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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
Nr . 10
Volk hervorgcgangcncn Richtern , nicht dem erblichen , auf persönliche
Macht - und Glanzmehrung bedachten Königtum .
Das davidische Königtum entkleidet Kastcin der Gloriole , die ihm
die traditionelle Geschichtsschreibung verliehen hat . Seine Liebe gehört
vielmehr Schau ! , „ dem pathetischen Bauern , der Mischung aus Her¬
kules und Ekstatiker " . Auch für Salomo findet er geistreiche Epitheta :
„ Ein königlicher Kaufmann residiert in Jerusalem . Ein antizipierter
Habsburger , dem ausländische Prinzessinnen fremde Reiche in die Che
bringen . " Das ist wohl mehr geist - als aufschlußreich .
Man kann keine Geschichte der Juden schreiben , ohne an die Er¬
scheinung der Prophetie mit Dcutungsvcrsuchen hcranzugchen . Für den
modernen Menschen eine schwere Aufgabe , schwerer als die Frage der
Offenbarung , die ganz ins Metaphysische gerückt nur eine dogmatische
Deutung zuläßt oder keine . Die Erscheinung der Propheten ist aber
trotz aller Verwurzelung im rein Glaubcnsmäßigcn so real , daß der
Historiker zu ihr Stellung nehmen muß . Und so haben sich Gractz und
Dubnow an den Gestalten der Propheten versucht und beide für ihre
Art der Geschichtsdarstellung eine Lösung gefunden . Dem liberalen
Geschichtsschreiber sind sic die Schöpfer der kultfcindlichcn Gcsinnungs -
rcligion , des Missionsgcdankens im Judentum , dem national einge¬
stellten Dubnow Vertreter der politisch - nationalen Idee . In gewissem
Sinne mögen sie beides gewesen sein . Daß sie cs aber aus eine r
zentralen Idee heraus waren , das darzustellen hat Kastcin zum
erstenmal versucht . Gerade wie er die Einzigartigkeit jüdischen Pro -
phetcntums abgrenzt gegen jede ähnliche Erscheinung der zeitgenössischen
Geschichte , darin sagt Kastcin Gültiges für das Wesen dieser Erschei¬
nung , wodurch allein ihre Wirkung durch die Zeiten erklärt wird . Die
Propheten sind nach Kastcin die ersten Gcschichtsphilosophcn , die ersten ,
die nach einem Sinn in der Geschichte fragen und als Antwort dafür
die Idee des Rechts und der Sittlichkeit finden ( 77 ) . Aus diesen
Gedanken heraus fordern sie neben der Gesetzcserfüllung die Gesinnung ,
sittliche Maßstäbe in der Politik , eine Gesellschaftsordnung der Gerech¬
tigkeit . Von der Idee der Sittlichkeit aus begründen sic die Auserwählt -
hcit Israels , scheiden sic so von jeder ähnlichen Erscheinung der Ge¬
schichte . Auscrwähltheit ist ihnen erhöhte Verantwortung .
Bei der Darstellung der Auseinandersetzung des jüdischen Volkes mit
den Griechen , entgeht Kastein , daß die eigentliche Auseinandersetzung
des Judentums mit dem griechischen Geist nicht damals stattfand , als
cs sich um den Glaubenskampf der Hasmonäer handelte , sondern in
den Zeiten Philos von Alexandrien in seinem Geistcskampf mit Plato
und als Maimonidcs die Lehren des Aristoteles dem jüdischen Weltbild
cinverleibcn wollte .
