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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
Nr . 11
werden , und zwar in einem dreibändigen Werk , wovon der erste
Band vor uns liegt . Darin soll dargeftellt werden , wie es zu dem
messianischen Glauben Israels gekommen ist , daß in einer voll¬
kommenen Königsherrschaft Gottes das Verhältnis zwischen
Gott und Welt sich in der Endzeit erfüllen werde und wie diese
Erwartung sich auf die gläubige Erinnerung gründet , daß Israel
in einem historischen Vorgang seiner Vergangenheit einst seinen
Gott — JHWH — zu seinem unmittelbaren und ausschlie߬
lichen Volkskönig ausgerufen hat . Dabei ist für Bubers Frage¬
stellung entscheidend wichtig , „ ob die — notwendigerweise mythi -
sierende — Erinnerung solch eines Geschehens aus einer geschicht¬
lichen Wirklichkeit entstanden ist oder nur eine späte Illusion ,
ein theologisches Kunftprodukt bedeutet " . „ Es muß gewagt
werden , die ihrer unhaltbaren vorkritischen Formulierung wegen
verpönte These einer frühzeitlichen unmittelbar - theokratischen
Tendenz auf dem Grunde der kritischen Forschung neu zu stellen . "
— Man sieht , der Verfasser weiß den Knoten aufs spannendste
zu schürzen ; er fühlt die Kraft , seine allerdings gewagte , fast
waghalsige These einer doppelten Probe auSzusetzen : nämlich
die philologische und geschichtswissenschaft¬
liche Fundierung der in Frage kommenden vorköniglichen
Bibeltexte zur Stütze der neuen Datierung und Interpretation
zu wagen .
In den Strom der bisherigen modernen Bibelforschung ein -
getaucht sind die neuen Buberschen Forschungen ein Beitrag zum
Problem der historischen biblischen Stücke , die oder besser deren
Redaktor man nach einer alten Konvention im alttestamentlichen
Spezialfach als „ Elohift " zu bezeichnen pflegt . Es ist keineswegs
so , daß Buber diese Konvention , die wichtigen Wandlungen seit
200 Jahren ausgesetzt war , mitmacht . Er äußert sich im Vor¬
wort über das Problem der Quellenscheidung so : „ Wenn ich
auch an eine auslösbare zusammenhängende Grundschrift , die
als „ elohiftisch " anzusprechen wäre , nicht zu glauben vermag und
alles dafür Vorgebrachte mich nur auf größere und kleinere ,
untereinander recht stilverschiedene Stücke und Bruchstücke hin¬
führt , halte ich doch die in der Differenzierung von J und E
zum Ausdruck gelangende Unterscheidung zweier großer Grund¬
typen der Traditionsbearbeitung für eine unverlierbare Ent¬
deckung . " „ Iahwift " und „ Elohift " find nach der Ansicht Bu¬
bers verschiedene Richtungen oder Färbungen des Schrifttums ;
beide entstammen zwei sozial und geistig getrennten Kreisen ;
J dem Kreis der höfischen Sammler , mehr profan - politisch ,
E ist der prophetische Typus ; ihm gehören also die für die an - ,
gedeutete These ( von der sehr frühen Entstehung des theokratischen
Gedankens ) maßgebenden Texte an . Eö handelt sich dabei um
eine einheitliche Bearbeitungsweise des Traditionsgutes , die schon
in der ältesten Traditionsformung angelegt ist . Man sieht , wie
Buber mit der formgeschichtlichen Methode Ernst macht .
In acht Kapiteln will der erste vorliegende Band unter diesen
Forschungsprinzipien für die Frühzeit Israels die Glaubensvor -
ftellung eines Volkskönigstums Gottes als eine äktuell - geschicht -
liche erweisen , in scharfem Gegensatz zu der herrschenden Lehre ,
die in wechselnden , bald völkerpsychologisch gefärbten , bald reli¬
gionsgeschichtlich ausgerichteten Hypothesen fremde Herkunft der
Messiashoffnung , meist eine Wanderung der Idee von Ägypten
über die Amoriter zu Altisrael und zu den Propheten annimmt .
