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Die Israeliten Kumiiniens .
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geborenen Juden werden zu keinem öffentlichen
Staats - oder Gemeindeamt zugelassen ; sie dürfen weder
Lehrer noch Apotheker noch Briefträger noch Aerzte
an Krankenhäusern werden . . . . Sie werden nur in
geringer Anzahl an den Fabriken angestellt , die die
Vorteile des Gesetzes zur Förderung der nationalen
Industrie geniessen ; sie dürfen nicht in die Kunst¬
oder Gewerbevereine gewählt werden .
Sie werden in die öffentlichen Schulen erst auf¬
genommen , nachdem alle Kinder der rumänischen
Bürger untergebracht sind und auch dann nur unter
Zahlung eines ziemlich hohen Schulgeldes .
Und da für die bevorzugte eingeborene Bevöl¬
kerimg nicht genügend Platz vorhanden ist , bleibt
den jüdischen Kindern unerbittlich die Schule ver¬
schlossen , für die ihre Eltern in demselben Masse
steuern wie die andern Bürger . Aus den Landge¬
meinden , wo sie sich nur zu sehr schwierigen Bedin¬
gungen niederlassen und keinen Zoll Boden erwerben
dürfen , werden sie vertrieben und müssen immer
gewärtig sein , als Vagabunden ausgewiesen zu werden ,
und nach dem Gesetz von 1912 können sie nur unter den
grössten Schwierigkeiten einen Pass zur A uswanderung
aus dem Lande erhalten , das sie so hart behandelt .
Kurz , sie sind die letzten Sklaven , die noch in
Europa existieren .
Dabei bezahlen diese Heloten als Rumänen alle
Steuern und tragen dieselben Lasten wie die übrigen
Bürger ; sie haben gleiche Pflichten und gar keine
Rechte . Sie müssen als Soldaten das Vaterland ver¬
teidigen , das sie für Fremde erklärt und für ihre grau¬
same Stiefmutter ihr Blut vcrgiessen ; die Nationalität
wird ihnen abgesprochen und sie können in der Armee
auf keine Beförderung rechnen ..... Zehntausend
Israeliten dienen in Rumänien und kämpfen für ein
Land , das ihnen die selbstverständlichsten Menschen¬
rechte verweigert .
Wie haben so brutale Massregeln von einem
Volke kommen können , das durch seinen römischen
Ursprung dazu geboren ist , durch Recht und Billigkeit
zu herrschen ? Und warum achtet man nicht darauf ,
dass Rumänien für sein eigenes Gedeihen und seine
eigene Grösse die Gelegenheit seiner jetzigen Ver -
grösserung dazu benutzen müsste , seine unter geistigem
wie materiellem Joch gebeugten Sklaven zu befreien ?
Warum sieht man nicht die Unmöglichkeit ein , die
freien Juden Bulgariens zu Sklaven zu machen , wenn
sie ohne klare und nicht zu umgehende Garantien
an Rumänien überwiesen werden ?
Wie können die Mächte solche Entwürdigung
der Menschheit dulden ? Die Freunde Rumäniens
wünschen diesem Lande eine jener Inspirationen , die von
Herzen kommen und stets die schönsten historischen
Taten einer Nation bilden . Wenn Rumänien jetzt
freiwillig die Juden emanzipiert , wird es gleichzeitig
seine Seele von der Schuld befreien , die anders nicht
gesühnt werden kann , denn sie hat ihren Ursprung
in der Verfolgung ; und in der Unduldsamkeit . Wenn es
die Israeliten nicht freiwillig emanzipiert , wird es
später nicht nur durch die Grossmächte , sondern durch
jene unaufhaltsame und unverletzliche Macht dazu
gezwungen werden , die Macht der Menschenwürde
und der Freiheit . Die Völker , die den Juden und den
Anhängern anderer Bekenntnisse nicht die kon¬
stitutionelle Freiheit geben , beweisen allein dadurch
ihre Minderwertigkeit . , ,Jedes Volk hat die Juden ,
die es verdient " ; die Juden Rumäniens sind arbeitsam ,
sanft und anhänglich an ihr Geburtsland , sie lassen
schliesslich die vollständige Bekehrung Dajiens zur
Religionsfreiheit erhoffen . Das ist das beste Lob ,
das man den Nachkommen der alten Rumänen spenden
kann .
