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7. Jahrgang. Freitag, de« 12. Aw 5669 (80. Juli 1909). Nr. 29.
Inhalt des Hauptblattes.
Artikel: Die letzten Ereignisse. — Londoner Chronik. — Aus den Geschehnissen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Madame Kaulla. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barm izwohs. — Vereins-Kalender.
Die letzte« Ereignisse.
Eine politische Betrachtung.
Die Ereignisse des Tages sind der Sturz Bülows und Clemenceaus, sowie die Entthronung des persischen Despoten Achmed Ali.
Durch den Sturz Bülows ist der Block der Liberalen mit den Konservativen in die Brüche gegangen, die Anfänge einer liberalen Aera haben ihr Ende genommen, und wiederum ist die alte reaktionäre Mehrheit zur Macht gelangt. Dennoch ist es wahrscheinlich, daß die siegreichen Reaktionäre, die, da sie durch ihr brutales Vorgehen bei der Finanzresorm weite Schichten des Volkes gegen sich aufgebracht haben, nicht noch mehr den Zorn der Massen aus sich heraufbeschwören wollen, in der Ausnützung ihrer Macht zurückhaltend sein werden, damit die nächsten Wahlen nicht gar zu schlecht für sie ausfallen und damit sie eine Einigung aller Liberalen verhindern. Die Zeiten, in denen die Nationalliberalen wegen Scheinkou- zessiönchen an ihrer Seite standen, sind noch nicht allzulange her, — und warum sollte dies auch jetzt nicht fertig gebracht werden können? . . Auch die Juden brauchen von der neuen Konstellation der Parteien im Reichstage nichts zu befürchten, — vermutlich auch nicht von dem neuen Reichskanzler, obwohl er noch der Popularität bedarf und mit ein wenig Antisemitismus sich die Gunst der neuen Mehrheit erkaufen kann.
Was die äußere Politik anbetrifft, so ist anzunchmen, daß sie keine Aenderung erleiden wird. Auf denr Gebiet der äußeren Politik steht die Regierung über den Parteien. Und deshalb ist nicht zu befürchten, daß das Zentrum die zuletzt versuchte Annäherung Deutschlands an das antipäpstlichc Frankreich vereiteln wird, Alles in allem ist der Sturz Bülows, wenn er auch noch so bedauerlich ist, kein großes Unglück; — unter Umständen kann er sogar zur Stärkung der Linken führen. Denn nicht nur die Unzufriedenheit im Volke — auch im Lager der Anhänger der Reaktionäre selbst herrscht Erbitterung —, sondern auch die durch den Sturz Bülows bewirkte Mißstimmung des Monarchen über das Gebaren seiner egoistischen Junker kann sich als sehr nützlich erweisen. In der Opposition stehen, heißt nunmehr nicht mehr antipatriotisch, revolutionär, sondern patriotisch und monarchentrcu sein; alle Welt . weiß jetzt, daß die Interessen des Reiches und selbst die der Krone eine starke Linke erheischen.
Und der Sturz Clemenceaus? Der war ein rein persönlicher und keinprinzipieller. Die Regierung ging von Clemenceau in viel bewährtere Hände über: Aristid Briand ist eine be
deutende Persönlichkeit, die sich trotz ihrer ausgeprägten Originalität der allseitigcn Sympathien und Bewunderung erfreut und im Gegensatz zu Clemenceau keine persönlichen Widersacher oder sogar Feinde besitzt. Nach seinen bisherigen Leistungen ist anzunchnien, daß seine Regierung zur Stärkung der Republik und zur weitern gerechten Sozialisierung Frankreichs beitragen wird. Diese Demokratisierung eines solch großen Landes, wie Frankreich, muß von großem Einfluß auch auf andere Länder sein. Und aus letzterem Grunde haben besonders wir Juden uns über die Blenderung in der Regierung Frankreichs zu freuen.
Auch auf dem Gebiete der äußeren Politik Frankreichs ist nur gutes von der neuen Regierung zu erwarten. Wie bekannt, hat Clemenceau eine Annäherung an Deutschland angestrebt, ein Bestreben, das das Ministeriuni Briand gleichfalls befolgen wird. Die Sozialisten Frankreichs waren von jeher für eine Verständigung mit Deutschland, und Briand als Sozialist wird sicherlich diese Tradition mit übernommen haben, sonst wäre Clemenceau nicht für Briands Berufung eingetreten und Pichon wäre nicht auf seinem Posten als Minister des Acußeren weiter verblieben.
