Mitteilungen des Israelitischen Lehrerverelns für Wem
Schriftleitung: M. Rosenfeld, München
1928 München, 15. Dezember Nr. 12
Jonathan Uhlfelder
Nürnberg. Wer den erschütternden Eindruck wiedergeben will, den der plötzliche Tod von Jonathan Uhlfelder s. A. hinterließ, kann es nicht bezeichnender tun als mit den Worten der Heiligen Schrift: „Die Stadt war verstört!" Nach einem leichten Unwohlsein, ohne Ahnung von dem, was ihm bevorftand, aber auch ohne Schmerz, mitten aus seinem Schaffen und Planen heraus wurde er seiner Familie, seiner Schule, dem Kreise der Kollegen und Freunde ent-
Jonathan Uhlfelder gehörte zu den stillen, gütigen Menschen, die aus einem reichen Innenleben schöpfend, in treuer Pflichterfüllung ihre Welt, sehen. Sein Leben war ausgefüllt von der zärtlichsten Fürsorge für die Seinen und von dem unablässigen Bemühen, das Wohl der ihm Anvertrauten zu fördern und sicher zu stellen. Daneben war er voll des regsten Interesses für die materielle und geistige Hebung seines Standes, für das Wohl und Wehe seiner Kollegen, für das Glück seiner Freunde. Mit Recht rühmte ihm der 2. Vorstand des Vereins an der Bahre nach, wie er in der für die Religionslehrer schlimmsten Zeit, in den traurigen Jahren ihrer Rechtlosigkeit und einer völlig ungesicherten Existenz seinen Kollegen die Treue hielt, obwohl er selbst als staatlich angestellter Volksschullehrer dieser Sorgen enthoben war.
Uhlfelders berufliches Wirken führte ihn von Burgsinn und Bechhofen, wo er als Religionslehrer Anstellung gefunden hatte, an die Präparandenschule nach Burgpreppach und nach einer erfolgreichen Tätigkeit an derselben in den Volksschuldienst nach Heiden- _ heim (Mittelfranken). Vor fünf Jahren wurde er an die Volksschule der Adaß Israel in Nürnberg berufen.
Schon als junger Lehrer hatte er die ernste, verantwortungsvolle Arbeit des Volksschullehrers erstrebt. Seine Tätigkeit im Dienste der Lehrerausbildung wie später an der Volksschule zeugten von seinem rastlosen Streben nach eigener Vervollkommnung, wie von seinem reinen Bemühen, die ihm anvertraute Jugend zu fördern. Es lag in seiner einfachen, selbstlosen, jedem Wichtigtun abholden Art, wenn dieses Streben nicht immer nach seiner ganzen Weite erkannt wurde.
Herr Rabbiner Dr. Klein widmete dem allzufrüh Vollendeten einen tiefempfundenen Nachruf, in dem er, an ein Wort des Midrasch anknüpfend, rühmte, wie Uhlfelder stets der Mahnung der Weisen gerecht wurde, sein Gewand zu jeder Zeit weiß zu erhalten, das Gewand der Lauterkeit im Wandel und der Treue zu Gott. Mit Wärme schilderte er dann den Verblichenen als Gatte, Vater und Bruder. Für den bayerischen Volksschullehrerverein und für den Verein israelitischer Lehrer in Bayern überbrachte Herr Hauptlehrer Dr. Vamberger letzte Grüße und das Gelöbnis unverbrüchlicher, tatbereiter Treue; namens des Lehrerkollegiums der israelitischen Volksschule der Adaß nahm Herr Oberlehrer Heß schmerzbewegten Abschied: ferner widmete Herr Oberstudienrat Dr. Dachauer als Vertreter der Adaß Israel, Herr Rechtsanwalt Feilchen- feld für die Maimonides-Loge und Herr Dr. Löb im Namen der Elternschaft der jüdischen Volksschule dem Verewigten Worte des Gedenkens und des Dankes.
Ein zahlreiches Trauergefolge, darunter auch Herr Stadtschulrat Eder, begleiteten Uhlfelder zur letzten Ruhe. Viele Amtsbrüder waren zum Teil —- trotz des Freitags — weither gekommen, um ihre Anteilnahme zu bezeugen. Ein Unglück, das so jäh hereinbrechend ein trautes Familienglück zerstört, wird immer erschütternd wirken, doch darüber hinaus werden alle, die den bescheidenen, jedermann gutgesinnten und allem Äußerlichen widerstrebenden Manne näher kannten, seinen Heimgang als einen schweren Verluste beklagen. I. Blum (Nürnberg).