Unsere Augen füllen sich mit Tränen der Ent¬
rüstung und des Mitleids , wenn wir die folgende Pe¬
tition lesen , die die Juden Rumäniens im Jahre 1910
an das Parlament in Bukarest gerichtet haben :
„ Wir fragen , was alle diese Massregeln recht¬
fertigen kann ? t Nichts ! W ' as immer wir tun , dient
dem Wohl des rumänischen Volkes , mit dem wir
uns durch Sprache . Gedanken und Empfindungen
eins fühlen . Nur der Glaube unterscheidet uns ;
aber dieser Unterschied vermindert weder unsere
Liebe zu dem rumänischen Volk noch die Liebe, ,
die dieses Volk in seinem tiefsten Herzen für uns hat .
Warum also diese Hartnäckigkeit ? . . . "
„ Im Namen der Gerechtigkeit und um der Grösse
Rumäniens willen beschwören wir Sie , diese traurigen
Anomalien aufzugeben ; „ wir sind keine schutzlosen
Fremden " , wir sind rechtmässige Kinder dieses
Landes und haben das Recht auf seinen Schutz :
bestreiten Sie nicht länger unsere Eigenschaft als
Rumänen \ "
Solche von starker Güte zeugenden Bitten
kommen immer aus gequälten Herzen , mögen sie nun
Christen oder Juden oder irgend einer anderen Religion
angehören .
Die Geschichte sammelt sie , gestaltet sie aus
und sie werden später zu triumphierenden Hymnen
der Freiheit , die die erlösten Geschleckter , sich über¬
liefern ; in der nationalen Geschichte werden dann
Bedrückte und Bedrücker im läuternden Vergessen
gemeinsam brüderlich gefeiert .
Diese Interventionen haben in den politischen
Kreisen und in der Presse Rumäniens grosse Auf¬
regung verursacht . Die allgemeine Frage der ein¬
geborenen Israeliten Rumäniens beiseite lassend , gaben
die bei fremden Regierungen akkreditierten Vertreter
Rumäniens zu verstehen , dass die infolge einer Annexion
zu Rumänien kommenden neuen Untertanen dieselben
Rechte behalten würden , die sie in ihrem Ursprungs¬
lande hatten und dass Rumänien in dieser Hinsicht
nicht anders vorgehen würde , als es bei der Annexion
der Dobrudscha im Jahre 1877 geschehen war . In
zwei Zuschriften an die „ Jewish Chronicle " gab der
rumänische Gesandte in London , Herr Mischu , sogar
formelle Versprechungen . Es heisst darin :
„ Die jüdischen Bewohner der Dobrudscha , die
nach dem Kriege von 1877 von Rumänien annektiert
worden sind , haben alle Rechte behalten , die die übrigen
Bürger dieser Provinz genossen hatten , seien sie nun
Bulgaren , Türken oder Slawen gewesen . Heute haben
alle ehemaligen ottomanischen Bürger dieser Provinz ,
welcher Nationalität sie auch angehört hatten , sämt¬
liche Bürgerrechte .
In bezug auf die Gebiete , die an Rumänien ab¬
getreten werden sollen , kann ich in der kategorisch¬
sten Form erklären , dass die Bewohner dieser Gebiete ,
ob sie nun der jüdischen oder einer anderen Konfession
angehören , weiter alle politischen und bürgerlichen
Rechte geniessen sollen , die sie jetzt als Zugehörige
eines anderen Landes besitzen . Was besonders die
Israeliten von Silistria und der anderen Ortschaften
betrifft , die an Rumänien abgetreten werden sollen ,
so werden sie im Genuss aller Rechte bleiben , die
sie als bulgarische Bürger besessen haben . "
Die rumänische Presse bespricht ausführlich die
zugunsten der rumänischen Juden unternommenen
Schritte . Wir geben im folgenden einige Urteile der
bedeutendsten Organe :