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Die Israeliten Rumäniens .
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und politischen Rechte gemessen , die Gefahr mit
sich , durch ihren Uebergang unter rumänische Herr¬
schaft in Zukunft dieser Rechte beraubt zu werden .
Es ist allgemein bekannt , dass Rumänien , unge¬
achtet der durch den Berliner Vertrag den Mächten
gegenüber eingegangenen Verpflichtungen , fortfährt ,
seine im Lande geborenen israelitischen Untertanen ,
deren Vorfahren seit Jahrhunderten in ununterbroche¬
ner Folge dort gelebt und alle ihre Bürgerpflichten
einschliesslich Militärdienst erfüllt haben , als Fremde
zu behandeln , die weder bürgerliehe noch politische
Rechte haben . Unter solchen Verhältnissen würde
der Uebergang unserer das fragliche Gebiet bewoh¬
nenden Glaubensgenossen ( in dem alte jüdische Ge¬
meinden und grosse Massen israelitischer Landwirte
sich befinden ) , vom bulgarischen zum rumänischen
Regime gleichbedeutend sein mit dem Uebergang
von bürgerlicher Freiheit und völliger Gleichberech¬
tigung zu vollständiger Entrechtung und tiefster Er¬
niedrigung .
Angesichts der einen Teil der bulgarischen Israe¬
liten bedrohenden Gefahr haben wir , die Vertretung
der Judenheit dieses Landes , die Pflicht , unsere
Stimme zu Ihnen , Herr Ministerpräsident , zu erheben ,
um gegen die Uebergabe eines bulgarischen Gebiets
an Rumänien zu protestieren und die Königliche
Regierung zu bitten , wie es auch kommen wird , die
Rechte unserer Glaubensgenossen bei den bevor¬
stehenden Verhandlungen zu schützen .
Genehmigen Sie usw .
Für das Zentral - Konsistorium Bulgariens .
Dr . Ehrenpreis , Grossrabbiner , Präsident
S . Penhas , E . Arie , D . - S . Farhy , E . Sidi ,
Mitglieder .
Der Ministerpräsident hat der Delegation , die
ihm das Schriftstück überreicht hat , die Mitteilung
zugehen lassen , er würde das Dokument dem Minister - "
rat unterbreiten und er habe zu dem Rechtsgefühl
der Vermittelungsmächte das volle Vertrauen , dass
diese Frage eine befriedigende Lösung finden würde .
Der berühmte italienische Staatsmann Luigi
Luzzatti , ehemaliger Ministerpräsident , hat auch ,
seinerseits in Sachen der rumänischen Juden die
öffentliche Meinung durch einen energischen Aufruf
angeregt , den er an die Mächte gerichtet hat , und der
im , ,Corriere della Sera " in Mailand vom 3 . März 1913
zum Abdruck gelangt ist . Dieser Aufruf lautet in der
Uebersetzung :
, ,Wa « uns veranlasst , in dieser Frage das Wort
zu ergreifen , ist unsere innige Liebe zur heiligsten
und grundlegendsten aller konstitutionellen Freiheiten ,
zur Religionsfreiheit . Wir bitten die europäische
Diplomatie , heute , da man den Rumäniern , die die
Glaubensfreiheit verachten , Landgebiet und Unter¬
tanen der Bulgaren überweisen will , die diese Freiheit
hochhalten , ihre erleuchteten Traditionen vom
Jahre 1878 wieder aufzunehmen . Wie dürfte man
in unserer Zeit der Aufklärung und der Zivilisation
zu freien Männern sprechen : „ Die Diplomatie ver¬
wandelt Euch von einem Tage zum andern in Sklaven ,
in Vaterlandslose und beraubt Euch der konstitutionellen
Garantien ! Denn dieses wird , wenn nicht rechtzeitig
etwas dagegen geschieht , das Schicksal der unglück¬
lichen Israeliten , die das zur Ueberweisung an Ru¬
mänien bestimmte bulgarische Gebiet bewohnen .
Es ist nicht schwer , diese Behauptungen zu beweisen .
