Nr . 12
Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
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Stücke ( Frank , Hindemith , Praetorius ) , deren Gestaltung einen ver¬
heißungsvollen Anfang erkennen ließ . Lina Sturmann las darauf
mit meisterlicher , ganz musikalischer Sprache zwei Briefe Kleists und
verstand es , damit - die Hörer tief zu erschüttern . Zu des Gefeierten
Gedächtnis ergiff dann das Wort Manfred Heß und gab in wohl¬
geformter Rede einen Abriß von Leben , Werk und Persönlichkeit
des großen Dichters .
Nach einer längeren Pause eröffnete ein Quartett aus Mitgliedern
des Kammerorchesters ( Kleinbauer , Schapira , Nitzsche , Goldberg )
den zweiten Teil mit einem Allegro von Mozart . Leider vermißte
man hier jede geistige — manchmal sogar technische — Durchdrin¬
gung . In hervorragender Weise brachte aber dann Bernhard Reulla
kleinere Werke Kleists zum Vortrag , worauf mit drei hinreißend
gespielten Menuetten von Mozart ( Jüdisches Kammerorchester , Lei¬
tung Franz Kleinbauer ) der Abend sein Ende fand .
In die Stimmung allgemeinen Beifalls mischte sich der Wunsch ,
öfters derartiges geboten zu bekommen ; stand doch die ganze Feier
auf einem sehr beachtlichen Niveau . O .
„ kadimah " , Ring Jüdischer Mander - und Pfadfinderbünde
In der Erkenntnis , daß die Einheitsfront der gesamten positiv¬
jüdischen Jugend eine Notwendigkeit bedeutet , ist zwischen der Ju¬
gendgemeinde Mannheim und dem kadimah , Ring jüdischer Wander -
und Pfadsinderbünde , eine Vereinbarung getroffen worden , nach
welcher beide Organisationen unter Wahrung ihrer Selbständigkeit
eine Arbeitsgemeinschaft bilden . Diese wird im wesentlichen Aus¬
tausch von Erfahrungen , Besprechungen der Führer , gemeinsame
jüdische Kulturarbeit , auch innerhalb der Gemeinden , und Tresf -
fahrten enthalten . Aus dem demnächst stattfindenden Führerlager
des Kadimah wird diese Arbeitsgemeinschaft durch die aktive Teil¬
nahme der Jugendgemeinde Mannheim chren sichtbaren Ausdruck
finden . Unter anderem wird der Leiter der Mannheimer Jugend¬
gemeinde , Herr Rabbiner Dr . Grünewald , eines der Referate zur
jüdischen Erziehung halten .
Bund jüdischer Frontsoldaten
Die Ortsgruppe München des Reichsbundes jüdischer Frontsolda¬
ten veranstaltet auch in diesem Jahre wieder eine ChanukkahFeier .
In den schönen Räumen des Cherubin ( Hotel Vier Jahreszeiten )
wird ein fröhliches Programm von Vorträgen mündlicher und mu¬
sikalischer Art unter der bewährten Leitung des Herrn Siegfr . Heu¬
mann als Konferenzier geboten werden . Die beliebte Kapelle Rohr -
beck spielt . Eintrittskarten , die für Mitglieder RM . 1 . 50 und für
Nichtmitglieder RM . 2 . 50 kosten , sind im Zigarrengeschäst Levinger
und Bankhaus Gebrüder Marx , Domfreiheit , schon in den nächsten
Tagen zu haben .
Haupkvorstandsfihung des Cenkral - Vereins
Unter außerordentlich starker Beteiligung fand am Sonnabend
und Sonntag die große Hauptvorstandssitzung des Central - Vereins
deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens unter Leitung des Vor¬
sitzenden des Central - Vereins , Justizrat Dr . Julius Brodnitz , statt .
Den Geschäftsbericht erstattete der Direktor des Central - Vereins , Dr .
Ludwig Holländer . Der Syndikus des Central - Vereins , Dr . Alfred
Wiener und Moritz A . Loeb referierten über den Baseler Zionisten¬
kongreß und seine Lehren .