Den zweihundcrtjährigen Schicksalskainpf mit den Diadochcnrcichen
und mit Rom faßt Kastcin zusammen unter dem Titel : „ Die heroische
Zeit " und rechtfertigt diese Namensgebung mit den Worten : „ Wenn wir
uns entschließen , die Zeit vom Aufstieg des Hasmonäergcschlcchts bis
zur Vernichtung des jüdischen Staates durch Rom heroisch zu nennen ,
sind wir uns bewußt , daß wir damit zugleich Vorgänge glorifizieren ,
die das reine Bild des Juden , der in der Gewaltlosigkeit und Gerech¬
tigkeit der Theokratie verharren und dem Stumpfsinn der Gewalt die
Unüberwindbarkeit des Geistes entgegensetzen will , zuweilen trüben und
verzerren . Wir müssen das in Kauf nehmen . Wir spätgcborenen Nach¬
fahren jener Menschen , die wir vom Intellekt und von der Verehrung
des Nützlichen in der Welt vielfach berührt sind , schulden als ein Ge¬
ringes jener Vergangenheit den Respekt , den noch heute eine mindere
Entschlossenheit , sich für eine Idee zu opfern , uns abnötigt . Wenn wir
cs uns auch nicht zum persönlichen Verdienst anrechnen dürfen , in der
Reihe von Vorfahren zu stehen , deren Heldenmut in aller Geschichte
ohne Vergleich und Beispiel ist , so mag doch hier der rückschauendc
Blick manches Juden , der sich vor der dümmsten Demütigung seiner
Umgebung zu beugen bereit ist , lernen , daß nichts aus seiner ererbten
Vergangenheit ihn zu einer solchen Haltung des Verzichts und der
Schwäche zwingt . Wir verlangen aber auch , wenn wir von dieser Zeit
als einer heroischen sprechen , von denen , die sich mit ihr aus irgend¬
einem Anlaß beschäftigen , jenes Mindestmaß an Achtung und Ehr¬
erbietung , zu dem ein auch nur geringes menschliches Verständnis ver¬
pflichtet und das sie jedem Volke und jedem Befreiungskriege im Über¬
maß zu geben bereit sind . wenn es sich nicht gerade um das
jüdische Volk handelt . "
Hier spricht nicht der Historiker , sondern der Tagespolitiker . Aber so
sehr man auch Nutzanwendungen aus der Historie ablehnen muß , so
gibt Kastein vielleicht doch das wieder , was zu unserer heutigen Situ¬
ation aus dieser Periode gesagt werden muß .
Die zwei Abschnitte über Jeschu von Nazareth und Säul von Tarsus
umfassen rein äußerlich ein volles Zehntel des ganzen Werkes ; dem
Bild von Paulus sind allein 30 Seiten gewidmet . Vergleichen wir
dagegen die Graetzschc Darstellung , so finden wir hier kaum IO Seiten
fortlaufend über Paulus bei einem mindestens zehnmal so großen
äußerlichen Umfang des gesamten Geschichtswcrkes . Kasteins Einleitung
zum Abschnitt über Jesus gibt uns zugleich sein Programm für seine
Darstellung . Cr spricht von ihm „ als einer Gestalt der jüdischen
Geschichte ganz ohne Rücksicht auf theologische oder glaubens -
mäßigc Vorstellung " . - Cs scheint gewagt , das Leben einer rein historisch¬
urkundlich so problematischen Gestalt in seinem Ablauf so durchaus
realistisch zu entwickeln wie es Kastein versucht . Wenn nran bedenkt ,
daß die führende theologische Forschung über das Leben Jesu vor nicht
allzu langer Zeit zu dein Ergebnis gelangt ist : Vite Jesu Christi
scribi nequit , muß man die Frage stellen , ob cs richtig ist , in einer
ernsten Gcschichtsdarstellung all die Vorgänge der Evangelien mit der¬
artiger Bestimmtheit zu analysieren und noch dazu „ als Kern der Dar¬
stellung " ( S . 212 ) zu verwenden .
Historisch klarer und eindeutiger zu erfassen ist die Gestalt von Pau - .
lus , den Kastcin symptomatisch Saul von Tarsus nennt . Aber auch
hier ist viel Konstruktion , eine typische vaticinatio ex eventu , wenn
der Verfasser z . B . Nachweisen will , wie cs zum Auferstehungsglaubcn
und später zu den anderen christlichen Dogmen und zum Bruch mit
dem Judentum kam .
