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Bar - Ami : Aus der jüdischen Sagen - und Märchenwelt .
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Alter Thora , und er deutete ihnen vieles Unerklärliche
und Verborgene , dass unser Mann erstaunt und ent¬
zückt war . Dann nahm ein schöner alter Mann mit
leuchtenden Augen , wie zwei Sonnen , und einem
weissen , langen Bart eine Fiedel und fing an zu spielen ,
das war so wunderbar schön , dass einem dabei die
Seele ausgehen konnte . Und dabei tanzten die andern
alle und tanzten gar lange , aber man sah es ihnen an ,
dass keine Müdigkeit über sie kam , solange sie auch
tanzen mochten . Unser armer Mann konnte sich nicht
sattsehen und satthören an all dem Schönen , welches
hier war . Er vergass ganz , woher er kam , und was
mit ihm geschehen war , und meinte , hier würde er
ewig bleiben in den weissen Gewändern , und würde
den Gesang hören und das Spiel der Fiedel und die
wunderbaren Offenbarungen der Geheimnisse der Thora .
Da kam auf ihn der Mann zu , der ihn hierher geführt
hatte , fasste ihn bei der Hand und geleitete ihn hinaus
durch unterirdische Gänge , weit , weit weg , bis sie
nach einem Raum gelangten , der voll war von Gold
und Edelsteinen , dass es in den Augen flimmerte . Da
sprach der Führer zu unserem Mann : „ Wisse , ich bin
liliah , der Prophet . Ich habe deine Klage gehört und
deine Bitte , dass Gott dir den Lohn , der dich im
Jenseits erwartet , auf Erden in irdischen Gütern be¬
zahle . Ich habe dich nun ins Paradies gebracht , und
du hast da eine ganze Nacht verweilt . Du hast den
Geschmack des Paradieses bei Lebzeiten gekostet .
Das waren die Heiligen und Reinen , die hier ein
ewiges Leben führen . Das war König David , der die
Fiedel spielte , denn es war ja das Festmahl des Königs
David . Wenn deine Zeit auf Erden abgelaufen ist ,
wirst du auch unter ihnen weilen . Aber solange du
lebst , musst du Armut tragen . Denn es wurde be¬
schlossen , dass du entweder diese oder jene Welt erbst .
Doch wenn du auf jene Welt verzichtest , kannst du
dir hier soviel Gold und Edelsteine nehmen , als es dir
beliebt . Nun wähle . " Der arme Mann sann eine Weile
nach . Aber bald wandte er sich ab und ging rasch
hinaus , denn er fürchtete , dass der Jezer - hara ihn bereden
könnte , auf das Paradies zu verzichten . Als der Morgen
graute , stand er wieder im dichten Walde , neben
seinem Wagen und seinem mageren Pferdchen .
* *
*
Das Totengericht .
Es war einmal eine arme Frau . Ihr Mann war
ein Kürschner und ging durch die Dörfer , um Bauern¬
pelze zu nähen oder zu flicken . Gewöhnlich pflegte
er am Freitag vor Abend nach Hause zu kommen
und seinen kärglichen Verdienst mitzubringen . Die
Frau besass eine kupferne Schüssel , die sie jeden
Donnerstag bei einer Nachbarin versetzte , um Sabbat
machen zu können , dann am Sonntag löste sie die
Schüssel ein . Die Nachbarin hielt sich das für eine
Mizwah , da jene ohne ihre Beihilfe nicht imstande
gewesen wäre , etwas für den Sabbat vorzubereiten .
Einmal starb diese Nachbarin . Die arme Frau schämte
sich , bei einer andern anzuklopfen , und dachte bei
sich , vielleicht wird mir Gott auch ohne Schüssel
helfen . Sie wartete Donnerstag bis zum Abend , aber
es zeigte sich nichts . Als die Nacht kam , nahm sie
die Schüssel und ging wie sonst auf die Strasse hinaus
und überlegte , wo sie ein Darlehen aufnehmen könnte .