Am Sonntag behandelten u . a . Prof . Dr . Julius Goldstein ( Darm¬
stadt ) , Rabbiner Dr . Levi ( Mainz ) und Verlagsbuchhändler Theodor
Markus ( Breslau ) deutsch - jüdische Fragen . Rechtsanwalt Dr . Herz¬
feld ( Essen ) gab einen Überblick über die Wahlen 1928 und die den
Central - Verein erwartenden Aufgaben . Rechtsanwalt Dr . Alexander
( Krefeld ) untersuchte im Anschluß an Arnold Zweigs Buch „ Kaliban "
die Wirkungen des Antisemitismus auf die jüdische Umwelt . Rechts¬
anwalt Karl Löwenstein ( Aachen ) gab wertvolle Propagandavor¬
schläge . Anstelle des verstorbenen Justizrat Sonnenseld wurden
Oskar Heimann und Rechtsanwalt Dr . Bruno Weil als stellvertre¬
tende Vorsitzende gewählt .
Am Montag tagte die Verwaltungskommission des Central -
Vereins „ am Dienstag fand eine Tagung der Beamten des Vereins
aus Berlin und dem Reiche statt .
Das Jüdische Kammerorchester München
Wiewohl ein halbjähriges Bestehen nichts Entscheidendes über die
Lebensfähigkeit einer Organisation aussagen kann , scheint es , daß
die Gründung des Jüdischen Kammerorchesters , die um Ostern die¬
ses Jahres erfolgte , dem Wunsche eines größeren Kreises musizier¬
freudiger , meist jüngerer Leute entsprach . Die allwöchentlichen Pro¬
ben , die Mittwochs von 20 bis 23 Uhr in den Räumen des Jüdischen
Kindergartens ( Herzog - Rudolf - Straße 3 , rechts neben der Synagoge )
unter der Leitung von Franz Kleinbauer und Heinrich Lamm statt¬
finden , sind regelmäßig gut besucht und erfüllt von ernster , liebevoller
Arbeit , von dem Bemühen , die gespielten Werke so erstehen zu lassen ,
wie es ihrem Wert gemäß ist und , vorher noch , von dem Streben ,
diesen Wert ganz zu erfassen . Wenngleich das Jüdische Kammer¬
orchester gelegentlich gerne sich bemühen wird , der Veranstaltung
einer jüdischen Körperschaft einen passenden Rahmen zu verleihen ,
wenn es auch manchmal es unternehmen wird , mit einem eigenen
Konzert an die Öffentlichkeit zu treten , so ist doch im Grunde
Studiengenossenschast oder , wenn dieses gefährliche und inhalts¬
schwere Wort erlaubt ist , Erlebnisgenossenschaft : ein « ollegiurn
mu8icum , bei dem jeder die Gelegenheit finden soll , die sich in der
üblichen Hausmusik so selten findet : ein umfangreicheres , reicher
besetztes Kammermusik - Werk aus eigener Kraft auferstehen zu las¬
sen . Da nun aber für einen größeren Klangkörper viel reichere Mög¬
lichkeiten bestehen als für einen kleinen ; da uns daran gelegen ist ,
einen Mittelpunkt der jüdischen musizierenden Kreise Münchens dar¬
zustellen , wenden wir uns mit diesen Zeilen werbend an die Öffent¬
lichkeit . Wir suchen weitere tüchtige Streicher aller Art : Geiger ,
DER JUGEND
bieten wir eine neue Zeitschrift dar , die ab i Jan . 1928monatl . erscheint
Sie enthalt vor allem Erzählungen , Märchen und Sagen jüdi¬
schen Inhalts , Aufsätze aus jüdischer Geschichte und
Wissenschaft ; sie bringt jedoch auch Interessantes
aus vielen anderen Gebieten : Naturwissenschaften ,
Technik , Sport und Spiel •
Sie Soll derjüdischen Jugend ein lieber Freund und Begleiter
sein und in ihr Interesse und Verständnis für alles
Jüdische erwecken #
Sie will jüdischen Eltern und Lehrern bei der wirksamen Aus¬
gestaltung der jüdischen Erziehung an die Hand
gehen ; gediegeneAustattung und Illustrationen wer¬
den sie zu einem vorzüglichen Lehrmittel machen
Sie ist vollkommen parteilos und in ihrer echt jugendlichen
und gleichzeitig echt jüdischen Einstellung imstande ,
ein wertvolles Bindeglied zwischen der Jugend aller
Kreise und Richtungen darzustellen •
Sie Wird allem wahrhaft jugendlichen aufgeschlossen sein und
Schutz bieten ; sie heißt darum
DAS ZELT
Zeitschrift für die jüdische Jugend
Herausgeber : Dr . A . Heller und Dr . J . Seide unter
Mitwirkung von Oberlehrer S . Dingfelder und
Studienrat A . Schaalmann •
Zu beziehen durch jede Postanstalt zum Preise von RM . 1 . 20 viertelst
Verlag JB . Heller , München , Herzog - Max - Str . 4