Daß eine Annäherung Frankreichs an Deutschland gradezu als ein Glück für Europa und für den allgemeinen Fortschritt angesehen werden muß, liegt' auf der Hand. Zunächst würde Frankreich es dann nicht mehr wie früher nötig haben, Rußland moralisch und materiell — durch Anleihen — zu unterstützen, und Rußland würde sich alsdann gezwungen sehen, sich nicht mehr auf die Gelder anderer zu verlassen, sondern wirkliche Reformen in seinem Lande einzuführen, damit das russische Volk von beständigem Hunger und Not heranskommt und kapitalkräftiger wird. Ein weiteres: Frankreich und Deutschland hätten die Rüstungen einstellen und statt des Krieges das permanente Schiedsgericht als Vermittler bei Streitigkeitsfällen wählen können, und vielleicht käme es allmählich zu einer allgemeinen Abrüstung. Sollte aber trotz allem das Unwesen des Militarismus weiter bestehen müssen und die Bündnisse unvermeidlich — in militärischem Sinne — sein, so könnte vielleicht eine Konstellation: Frankreich, Deutschland, Italien im Bunde mit der Türkei auf der einen Seite und England, Oesterreich mit Rußland auf der anderen Seite entstehen, womit wenigstens durch das Bündnis der ersten eine Gewähr für die Kultur geboten wäre.
So weit die Veränderung in den Regierungen Europas. — Aber auch in Asien hat ein Regierungswechsel stattgefnnden. Der verbohrte, eigensinnige persische Despot Achmed Ali ist gefallen, die Freiheitskämpfer haben über ihres Volkes Henker den Sieg davon getragen. Beinahe hätte er durch seine Verbohrtheit den Thron für die Dynastie der Kad- scharen überhaupt verloren, doch waren die persischen Nationalisten zu klug, um durch einen Dynastiewechsel Anlaß zu weiteren Kämpfen der Anhänger der Kadscharen zu geben und somit den russischen Despoten Grund für weitere Intervention zu bieten. Sie zogen es vielmehr vor, einen minderjährigen
Kadscharen auf den Thron zu heben, gingen klugerweise noch einen Schritt weiter und setzten einen Kadscharen, den Aeltesten der Familie, zum Vormund und einstweiligen Regenten ein und stellten sogar die russische Kosaken-Brigade mit Leachow an der Spitze, die eigentlichen Stützen des absolutistischen Despoten Achmed Alis, in ihre Dienste. Europa ist erstaunt ob der berechnenden Klugheit und Raschheit der muselmanischen Asiaten, und Rußland ist düpiert ... es ist in große Verlegenheit versetzt: wie soll es jetzt, nachdem alle Welt sich von der Besonnenheit und Friedensliebe der sogenannten persischen Räuber und Anarchisten überzeugt hat, seine wohlwollende und friedliche . . . Intervention noch weiter aufrecht erhalten? Wie immer, hatte Rußland viel zu spät seine Brigaden nach Persien geworfen, und noch bevor seine Scharen vor den Toren Kaswins standen, rückten die Freiheitskämpfer in Theran ein, setzten einen neuen Herrscher auf den Thron und ein tatkräftiges Ministerium ihm zur Seite und brachten Ruhe und Ordnung dem ganzen Lande. Noch hat aber Rußland seine Brigaden nicht zurückgezogen, es wird weiter versuchen, Unruhen hervorzurufm, damit es alsdann sich berufen fühlt, Ordnung zir schaffen, — und da es Großmeister der Unordnung von jeher gewesen und noch ist, so muß die Unordnung in Persien permanent bleiben und gleichzeiUg seine Brigaden. Allein das persische Volk ist viel zu klug, um nicht Rußlands Absicht zu durchschauen. Als günstiger Umstand kommt des ferneren hinzu, daß England die bewaffnete Intervention Rußlands nicht gern sieht, denn erstens ist man im liberalen Lager nicht geneigt, dem Hund m e h r als bloße Knochen hinzuwerfen . . und dann will man in Rücksicht auf Egypten und Indien die muselmanische Welt nicht allzusehr gegen sich aufbringen...
Mit besonders großem Interesse sollten wir Juden nach Persien blicken. Der Sieg der persischen Freiheitskämpfer ist für uns von großer Bedeutung, da eine Stärkung der muselmanischen Well dem jüdischen Volke sehr erwünscht sein muß; — liegt doch unsere Zukunft nicht in Europa, sonder» in Asien, in Palästina!
Die Türkei hat fast alle Gefahren überwunden und steuert kräftig eiuer gesicherten Zukunft zu. Hoffen wir in den Tagen der jüdischen Hoffnung, daß auch das schwächere Persien siegreich aus all den großen Gefahren, mit dem seine Feinde von innen und außen es bedrohen, hervorgehen wird. S. H—n.
Londoner Chronik.
Nach der „Jto"--Konferenz. — Die türkischjüdischen Deputierten Gäste der englischen Zioniste». — Ein Interview mit den Deputierten. — Die türkischen Ueberpatrioten. — Das antisemitische Minierwerk in England. — Die Schechita in Gefahr. — Tierfreunde und Judenfresser.
Die gesammte englische Presse ist in ihrem Urteil über die letzte „Jto"--Konferenz darin
