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M. Hirschfelder: E. M. Lilien.
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unterzulegen, ist eine jüdische Rasseeigentümlichkeit. Aus diesem Grunde vielleicht liebt er auch nicht die einfachen Gedankenwege, die breiten und ausgetretenen Chausseen, die sich in "weitübersehbarer, kerzengerader Richtung hinziehen. Er zieht einsame, vielverschlungene Waldwege mit märchenhaft heimlichen Windungen, ferne .Traumfahrten in das Land der Fata Morgana, in das Reich der Sehnsucht und des Gedankens vor. Von Sansara, der Welt des Trugs und des Scheins, des Werdens und Vergehens, der Sinnentäuschung und der Veränderlichkeit, wagt seine schönheitsdurstige Seele den Sonnenflug nach Nirwana, dem Land feiertäglicher Ruhe und satter Schönheit, um dort in inbrünstiger Ekstase vor dem Ideal zu beten. Ein Aristokrat der Seele, schüttelt er den Staub von den erdenschweren Füssen und wagt auf leichten Flügeln in schrankenloser Selbstentfaltung den Flug nach der Sonne der Erkenntnis. — Ich möchte hier vorweg eine noch unveröffentlichte Zeichnung Llien's citieren, die zu einem Cyklus „Liebe" gehört, der in Bälde im „Theuerdank" *) erscheinen wird. „Trugland" ist sie benannt. Wir sehen ein blühendes Erdenland, auf dem zwei liebestrunkene Menschenkinder einander in beseligendem Kusse umschlingen. Ein riesenhafter, satanisch lächelnder Dämon hat den winzigen Erdenfleck, auf dem sie knieen, aus der Muttererde herausgerissen und hebt das selige Pärchen hoch über alle Welten und alles Erdenleid hinweg in den ewigen Himmel. Gewaltig wie das ehern waltende Schicksal steht er da, dieweil Welten und Monde und Planeten mit ihren Nebelringen um seine Lenden fliegen, die schon tief in den Wolkenschleier hineinragen. Alle Erdenqual liegt weit hinter den Liebenden. Aber eine Sekunde nur noch und der boshafte Geselle wird die Trunkenen mit höhnischem Lächeln wieder in das Jammerthal der Erdenpilger zurückschleudern, aus dem sie die Flügel der Liebe entführt hatten.
Aus allen seinen Arbeiten leuchtet uns dieses sein Charakteristikum als Symbolist entgegen. Am markantesten, weil am einfachsten, zeigt es sich uns in den „Gesängen des Jenuda." **) Nicht in den Bildern als solchen, sondern in ihien Attributen. In drei Zeichnungen, in denen sich orientalische Ueppigkeit und religiöse Symbolik mit der Zartheit englischdeutscher Neuromantik mischen, singt er das hohe Lied der Liebe: der Schönheit, des Genusses und des Schmer-
*) Verlag Fischer &Francke, Berlin.
**) Juda, Gesänge von Börnes, Freiherr von Münchhausen. Buchschmuck von E. M. Lilien. F. A. Lattmann, Verlag. Berlin- Goslar-Leipzig, 1901.
Eigenes Ex-Libris des Künstlers.
zes. Ein junger, schönheitssatter Morgen, der durch schlanke Palmen aufglüht, und in dem sich ein eitler Pfau sonnt, in der ersten; vollsaftige Trauben und Feigen, die die schwüle Glut des Herbstes zum Springen vollgereilt, in der zweiten; die mit dumpfem Wehlaut gesprungenen Saiten einer Harfe, vom Sturm entblätterte Rosen in der dritten Zeichnung — das sind die Symbole, die selbst, wenn man die Handlung der Bilder auch nicht sähe, ihren Inhalt ahnen lassen müssten. Ich möchte fast sagen, ihre Attribute stellen ein intuitives Verlangen an den Beschauer. Sie fordern eine Divinationsgabe. So beseelt Lilien seine Bilder mit seinem alles idealisierenden und nivellierenden Geist und schenkt uns in ihnen die höchste Gabe der offenbarten Schönheit: den korrespondierenden Kontakt, den tiefinnerlichen Rapport zwischen der Seele des Beschauers und der des Bildes.
Diese Zeichnungen charakterisieren aber auch gleichzeitig vortrefflich die zweite, ganz persönliche Note Liiien's. Er ist auch durch und durch ein feingeistiger Lyriker. Sein Herz, das die Welt und ihre Triebfedern mit der erbarmenden Nachsicht eines warm fühlenden, echt menschlichen Verständnisses in sich betrachtet, komponiere die brutalen Disharmonieen des Alltags in zitternden Vibrationen in harmonische Akkorde um. Es liegt eine ausgesprochene Musik in seinen Bildern; aber es ist nicht die Musik eines öffentlichen Konzertes, die sich dem breiten Publikum prostituiert, sondern es sind stille, heimliche Melodien, die von weither zu kommen scheinen, als trüge der Abendwind von fernher ein verhallendes Lied übers Meer herüber. Dieser Eindruck ist leicht begreiflich: denn Lilien spielt auf dem
zartesten Instrumente: der Harfe seiner Seele. — Ich möchte an dieser Stelle eine seiner Zeichnungen anführen, die seiner Zeit in der ,Jugend" erschien. Ein Mondscheinidyll, genannt „Auf zarten Saiten". Auf der Mauer eines Liliengärtchens steht der geflügelte Liebesgott. Aus einem verliebten Menschenherzen, durch das sein nie versagendes Ge- schoss drang, hat er sich eine Geige verfertigt und fiedelt mit seinem Bogen lustig auf den zarten Saiten los. Brennendes Sehnen, klagendes Leid jauchzt und schluchzt aus diesem seltsamen Instrument, dieweil sein lachender Mund jubelnd die Begleitung dazu in die leuchtende Sternennacht singt. Seine jauchzende Befriedigung hat kein Auge dafür, dass indessen dem gequälten Herzen ein zuckender Blutstrom entquillt und das weisse Blütengewand der keuschen Lilien blutigrot färbt. — In dieser Art findet sich bei Lilien
