gefälscht worden ist , und dass
ihr Inhalt uns nicht berechtigt , ihnen einen höheren
Charakter beizulegen als einem anderen ausgezeichneten
Menschenwerk . Es sei auch ein gefährlicher Irrtum ,
wenn man annimmt , dass die Bibel irgendwie philosophi¬
sche Wahrheiten , erhabene theoretische Kenntnisse und
tiefe Geheimnisse enthalte , welche die Kirche und ihre
Diener den Gläubigen mitzuteilen hätten . Sie lehrt
vielmehr nur höchst einfache Dinge : Liebe zu den
Menschen und Gehorsam gegen Gott . Was sich auf
diese Grundlagen sittlichen Lebens nicht bezieht , geht
die Religion nichts an und muss von ihr abgesondert
werden . Durch diese Ausführungen ist den Ueber -
griffen der Theologen der Boden entzogen und jeder
Anlass zum Streit zwischen Theologie und Philosophie
beseitigt . Beide haben ganz verschiedene Aufgaben .
Wir müssen Freudenthal beistimmen , wenn er
sagt : „ Nur ein Mann wie Spinoza konnte dieses Buch
schreiben . Keiner seiner Zeitgenossen vereinigte , wie
er , alle diejenigen Kenntnisse und Eigenschaften in
sich , die zu seiner Abfassung erforderlich waren : eine
weit umfassende Gelehrsamkeit , insbesondere auf dem
Gebiete der biblischen Literatur , philosophischen Tief¬
blick , politische Schulung , Beredsamkeit und einen
felsenfesten Glauben an die Macht und Notwendigkeit
freien , vernunftgemässen Denkens . Daher denn auch
die grosse Bedeutung , die der Traktat für die ver¬
schiedensten Gebiete geistigen Lebens gewonnen hat .
Es ist schon darauf hingewiesen worden , eine wie
mächtige Stütze die in ihm ausgesprochenen Gedanken
den freiheitlichen Bestrebungen des 18 . Jahrhunderts
geworden sind . Spinozas Auffassung ferner von der
Entwickelung des Judentums und Christentums ist es ,
welche die genetische Betrachtung der Religionen
verbreitet hat . " Und er zeichnet Spinozas Verhältnis
zur Religion trefflich folgendermassen : „ Wer Frömmig¬
keit für Anhänglichkeit an eine der vielen geschicht¬
lichen Gestaltungen des religiösen Lebens erklärt und
Religion dem Judentum oder Christentum gleichsetzt , dem
muss Spinoza als religionslos erscheinen . Und wer Gott
über die Natur hinaushebt und eine unpersönliche , der
Welt einwohnende Gottheit als einen UnbegrifT zurück¬
weist , der wird ihn auch einen Atheisten nennen . Wenn