Da begegnete sie einem fremden Menschen , der vom
Abendgebet aus der Synagoge kam . Dieser redete sie
an und fragte , wohin sie mit der Schüssel wolle . Die
Frau antwortete , ich möchte mir drei Gulden leihen ,
um den Sabbat machen zu können , denn mein Mann
kommt erst morgen spät vor Abend nach Hause . Sie
erzählte ihm die ganze Geschichte , und dass sie so
seit langem zu tun pflegte , aber nun sei ihre Wohl¬
täterin gestorben . Der Fremde sagte zu ihr : Ich will
euch gern das Geld auch ohne die Schüssel leihen ,
das könnt ihr von einer Woche auf die andere haben ,
und wenn euer Mann etwas mehr verdient , könnt ihr
mir es zurückgeben . Die Frau war sehr erfreut , nahm
das Darlehen an und bereitete den Sabbat , wie Gott es
gebietet . Am Freitag abends , während sie die Sabbat¬
lichter anzündete , segnete sie den guten Menschen
und sagte : möge ihm im Himmel eine eben solche
Helligkeit entgegenleuchten ; als sie die Fische ass ,
sprach sie : dass ihm das Paradies so schön duften
möge , wie die Fische duften . So segnete sie ihn
immerfort . Einige Zeit darauf verstarb die arme Frau
und ein Jahr danach auch ihr Wohltäter . Als man ihn
hinaustrug nach dem „ heiligen Ort " ( Friedhof ) , kamen
die Zuchtengel herbeigeeilt , um seine Seele in Empfang
zu nehmen und wollten dabei ihre gewöhnlichen
Streiche beginnen , so wie sie es zu machen pflegen ,
wenn ein Sünder stirbt : da drängen sie sich an seinen
Leichnam heran , der eine kneift , der andere zupft ,
der dritte pufft oder verhöhnt ihn . Aber jene Frau
kam ihm entgegen und schützte ihn vor den Angreifern .
Sie errettete ihn auch von den „ Qualen des Grabes " ,
die jeder Mensch erleiden muss . Denn jene Ver¬
storbenen , die bereits 12 Monate lang ' für ihre Sünden
abgebüsst haben , besitzen im Himmel eine grosse Be¬
deutung und vermögen viel für die Irdischen . Jener
Mann war im Leben Aufseher der Propination ge¬
wesen , hinterliess daher der Witwe kein Vermögen .
Vor dem Tode sagte er ihr , dass er vom Propinations -
pächter , seinem Brotgeber , noch eine bestimmte Summe
zu forclern habe . Er war ein sehr gottesfürchtiger
und guter Mensch . Stets , wenn der Propinations -
pächter einem Armen ein Almosen verweigerte , gab er
es , und verschrieb es auf seine eigene Rechnung . Seine
Frau war darum sehr arm geblieben . Als die sieben
Trauertage vorüber waren , ging sie zum Pächter und
bat , dass er ihr die gebührende Summe auszahle . Der
Pächter aber wurde sehr aufgebracht und schrie : dass
ihn der Teufel holen möge ! Nicht genug , dass er mich
bei Lebzeiten geplündert hat , fordert er auch nach
dem Tode Geld von mir ! Und er wollte nicht be¬
zahlen . Die Witwe eilte sofort nach dem Friedhof
und erzählte alles dem Manne . Sie weinte sehr . In
der Nacht kam der Tote und zog den Pächter und
forderte ihn vor den höchsten Richter . Der An¬
geklagte weint und fleht : „ Lass ' mich nur in Ruhe , ich
will deiner Frau das Geld bezahlen und ihr noch
darauf geben , so viel du willst , nur lass ' ab von mir . "
Jener aber beharrt hartnäckig bei seiner Forderung ,
dass der Pächter ihm vor den höchsten Richter folge .
Der Mann erwachte furchtbar erschrocken , weckte das
ganze Haus auf und alle gerieten in Todesangst . Aber
als der Morgen kam , hatten sie alles vergessen und
schwiegen . Doch in der nächsten Nacht wiederholte
sich dasselbe , und dann auch in der dritten Nacht .
Der Propinator fuhr daher zum Lemberger Rabbiner ,
um seinen Rat einzuholen . Der Rabbiner riet ihm :
wenn der Tote wiederkäme , sage ihm , jene , die Toten ,
müssen den Lebenden nachgeben , für die Lebenden
aber ist das Gericht auf dieser , nicht auf der anderen
Welt . In der nächsten Nacht kam der Töte abermals
und zog sein Opfer mit sich . Der Pächter wiederholte
die Worte des Rabbiners und der Tote Hess ab von
ihm . Tags darauf begab sich der Rabbiner an der