pädagogischer Kongreß in Kassel
Schluß
Freitag morgen 9 Uhr erössnete der Vorsitzende Kerschensteiner die Verhandlungen des 3. Pädagogischen Kongresses, indem er ausführte, daß die Tagung Gelegenheit bieten soll, die pädagogisch Interessierten aus allen Lagern an den gemeinsamen Verhandlungstisch zu bringen. Es soll Gelegenheit geboten werden, die brennendsten und umstrittensten Fragen auf dem Boden objektiver Sachlichkeit zu erörtern. Die Pädagogik ist immer eine politische Angelegenheit gewesen, weil die Staatsgemeinschaft im höchsten Maße an ihren Aufgaben interessiert sei. Zuerst erhält das Wort Universitätsprofessor Dr. Jonas Cohn (Freiburg). Das ihm gestellte Thema lautet: Wesen und Wert der Erziehungswissenschaft. Nach einer Vorbesinnung aus Inhalt und Umfang der ihm gestellten Aufgabe wirst er einen Blick auf die Stellung der pädagogischen Fragen unserer Zeit im allgemeinen. Ihm ist Erziehung gewollte und zielbewußte Einwirkung auf den Zögling, den der Erzieher als sich selbst gleichberechtigt anerkennt. Erziehungswissenschaft bedeutet die vollständige Besinnung auf das Wesen der Erziehung, eine Selbstbesinnung philosophischer Art. Als Teilgebiete der Erziehungswissenschaft sind zu nennen: Entwicklung des jugendlichen Menschen, Erziehungsvorgang in der Seele des Zöglings und des Erziehers, Psychologie des Erziehers, Abhängigkeit der Erziehung von der kulturellen Lage und deren Entstehung, Erziehung als Tradition, Geschichte der Erziehung. An der Erziehungswissenschaft sind nicht nur die Verufserzieher, sondern auch der Arzt, Richter, Verwaltungsbeamte, Politiker und Tagesschriftsteller interessiert. Der Redner, der leider nicht überall verstanden wird, schließt seine tiefgründigen Ausführungen mit einem Worte Hebbels: „Darum denke ich, du fängst, da du doch mit Hoffnung und Vertrauen enden mußt, mit beiden doch gleich an." (Starker Beifall.)
Universitätsprofessor Dr. Ettlinger (Münster) spricht sodann über das gleiche Thema. Auf dem Gebiete der Pädagogik sei die Zeit der Selbstprüfung und Selbstbestimmung gekommen. Die männliche Reife dieser Wissenschaft sei erreicht. Sachliche Erwägungen statt klingender Worte seien am Platze. Der Vortragende grenzt scharf ab zwischen „Erziehungswissenschaft" und „Erziehungskunde". Leitsätze geben den Gedankengang des Vortragenden ziemlich lückenlos wieder.
Auch diese Ausführungen finden starken Beifall. Doch zeigt die Diskussion, daß die Ausführungen Cttlingers weit größere Angriffsflächen bieten als die Cohns. 12 Redner beteiligen sich an der Aussprache. Von ihnen seien nur genannt: Der Feuerkopf Paul Ostreich, der Führer der „Entschiedenen Schulreformer", Dr. Buch- man, Professor Dr. Otto (Prag), Oberstudiendirektor Dr. Wehrend (Berlin), Schulze (Königsberg), Regierungsdirektor Pretzel (Berlin), Walter (Frankfurt), Sturm (Dresden). In einem kurzen Schlußwort setzen sich die Referenten mit den Debatterednern auseinander. Um halb 3 Uhr schließt Professor Dr. Kerschensteiner die Aussprache und betont, daß eine gewisse Klärung erreicht sei.
Hatte man am ersten Tage vom Wesen und Wert der Erziehungswissenschaft gesprochen, so sollten in der 2. Sitzung die Folgerungen gezogen werden, die sich für die Ausbildung der Lehrer ergeben. Professor Deuchler (Hamburg) hält den 1. Vortrag über „Die Stellung der Erziehungswissenschaft in der Ausbildung der Volksschullehrer". Redner fordert eine grundsätzlich einheitliche Lehrerausbildung. Die Ausbildungsart hat sich anzulehnen an die Aufgabe des Volksschullehrers von heute und erstrebt wahre Menschenbildung im Rahmen der deutschen Volksbildung. Wie die übrigen Träger dieser Aufgaben (Arzt, Geistlicher, Jurist, Ingenieur usw.) muß der Volksschullehrer darum an der Universität ausgebildet werden. Die Erziehungswissenschaft muß die Führung haben, der Hauptnachdruck ist auf die Entwick-
Verwendet die lelegranim-Lrsah-lformulare des Israelitischen ffrauen-Vereins München (t J.) non j$30