Der Artikel 44 des im Jahre 1878 abgeschlossenen
Berliner Vertrages hat folgenden Wortlaut :
, ,Die Verschiedenheit des Bekenntnisses oder
religiösen Glaubens darf für niemanden den Grund
zürn Ausschluss vom Genuss der bürgerlichen und
politischen Rechte bilden , noch zum Ausschluss
von irgend welchen öffentlichen Aemtern und Würden
oder von der Ausübung verschiedener Gewerbe
und Industrie n im ganzen Lande . "
Diese heilsame und klare Fassung des Artikels 44
war zum Schutz der jüdischen Bevölkerimg geschaffen
worden . Sie war eine Bedingung für die Anerkennung
der Unabhängigkeit Rumäniens , des zur weitesten
Entwickelung begabten edlen Landes , das der Gerichts¬
hof der Grossmächte von seinem bedauerlichen Fehler
der Intoleranz zu heilen bemüht war .
Für die übrigen Balkanländer waren die gleichen
Massregeln festgesetzt worden . Aber während Bul¬
garien , Serbien und Griechenland ehrlich und getreu :
diese Gewissensfreiheit gelten liessen , hat Rumänien *
sie nicht respektiert . Es führte in ihre Verfassung !
den Artikel 7 ein , nach dem alle Fremden ohne Unter¬
schied der Religion ihre gesetzmässige Einzel - Natura r
Jisation erhalten könnten . Obgleich die Grossmächte ;
erkannten , dass der Artikel 7 der rumänischen Ver¬
fassung den Artikel 44 des Berliner Vertrags nicht nur
nicht ausführte , sondern ihm direkt widersprach ,
haben sie die Unabhängigkeit Rumäniens doch unter
der besonderen Bedingung bestätigt , dass der Artikel
44 als Erlöser der Bedrückten sofort betätigt würde ;
sie taten dies nach Empfang eines formellen Verspre¬
chens seitens Rumäniens , das dieses Land der ganzen
zivilisierten Welt gegenüber . verpflichtete . , Und tat¬
sächlich veröffentlichte der rumänische Minister des
Auswärtigen , Basil Boeresca , ein Memorandum über
die Revision des Artikels 7 der rumänischen Ver¬
fassung und in diesem , den Signatarmächten des
Berliner Vertrags mitgeteilten Memorandum heisst es :
„ Unter der neuen Ordnung werden die jüdischen
Untertanen Rumäniens alle rRechte - haben , die
die Fremden im allgemeinen geniessen ; sie werden
ausserdem noch das den Fremden nicht zustehende
Recht erhalten , im Heer zu dienen . Häuser und
Grundstücke in den Städten zu erwerben , Advokaten
zu werden und jeden Beruf und jedes Gewerbe
frei auszuüben ; sie werden denselben Personal * ^
stand haben wie die Rumänen , werden in der gleichen ! *
Weise vom Gesetz und den Behörden geschützt ' ' ;
werden und können die kleine und die grosijF 5
Naturalisation erwerben . " ' ^ ' fffc
Aber , wie bekannt , ist das Gegenteil geschehenen
Nicht nur ist keine dieser A 7 ersprechungen gehaltet . '
worden , sondern die rumänischen Israeliten sind naöfi ' '
und nach dank den Einschränkungsmassregeln , seljjjjfc ;
der Rechte beraubt worden , die ihnen früher zustan ^ n ^
In den vierunddreissig Jahren seit dem Berliner Ve ' r - - I
trag bis zum heutigen Tage sind von den 250 000 is ' r ^ e ^ y «
litischen Rumäniern nur zweihundert gemäss dem
Artikel 7 durch Spezialgesetz naturalisiert worden ,
Alle andern — mit Ausnahme von 800 Personen —
werden als Vagabunden und Heimatlose betrachtet .
Die harte offizielle Formel des rumänischen Gesetzes ,
die das Herz mit Mitteid erfüllt , lautet : , ,Fremde . ,
ohne fremden Schutz " . ? ' L i
Die unglücklichen Juden Rumäniens sind wahiK ; .
haft heimatlos .
Wir haben eine Reihe von Gesetzen und Verord - ug
nungen — ungefähr einhundertundfünfzig — durchrM
gelesen , die gegen die „ Fremden " ergangen sind und ? :
die ausschliesslich auf Juden Anwendung finden } » . )
es ist der denkbar grausamste Ostrazismus , und die - . ;
Aermsten leben stets in Fesseln und Banden . Die ein - '