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E. M. LILIEN.
Von M. HIRSCHFELDER.
Es ist ein merkwürdiges Kriterium jeder markanten Zeitepoche, dass in der Tiefe des kulturellen Lebens sich immer zwei antagonistische Strömungen kreuzen und den Wellenschlag der Zeit um zwei weitgetrennte Klippen branden lassen. Wer diese seltsamen Strömungen mit dem scharfen Auge des forschenden Nautikers untersucht, wird die Entdeckung machen, dass die eine ein tiefer Golfstrom ist, der einerseits lebendige Wärme und heissen Pulsschlag in die erstarrten Adern des Meereslebens transfundiert, andererseits in die wild empörten Wogen das versöhnende Element wie glättendes Oel giesst. Belege dafür bietet uns z. B. das Quattro- und das Cinquecento, die Zeit der vollendeten Sündhaftigkeit des Katholicismus einerseits, da der sturmgepeitschte Wellengang der empörten Leidenschaften sich in sadistischen Grausamkeiten austobte — und andererseits gleichzeitig die Epoche der höchsten Blüte der italienischen Malerei, der Renaissance, da ein Rafael, ein Rubens, ein Michelangelo und andere gottbegnadete Geistesheroen ihre reinen Offenbarungen der Welt verkündeten. Diese Erscheinung, dass die schönheitsdurstige Seele aus einem rein ethischen Bedürfnis heraus urplötzlich ihren SonnenfLug aus dem Schmutz und der Nüchternheit des grauen Werktags wagt, ist das Schibboleth jeder kulturell tief einschneidenden Epoche. Man könnte sie eine Monomanie der Weltgeschichte nennen, die von der ehernen Stirne der Zeit mit versöhnendem Kusse das Kainidenmal wegstreift.
Es hiesse unsere Tage durch die grüne Brille eines misanthropischen Pessimismus betrachten, wenn man behaupten wollte, dass auch wir in einer Epoche lebten, die an senilem Marasmus oder einer tiefgehenden Korruption kranke. Doch mit einer schwärenden Kontagion ist auch unsere Zeit behaftet. Die grosse Bazillenwanderung unserer Zeit nennt sich die Prosa der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine
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Poesie. Nüchternheit, brutales Streben nach Realitäten heisst die Not unserer Zeit. Und auch hier tritt diese autonome Erscheinung wieder zu Tage, wenn auch durchaus nicht in so prägnanter Form, wie in jenen entnervten Zeiten. Und wie sich damals die suchende Seele zu religiösen Motiven flüchtete, so wendet sie sich heute — ich möchte fast sagen zu melodiösen. Der charakteristischste Zug der
modernen Malerei ist ja doch der Symbolismus, den man vielleicht das moderne Märchen nennen könnte. Muss ich erst an das wiegende Einlullen unserer Kindermärchen erinnern, um sagen zu dürfen, dass in jedem Märchen eine Melodie schlummert? Und ist es zu verwundern, dass in unserer disharmonischen Zeit eine ganze Reihe hervorragender Künstler in natürlicher Reaktion ihre Harfe gerade in solchen Tönen singen
