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M. Hirschfelder: E. M. Lilien.
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E. M. Lilien.
JESAIA.
Aus „Juda".
lassen? In schaffensfreudigem Wagemut [spotten sie des verhexten Kreidestriches, den der Materialismus um unsere Tage gezogen hat, und bilden in schöner Gemeinschaft ein symphonisches Konzert. Als einer ihrer anziehendsten jungen Vertreter, speziell als der einzige der neu-jüdischen Kunst, fällt uns darunter E. M. Lilien auf.
E. M. Lilien steht heute, am Anfange seiner künstlerischen Laufbahn, im siebenundzwanzigsten Lebensjahre. Aus der Nacht enger und ärmlicher Verhältnisse hat er sich durch eigene Kraft zum Lichte eines weiten Horizontes und zu freier Selbstständigkeit emporgeschwungen. In Drohobycz in Galizien als Sohn eines armen Drechslermeisters geboren, ist Lilien reiner Autodidakt. Den künstlerischen Drang, der sich sehr frühe in ihm regte, versuchte man anfangs damit zu stillen, dass man ihm bei einem Schildermaler das harte Brot des derben Handwerks zu essen gab. Aber seine unbezähmbare Promethiden- sehnsucht glühte fort in ihm und trieb ihn, das heilige Feuer der reinen Kunst auf den lichten Höhen des Ideals zu suchen. Der Weg zu diesem traumhaft fernen Berge war für ihn ein Leidensweg. Kurze Zeit nur besuchte er die Kunstschule zu Krakau, dann pilgerte er nach dem Mekka der Maler, nach München, mit der Vokation im Herzen, ein Mohammed der neujüdischen Kunst zu w r erden. Allein dort fehlte ihm das nötige Kleingeld, um seine Hoffnung zu realisieren und sich in die dortige Akademie aufnehmen lassen zu können. So war er gezwungen, ohne eine leitende Hand, aber auch fern von jeder Kunstclique oder -Koterie, sich selbst durch die vielverschlungenen Pfade der Kunst durchzufinden. In rastloser Arbeit, die nur die nagende Not düster unterbrach, in hartnäckigem Trotze gegen sein feindliches Schicksal, in strenger Abgeschlossenheit, fern von den wegweisenden Strahlen eines gütigen Sternes, „bildete sein Talent sich in der
Stille" und warf dem Einsamen den trotzigen Willen in die Nacht seines Lebens als leitendes Gestirn. Im Dornenbusche seines Lebens erschien ihm das Be- wusstsein der Kraft seines Könnens wie ein tröstlich lächelnder Engel und Hess ihn in Freude schaffen. So sonnig und herzerhebend seine Kunst ist, so düster und niederschmetternd war sein Leben. So fand er durch die Wirrnis und Drangsal seines Geschickes hindurch den Weg zu den reinen Höhen, auf denen heute seine Muse wandelt.
Dieses lichtlose Irren im pfadlosen Dunkel bemerken wir noch in Lilien's Erstlingswerke: „Der Zöllner von Klausen".*) Lilien hat sich selbst noch nicht gefunden, er hat seine persönliche Note noch nicht entdeckt. Zwar sind auch hier schon die Anfänge seiner späteren Eigenart zu spüren, -aber die Züge sind noch verworren, farblos und linear. Er hat sich noch nicht zur Flächen Wirkung durchgerungen, die Kontraste sind noch nicht ausgesprochen. Es brodelt und qualmt noch in seiner Geistesküche, das Gebräu ist noch nicht destilliert, die Mischung hat sich noch nicht geklärt. Es ist noch junger, gärender Most, noch kein klarer, abgelagerter Wein, Aber ungefälscht, wenn auch etwas herb, ist auch er schon.
Dann kam an der Hand der „Jugend" vor allem und anderer guter Zeitschriften die Epoche der Klärung. Lilien gewann selbst Distance zu sich und pflegte als treuer Gärtner sorgfältig die Blüten, die aus dem Mutterboden seiner innersten Individualität emporsprossten. So wurde er — und das ist sein erstes Charakteristikum — Symbolist. Vielleicht mag er das nicht zuletzt dem Juden in ihm danken. Denn das grüblerische Wühlen, diese Eigenschaft, jedem Gedanken auf seinen verlorensten Pfaden nachzuspüren und ihm alle möglichen Versionen
') Historischer Roman von J. Wildenrath, illustriert von E. M. Lilun, München, Verlag des „Vorwärts", Berlin 1898.