Im ersten Kapitel behandelt Buber den Gideonspruch ( Richter
8 , . 23 ) , in dem der siegreich vom Befreiungskrieg gegen Midian
keimkehrende Führer das erbliche Herrschertum ablehnt : „ Nicht
ich will über euch walten , auch nicht mein Sohn , Gott selbst
soll über euch regieren . " „ Sein Nein will für alle Zeiten und
Geschichtsgestaltungen als ein unbedingtes gelten . " „ Der Spruch
wagt es , mit der Theokratie Ernst zu machen . " Also kein sekun¬
däres Produkt , keine Rückprojizierung aus der nachexilischen
Situation in die Frühzeit , wie uns Stellen wie Richter 8 , 23
aus der kritischen Bibelwissenschaft allgemein geläufig geworden
sind , sondern echtes historisches Gut aus der israelitischen Früh¬
zeit , echt im Sinn eines Geschichte schreibenden , gläubig dichten¬
den Gedächtnisses , geschichtsmöglich , nicht massiv ge¬
schichtswirklich wie eine Photographie oder die Töne aus einem
Grammophon .
Wir wollen dem Zug der Darstellung Bubers skizzenhaft
weiter folgen und erst später im Zusammenhang sein Geschichts¬
bild , was er unter „ Geschichtlichkeit " , namentlich unter bib¬
lischer Geschichte sich vorftellt , wiederzugeben versuchen .
Das Glanzftück des ganzen ersten Bandes ist das zweite
Kapitel : „ Richterbücher und Richterbuch " . An der Behandlung
des anziehend - abstoßenden Rätsels der 21 Kapitel der „ Richter "
scheiden sich von jeher die Geister der Erklärer . Hier liegt wirk¬
lich der Prüfstein für das Wissen um die Herkunft der Bibel .
Aus einem antimonarchischen Teil und einer vollkommen deutlich
unterscheidbaren ( aus den letzten 5 Kapiteln 17 — 21 bestehenden )
streng monarchistischen Anhang - Chronik ist neben anderen hier
wegzulassenden festen Kernstücken das Buch der Richter zusam¬
mengesetzt , das ist die Hauptentdeckung Bubers , die übrigens
verwandt ist mit der Auffassung H . M . Wieners in seinem
neuen Werk The Composition of Judges II , 11 to Kings
II , 46 . Und zwar hat nach Buber in der samuelischen Krisis ,
nicht später , die anti - monarchische Richter - Tradition ihre
entscheidende Formung erfahren , während es für die monarchi¬
stische Gegenschrift Richter 17 — 21 nicht eine Traditionssor -
mung , sondern ein literarisches Werk zu datieren gilt . Das eine
Buch ist naiv - theokratisch , eS erzählt echt , begeistert und gläubig ;
die Gegen - Chronik unternimmt eine literarische Richtigstellung
und widerlegt ein sie illusionär dünkendes Geschichtsbild : Das ,
was ihr für Theokratie ausgebt , ist Anarchie gewesen . Daher in
der monarchistischen , sich religiös überlegen fühlenden Anhangs -
Chronik die Wiederholung : „ In jenen Tagen gab es keinen
König in Israel , jedermann tat , was in seinen Augen gerad
war . " Die äußerste Verschiedenheit beider Teile weiß Buber
mit der lebhaftesten Eindringlichkeit im einzelnen und vom
Ganzen her darzustellen . Die Micha - Geschichte des Kapitels 17
— eine der wichtigsten ganz ursprünglichen uralten „ Aufschlüsse "
in der Bibel — ist in der Buberschen Gesamtansicht doch viel¬
leicht nicht restlos aufgegangen . Und in der Antithese der zwei
Bücher verfteigt sich der Verfasser sogar , das einzigemal im
Laufe der sonst so besonnen und überaus fein ausgewogenen ,
tiefen und neuen Einsichtvermittlung in die biblischen Bücher .
„ Mündlichkeit und Schriftlichkeit , Festigkeit und Verworren¬
heit , aber auch Kunde und Berichtigung , religiös - politische Lehre
und ihr „ reinpolitischer " Widerpart , jedenfalls Setzung und
Gegensetzung , so stehen die beiden Bücher beieinander , die ein
merkwürdiger AuSgleichsgeift zusammengeschlossen hat , der gleiche
Geist , aus dem dann der Kanon entstand . " Das ist die einzige
Stelle , die ich in dem ganzen Buch als übertrieben und über¬
spitzt empfinde , mit Ausnahme der Schluß - Apposition , die ein
tiefes Wissen um den Sachverhalt der Bibelentftehung verrät .
Wie nun wirklich monarchiefeindliche Schrift und Gegenschrift
nach der Vorstellung von Buber zu einer bruchlosen Einheit kom¬
poniert werden und nebeneinander als wahr bestehen konnten