Jur Gegensatz zu der ausführlichen Darstellung dieses Zeitabschnittes
ist das Kapitel über den Talinud ziemlich dürftig ausgefallen . Cs ist
aber nicht zu leugnen , daß die Lehrer der Mischnah und Gamara nach
der positiwen Seite hin mehr Einfluß auf den Ablauf der jüdischen
Geschichte ausgeübt haben als Jesus und Paulus . Rabbi Akkiba lebt
in der Erinnerung des Volkes viel lebhafter als der Talmudlchrer denn
als der geistige Organisator des Barkochba - Ausstandcs . R . Jochanan b .
Sakkai wird als Gründer des Lehrhauscs von Jabne wohl genannt . Aber
Männer wie Rabbi Jehuda Hanasi , der einzige Führer , dem ' das Juden¬
tum den Namen eines rabbenu hakadosch verlieh , Rabban Gamliel
u . a . hätten doch Erwähnung ihrer Person und ihrer Bedeutung für die
Entwicklung der jüdischen Gcistcswclt verdient . Man darf nicht ein -
wendcn , daß Kastein keine jüdische Literaturgeschichte geben will . Der
Talmud kann nicht in den Begriff der Literatur cingereiht werden . Er
ist das Werk , dem der Zusammenhalt , ja die Existenz des Judentums
für Jahrhunderte zu danken ist . Kasteins Darstellung in diesein Ab¬
schnitt ist kaum mehr als ein elegantes Feuilleton .
Das Auftreten des Islam und seine ersten Begegnungen mit dein
Judentum sind bei Kastcin aus zweiten und dritten Quellen , jedenfalls
ausschließlich aus Vermittlungslitcratur geschöpft ; dieser Teil der Dar¬
stellung soll deshalb hier unbeurteilt bleiben .
Wenn Kastcin an späterer Stelle eine Jnhaltangabe und Würdigung
der Werke von Maimonidcs geben will , so bleibt es bei einem
sehr oberflächlichen Versuch , dieser überragenden Gestalt gerecht zu
werden . Schon daß er die halachischen und philosophischen Werke von
Maimonidcs in ihrer Bedeutung nicht differenziert und ihre Wirkung
auf die zeitgenössische und ihren Einfluß auf die spätere Gcistcshaltung
des Judentums gleichsetzt , wird den Tatsachen nicht gerecht . Der More
Nebuchim ist entgegen Kasteins Behauptung durchaus zeitbedingt und
von der arabischen Philosophie beeinflußt ; er allein ist es , der den
fanatischen Kampf um das Wirken des Nanrbain ein Zeitalter lang her -
vorgcrufen hat . Cr ist auch ein Fremdkörper in der Entwicklung des
jüdischen Geisteslebens geblieben und hat mehr auf die christliche Scho¬
lastik als auf jüdische Denker gewirkt . Merkwürdigerweise erwähnt
Kastein die Namen derjenigen jüdischen Philosophen , in deren System
Rambams Bemühungen Fortsetzung finden , Mendelssohn und Hermann
Cohen , in diesem Zusammenhang nicht . Dagegen ist Nambams Kodi¬
fikation des Talmud in ihrer genialen Geistesschärfe und vorbildlichen
Prägnanz von Sprache und Ausdrucksform von so einschneidender Be¬
deutung für die Entwicklung des talmudischcn Studiums bis zum
heutigen Tag geblieben , daß man sie nicht mit einigen allgemeinen
Sähen abtün und einen Gegensatz zwischen geistiger Weite von Misch -
neh tora und Talinud konstruieren kann . Mag Kastein vielleicht auch
mit der Behauptung recht haben , daß dein Maimonidcs bei seiner
Systematisierung des talmudischcn Stoffes ein Abschluß der Entwick¬
lung des talmudischcn Studiums vorschwcbte , Tatsache ist , daß gerade
dieses Standardwerk eine ungeahnte Befruchtung und Weitcrführung
des „ Lernens " gezeitigt hat . Kastein , der Parallelen so liebt , hätte darauf
Hinweisen müssen , daß die Ordnung des talinudischcn Stoffes in seiner
Zeit ebenso die Forderung der Stunde war wie etwa die Niederschrift
der Mischnah oder die Fixierung des Talmuds in ihrer Zeit , daß jene
Ordnung von den Zeitgenossen ebenso als revolutionäre Tat angesehen
wurde , wie sic dem geistigen Schaffen neue Impulse gab .